Eine Freiwillige Feuerwehr im Porträt

Heinz Neumann

Heinz Neumann

Berufsfeuerwehren stehen oft im Fokus in CP. Ihre Spezialisten sind bestens ausgebildet und ausgerüstet, ihre Expertise ständig gefragt. Das Rückgrat in Deutschland sind jedoch die Freiwilligen Feuerwehren, etwa 70 % aller Einsätze werden von ehrenamtlichen Kräften gefahren. Es gibt bei uns ca. 24 000 Freiwillige Feuerwehren mit über einer Million Mitgliedern. Demgegenüber stehen „nur“ 107 Berufsfeuerwehren. Trotz aller Möglichkeiten, die die Profis haben, könnten sie unmöglich ohne ihre freiwilligen Kollegen die Bevölkerung betreuen, und zwar nicht nur zeitlich und personell, sondern auch finanziell wäre das unmöglich. Natürlich müssen die Fahrzeuge der Freiwilligen Feuerwehr (FF) auch finanziert werden, aber die Einsätze selbst sind weitgehend kostenlos für Städte und Gemeinden. Wir fanden, dass es an der Zeit ist, auch einmal eine typische FF-Einheit zu porträtieren.

Einheitsleiter Ingo Reiners ist Feuerwehrmann seit seiner Jugend.
Einheitsleiter Ingo Reiners ist Feuerwehrmann seit seiner Jugend.
Quelle: Heinz Neumann

Hemmerden ist ein Ortsteil von Grevenbroich, einer Stadt mit 67 000 Einwohnern im Rheinland. Die Freiwillige Feuerwehreinheit Hemmerden gehört als Organisation zur Stadt und ist ein Teil der Feuerwehr Grevenbroich, die sich aus acht freiwilligen Löschzügen und einer hauptamtlichen Wache zusammensetzt. Im Alarmfall laufen die Notrufe bei der „Integrierten Leitstelle“ in Neuss auf – der nächstgelegenen Großstadt –und parallel in Grevenbroich. Die Neusser Leitstelle alarmiert nach Alarm- und Ausrückeordnung die hauptamtliche Wache in Grevenbroich sowie die zuständigen freiwilligen Einheiten.

Unser Gesprächspartner ist der ehrenamtliche Einheitsführer Brandinspektor Ingo Reiners. Er ist 45 Jahre alt, gelernter Kfz.-Mechaniker und lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern im Ort. Interessant ist, dass er schon als Jugendlicher zur Feuerwehr gestoßen ist und sich später, anstatt Wehrdienst zu leisten, für acht Jahre bei der FF verpflichtet hat. Und er ist verwurzelt in seinem Wohnort: Mitglied im Kegelverein, Mitglied der Schützen, bodenständig, bekannt für Hilfsbereitschaft und Verantwortungsgefühl. Diese Biographie dürfte durchaus typisch sein für Ehrenamtler bei der Feuerwehr, wahrscheinlich für Ehrenamtler überhaupt.

Man hört in den letzten Jahren vermehrt Klagen über den Rückgang des Ehrenamtes, über die Schwierigkeiten, Nachwuchs zu rekrutieren, geeignete junge Menschen einzubeziehen. Vielleicht sollte man sich einmal die Mühe machen, in Gemeinden und Städten Menschen mit ähnlichen Biographien und Interessen ausfindig zu machen und anzusprechen. Hier existiert wohl ein Reservoir für das Ehrenamt, das noch nicht ausgeschöpft ist…

Die beiden Löschfahrzeuge der FF Hemmerden.
Die beiden Löschfahrzeuge der FF Hemmerden.
Quelle: Heinz Neumann

Reiners überlegt bei der Frage, wie viele Stunden er der Feuerwehr monatlich widmet und kommt zu einer Zahl, die zwischen 15 und 25 schwankt. Außer den Einsätzen schlagen zu Buche: Vorbereitung von Ausbildungen, Bearbeitung von Mängelberichten, Organisation der Wartung von Geräten, von Festen und öffentlichen Auftritten und viele andere Kleinigkeiten, die über seinen Schreibtisch laufen. Seine Familie ist nicht immer begeistert: „Sie wünscht sich oft mehr Zeit mit mir, steht aber vollkommen hinter mir, sonst ginge das nicht. Meine Frau ist Polizistin, sie hat dafür Verständnis.“

Die FF Hemmerden hat Tradition, wurde schon vor dem Ersten Weltkrieg gegründet. 20 Mitglieder stehen heute in der Einsatzabteilung zur Verfügung, dazu kommen sechs Mitglieder in Ehren- und Unterstützungsabteilung. Bis auf ein Minibudget für Porto und einen kleinen Betrag für die Kameradschaftskasse als städtischen Zuschuss zu Grillabenden etc. trägt sich die Einheit allein.

PSA und technische ­Ausrüstung

Die Zusammenarbeit mit der Stadt wird als zufriedenstellend empfunden. Die Ausrüstung ist erstklassig, großartige Wünsche bleiben nicht offen. Die Einheit verfügt über drei Fahrzeuge: ein LF 8 (Löschgruppenfahrzeug), ein TLF 3000 (Tanklöschfahrzeug) und ein MTF (Mannschaftstransportfahrzeug).

Dazu kommen PSA (pers. Schutzausrüstung) und notwendige Werkzeuge. Ingo Reiners hat keine Beschwerden: „Was wir brauchen, kriegen wir. Auch Ersatzbedarf oder Reparaturen sind kein Thema, alles läuft unbürokratisch über die Feuerwache. Die Qualität der PSA ist gut. Mit unserer PBI-Bekleidung sind wir sehr zufrieden, schnittschutz- und brandschutztechnisch sind wir richtig gut aufgestellt. Die Helme und Stiefel sind sehr hochwertig. Ich glaube, manche anderen Feuerwehren könnten da schon neidisch werden. Unser hauptamtlicher Leiter Udo Lennartz setzt sich sehr für uns ein, macht einen guten Job.“ Selbst Taschenlampen oder Messer werden gestellt. Das ist auch sinnvoll, weil privat beschaffte Gegenstände aus versicherungstechnischen Gründen nicht im Einsatz benutzt werden dürfen.

Die Persönliche Schutzausrüstung ist erstklassig.
Die Persönliche Schutzausrüstung ist erstklassig.
Quelle: Heinz Neumann

Alles, was die örtlichen Möglichkeiten überschreitet, wird zusammen mit der hauptamtlichen Wache bearbeitet, die über zusätzliche Sonderfahrzeuge wir Drehleiter, Abrollbehälter Gefahrgut oder Rüstwagen verfügt. Bei allen Einsätzen, die Spezialisten erfordern, gilt für die Einheit Hemmerden die GAMS-Regel: Gefahr erkennen, Absperren, Menschenleben retten, Spezialkräfte anfordern.

Typische Einsätze im Dorf sind kleinere Brände wie der klassische Zimmer- oder Dachstuhlbrand, Verkehrsunfälle mit eingeklemmten Personen, Sturmschäden, Wassereinsätze. Mitunter gibt es Dinge, die den Rahmen sprengen. Ingo Reiners erinnert sich:

„Vor Jahren hat sich jemand in einer hohen Werkshalle am Ausleger eines Krans aufgehängt, und man war nicht in der Lage, den Toten zu bergen. Das mussten wir dann tun. So etwas vergisst man nicht – ein unglücklicher Mensch hängt in großer Höhe, mutterseelenallein in einer riesigen Halle. Ein anderer tragischer Fall, den ich nicht vergessen kann, war der Tod eines jungen Mannes mit einem Aneurysma im Kopf, der ohnmächtig wurde. Wir haben ihn mit großem Aufwand aus misslicher Lage über die Drehleiter geborgen und reanimiert. Er wurde dann schnellstmöglich mit dem Hubschrauber in eine Klinik geflogen. Als ich hörte, dass er dort trotz aller Anstrengungen bald verstorben ist, hat mich das sehr betroffen gemacht.“

Wie geht man als freiwilliger Feuerwehrmann mit außergewöhnlichen Belastungen um, die zwangsläufig vorkommen? Ingo Reiners weiß in der Regel allein damit fertig zu werden:

„Ich weiß, dass ich meine Erlebnisse im Dienst nicht zu nah an mich herankommen lassen darf, und das gelingt mir in der Regel. Aber ich hatte auch Glück: Ich bin nun 27 Jahre bei der Feuerwehr und wurde noch nie mit dem Tod eines Kindes konfrontiert. Von Kollegen weiß ich, dass solche Einsätze am meisten belasten.“

Alarmsysteme: Von der Sirene zum digitalen Verfügbarkeitssystem

Die FF Hemmerden war bei Alarmsystemen Vorreiter in Grevenbroich, indem sie ein neues computergestütztes Verfügbarkeitssystem einführte. Parallel dazu wird jedoch weiterhin der seit Jahren vorhandene Funkmeldeempfänger genutzt, der Pager, auch als „Piepser“ bekannt. Ingo Reiners war damit nie richtig zufrieden, obwohl er gegenüber der früher einzigen Alarmmöglichkeit Sirene schon einen Fortschritt darstellte: 

Die Ausstattung der Fahrzeuge ist professionell.
Die Ausstattung der Fahrzeuge ist professionell.
Quelle: Heinz Neumann

„Ich wusste mit dem Pager nie, wer nun wirklich am Einsatz teilnimmt. Signale gehen nur in eine Richtung, Rückmeldung ist nicht möglich. Man wusste nicht, kommt der noch, oder kommt der nicht? Habe ich genug Leute für den Einsatz oder sogar zu viele?“

Er schaute sich auf dem Markt um, testete etliche Systeme, die aber nicht überzeugten. Reiners stieß dann auf das heute genutzte Alarmsystem eines Wuppertaler Herstellers. Und stellte fest, dass er den Geschäftsführer des Unternehmens gut kannte – er ist ehemaliger Feuerwehrkamerad, der mit ihm zusammen vor vielen Jahren Mitglied der Jugendfeuerwehr war.

Das Alarmsystem war zu diesem Zeitpunkt noch in der Aufbauphase, und Ingo Reiners konnte seine persönlichen Wünsche und Anregungen einbringen. Es ist als Verfügbarkeitssystem in der Lage, Standorte und Einsatzkräfte in unbegrenzter Zahl zu erfassen und auf beliebig vielen Monitoren darzustellen. Damit war es ideal für Freiwillige Feuerwehren, die oft das Problem haben, dass die Einsatzstärke abhängig von Tageszeit und Wochentag schwankt und schlecht einschätzbar ist.

Bisher war es so, dass die Personalverfügbarkeit dem Zufall überlassen werden musste und erst viele Minuten nach dem Alarm klar war, in welcher Mannschaftsstärke man ausrücken konnte. Das in Hemmerden verwendete Alarmsystem nutzt Mobilfunk- und Internetverbindungen und erfasst so schon Sekunden nach der Alarmierung die individuelle Verfügbarkeit jedes Mitglieds. Alle Rückmeldungen werden in der App, auf dem Alarmmonitor und in der Leitstelle angezeigt. Führungskräfte wissen sofort, ob die aktuelle Personalstärke für einen ersten Abmarsch ausreicht oder ob nachalamiert werden muss.

So wird nicht nur die effiziente Ausrückstärke gesichert, die Schnelligkeit nach dem Alarm erhöht, sondern der Einheitsleiter kann auch die Belastungen der einzelnen Kräfte gleichmäßiger verteilen und verhindern, dass einzelne Kräfte das Gerätehaus vergeblich anfahren, um dann festzustellen, dass sie nicht gebraucht werden.

Es sprach sich schnell bei den anderen Einheiten herum, dass in Hemmerden ein neues Alarmsystem genutzt wurde, das offensichtlich mehr konnte als andere. Bald wurde vom Kreisfeuerwehrverband des Rheinkreises Neuss beschlossen, es für zunächst zwei Jahre auf Kreisebene einzuführen und zu testen.


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