Zukunftsorientierte Einsatzkommunikation im BOS:

Wie sich Digitalfunk und Messenger optimal ergänzen

Tobias Stepan

PantherMedia / Kheng Ho Toh

Bei Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) vergeht kein Tag ohne kritische Einsätze. Für sie gehören Notfälle oder gar Großschadenslagen zum Arbeitsalltag. Bereits wenige Minuten können darüber entscheiden, welchen Ausgang ein solches Szenario nimmt. Eine durchgängige, unkomplizierte und verlässliche Kommunikation wird zum Schlüssel, um schnell reagieren und Einsätze entsprechend koordinieren zu können. Denn nicht selten erfordern sie ein Zusammenspiel verschiedener BOS – etwa der Feuerwehr, der Polizei und des Technischen Hilfswerks. Passende Kommunikationstools können hier eine wertvolle Unterstützung leisten. Doch welche eignen sich für die speziellen Anforderungen des BOS? Wo liegen ihre Möglichkeiten und Schwachstellen? Und welche technologischen Entwicklungen sind künftig zu erwarten?

Indem Kommunikationstools alle relevanten Beteiligten – von der Zentrale bis hin zu den BOS-Einsatzkräften – miteinander vernetzen, helfen sie, Einsätze besser zu planen und zu organisieren. Auf diese Weise verbessern sie die Einsatzkommunikation und Zusammenarbeit nachhaltig. Das grundlegende Werkzeug, das sich für eine erfolgreiche Sprachkommunikation im BOS-Bereich etabliert hat, ist der Digitalfunk. Da Einsatzkräfte häufig mit einem digitalen Funkgerät ausgestattet sind, ist eine ganzheitliche, digitale Sprachkommunikation sichergestellt.

Stärken und Grenzen des Digitalfunk BOS

Mittlerweile genügt es jedoch nicht mehr, vorwiegend über Sprachnachrichten zu kommunizieren. Digitale Inhalte, wie etwa Videos von Überwachungskameras, hochauflösende Fahndungsfotos oder detaillierte Einsatzbeschreibungen, auszutauschen, spielt eine immer größere Rolle. Liegt die große Stärke des Digitalfunknetzes in der sicheren Übertragung von Sprache, die verschlüsselt und so vor dem Abhören durch Unbefugte oder der Manipulation durch Dritte geschützt ist, ist es nicht für eine breitbandige Datenkommunikation ausgelegt. Zwar lassen sich Kurzdatennachrichten, Statusmeldungen und GPS-basierte Standortdaten übermitteln, aber nicht Fotos und Videos. 

Auch die Gruppenkommunikation, bei der sich Funksprüche an alle Teilnehmer einer definierten Gruppe übersenden oder sich Einsatzkräfte BOS-übergreifend in Funkrufgruppen zusammenschalten lassen, stößt aufgrund fehlender Übersichtlichkeit und der Gewissheit, dass alle die Kommunikation aktiv wahrgenommen haben, an ihre Grenzen. In der Konsequenz weichen die Einsatzkräfte auf Messaging Lösungen wie die Consumer App WhatsApp aus. Eine derartige Schatten-IT ist höchstproblematisch, da keine zentrale Kommunikationssteuerung gegeben ist und Sicherheitslücken entstehen. Im schlimmsten Fall geraten sensible Daten und Informationen in falsche Hände. Zugleich können sich die Einsatzkräfte strafbar machen, da WhatsApp weder ein ausreichendes Datenschutzniveau noch die nötige Datensicherheit bietet und somit im Widerspruch zur DSGVO steht.

Gesucht: Kommunikationslösung, die den Digitalfunk ergänzt

Ein Ansatz, der die Sprachkommunikation um den Austausch digitaler Inhalte erweitert, liegt im Zusammenspiel zwischen Digitalfunk und sicherer Messaging App. Diese muss sowohl auf mobilen Endgeräten als auch in der Einsatzzentrale am Desktop-PC nutzbar sein und einen schnellen, effektiven Austausch sicherstellen. Ebenso darf sie der beliebten Consumer App in Sachen Benutzerfreundlichkeit in nichts nachstehen. Das erhöht die Akzeptanz und steigert die Nutzungsintensität.

Gewappnet für alle (Anwendungs-)Fälle

Genauso entscheidend, wie die Benutzerakzeptanz, ist es, alle relevanten Anwendungsfälle durch intuitive Funktionen schnell und einfach abzubilden. Messaging Apps haben sich hinsichtlich ihrer Funktionalitäten stark weiterentwickelt, sodass BOS-Einsatzkräfte zahlreiche Szenarien effektiv abdecken können. Die folgenden Funktionen sind für den BOS essenziell.

Beispielhafte Alarmfunktionen in einem Messenger.
Beispielhafte Alarmfunktionen in einem Messenger.
Quelle: Teamwire

1. Einsatzspezifische Gruppenchats

Die Gruppenkommunikation bildet einen zentralen Pfeiler, um eine Vielzahl an Einsatzkräften bei Großschadenslagen, etwa einem Anschlag auf ein öffentliches Gebäude, einem Unglück bei einer organisierten Massenveranstaltung oder einer Naturkatastrophe, in kürzester Zeit zu erreichen. Diese Ereignisse können zu einer erheblichen Gefährdung oder Schädigung einer großen Anzahl an Menschen, der Umwelt und Infrastrukturen führen, sodass ein schnelles und vor allem koordiniertes Handeln gefragt ist. Ein Beispiel: Würde man für eine Großstadt wie Berlin einen einzigen Gruppenchat aufmachen, entstünde ein totales Chaos. Zahlreiche Themen würden vermischt werden und Menschen aneinander vorbeikommunizieren, da sie verschiedene Anliegen haben und unterschiedliche Aufgaben erledigen. Gleiches trifft auf einen Gruppenchat aller BOS-Einsatzkräfte zu. Für eine effektive und zielführende Kommunikation muss es daher möglich sein, mit wenigen Klicks einsatzspezifische Gruppenchats aufzusetzen. Dies lässt sich mithilfe von Verteilerlisten für Einsatzteams, Regionen und Fachbereiche realisieren. Die Verteilerlisten lassen sich einzeln anwenden oder kombinieren, um jede erdenkliche Einsatzteam-Konstellation schnell abzudecken.

2. Alarmierungen

Digitalfunkgeräte sind mit einer Notruftaste ausgestattet. Sie dient dem Zweck, in Not geratene Einsatzkräfte schnell zu lokalisieren. Bei Betätigung der Notruftaste wird eine direkte Sprechverbindung aufgebaut, die Vorrang vor allen anderen hat. Der Notruf wird automatisch an die zuständige Stelle beziehungsweise die jeweilige Gruppe durchgestellt. Um die Notfallkommunikation noch besser zu gestalten, braucht es zusätzliche Alarmierungsfunktionen, wie etwa Quittierungsoptionen und Alarmberichte. Sie ermöglichen es, sofort einsehen zu können, wer den Alarm bereits erhalten und aktiv gelesen hat – und wer nicht.

3. Live-Standort-Übermittlung

Den Aufenthaltsort von Einsatzkräften in Echtzeit – anstelle von punktuellen oder gar historischen GPS-Daten – verfolgen zu können, verbessert die Einsatzkoordination enorm. Benötigt der Rettungsdienst beispielweise bei einem Autounfall weitere Unterstützung, kann er über die Live-Location abfragen, wo sich andere Einsatzkräfte gerade aufhalten und wie weit sie vom Einsatzort entfernt sind. Dies kann als Entscheidungsgrundlage dafür dienen, wer als Verstärkung angefragt wird.

4. Einfach abfragbare Informationen

Anstatt Informationen über den Digitalfunk oder einen Telefonanruf bei der Einsatzzentrale einzuholen, können Einsatzkräfte in einer Messaging App Anfragen mittels Bots stellen, etwa um Aktendaten und Einsatzbeschreibungen automatisch zu erhalten. Hierfür gilt es, Einsatzleit- und Vorgangsbearbeitungssysteme über eine offene API (Programmierschnittstelle) an das Kommunikationstool anzubinden. Außerdem bieten die Chats eine Suchfunktion, sodass Informationen leicht auffindbar sind. Ein weiterer Vorteil gegenüber mündlich kommunizierten Informationen per Digitalfunk besteht darin, dass übermittelte Nachrichten in der Messaging App jederzeit abrufbar sind und dass sich die Einsatzkräfte nicht alle Details merken müssen.

5. Zentrale (Kommunikations-)Steuerung

Idealerweise steuert die Einsatzzentrale die Kommunikation zentral. Dies gelingt allerdings nur mit eigenen und vor allem autorisierten Kommunikationstools. Durch die Nutzung von Consumer Apps wie WhatsApp entsteht nicht nur eine gefährliche Schatten-IT. Zugleich fehlen eine Rollen- und Rechtestruktur. Zudem ist nicht sichergestellt, dass alle Informationen an der richtigen Stelle beziehungsweise bei den richtigen Personen ankommen. Dass die Organisation in der Regel mobile Geräte stellt, die in eine zentrale Mobilgeräteverwaltung (MDM-Umgebung) eingebunden sind, ist eine gute Voraussetzung, um die Kommunikation um eine sichere Messaging App zu ergänzen. Zugleich vereinfacht dies die Kommunikation zwischen Einsatzkräften und Rettungsleitstellen. Die Disponenten, deren Tätigkeiten hohe kognitive und kommunikative Anforderungen haben, erfahren so eine Entlastung.

Polizeikommunikation kann mit Messenger Apps erleichtert werden.
Polizeikommunikation kann mit Messenger Apps erleichtert werden.
Quelle: Teamwire

Die Zukunft der Einsatzkommunikation

Bereits heute wird deutlich, dass ein Zusammenspiel aus Digitalfunk und sicherer Messaging App für eine allumfassende Einsatzkommunikation unerlässlich ist. Davon ausgehend, gibt es zahlreiche weitere Entwicklungen, die zeigen, wie die Zukunft der Einsatzkommunikation aussehen könnte:

1. Zusammenschluss von Digitalfunk und Messenger-Diensten

Nicht nur die Tetra-Netze des Digitalfunks werden sich verbessern, sondern mit 5G tritt ein neuer leistungsstarker Mobilfunkstandard auf den Plan, der die Kommunikationsmöglichkeiten deutlich erweitert. Infolgedessen wird es bei beiden Kommunikationstools zunehmend Überschneidungen und Konvergenzen geben. So ist vorstellbar, dass sie sich langfristig zusammenführen lassen. Dies würde den Umstand lösen, dass aufgrund eines fehlenden Standardprotokolls bei Messengern aktuell noch keine übergreifende Kommunikation verschiedener BOS, etwa Polizei, Feuerwehr und Technisches Hilfswerk, möglich ist.

2. KI-basierte Kommunikation

In Zukunft kann künstliche Intelligenz (KI) BOS-Einsatzkräfte in der Kommunikation unterstützen – auch wenn sie zuweilen noch in den Anfängen steckt. Unter der Voraussetzung, dass verschiedene Systeme verknüpft sind und sich Akten, Standortinformationen sowie weitere einsatzrelevante Daten kombinieren lassen, werden neue Kommunikationsszenarien abbildbar. Wird zum Beispiel ein Fahrzeug mit überhöhter Geschwindigkeit in einer stationären Radar­anlage erfasst, ist denkbar, dass die Einsatzkräfte im Umkreis automatisch über Fahrzeugtyp, Kennzeichen und Halter informiert werden und automatisch ein Foto des Vorfalls erhalten. Oder wird ein Kind in einem Park vermisst, kann die KI die Geopositionen und -strecken der Einsatzkräfte automatisch auswerten und Bereiche vorschlagen, die sie noch nicht genug beziehungsweise zu wenig abgesucht haben.

3. Innovative Endgeräte und Nutzerinterfaces

Schon bald wird es erste Smartphones mit ausgefeilten Push-to-Talk-Funktionen geben. Aber auch Messenger, die Push-to-Talk-Funktionen integrieren, sind keine Zukunftsvision mehr. Denkbar ist zudem, dass neuartige hybride Digitalfunkgeräte auf den Markt kommen, die mit typischen Smartphone-Applikationen ausgestattet sind. Zudem werden sich neue Nutzerinterfaces herausbilden, die ideal auf die Arbeit der BOS abgestimmt sind. Vielversprechende Kandidaten sind Smartwatches, die sich in den letzten Jahren technisch rasant entwickelt haben. Sie sind leicht, robust und warten mit immer mehr Funktionalitäten auf. Darum eignen sie sich besonders für BOS-Einsatzkräfte.

4. Umfassendere Sicherheitsanforderungen

Die technischen Sicherheitsanforderungen an Kommunikationstools werden künftig noch höher sein. Durch die zunehmende Verknüpfung von Systemen wird eine sichere Datenverwaltung genauso von Bedeutung sein wie ein ganzheitliches Daten- und Zugriffsmanagement. Mit den technischen Möglichkeiten wächst auch die Bedrohung durch Cyber-Angriffe. Die Verschlüsselungsalgorithmen der Kommunikation weiter zu stärken und zusätzliche Sicherheitsfunktionen zu etablieren, wird folglich zwingend sein.

Fazit: Einsatzkommunikation zukunftsorientiert gestalten

Schon heute können BOS-Einsatzkräfte von den Kommunikationsmöglichkeiten profitieren, die durch das Zusammenspiel von Digitalfunk und sicherer Messaging App zum Tragen kommen: eine schnellere, einfachere und produktivere Zusammenarbeit. Auch wenn dies mit Investitionen in neue Kommunikationstools – sowie unter Umständen in IT-Systeme und Endgeräte – einhergeht, werden sich die Einsparungspotentiale bei den Altsystemen bemerkbar machen. Langfristig betrachtet, sinken die Kommunikationskosten, während sich die Qualität der Einsatzkommunikation verbessert und zu schnelleren Einsatzerfolgen führt.


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