Schnittstelle für Leitstellen-Vernetzung der Kassen­ärztlichen Vereinigungen auf Basis des Universal ­Control Room Interface (UCRI) entwickelt

Thorsten Hansler

ZRF

Als Expertenforum Universelle Leitstellenschnittstelle (EFUL) gründete der PMeV – Netzwerk sichere Kommunikation im Jahr 2016 ein Arbeitsgremium für Experten, die gemeinsam das Ziel der Bereitstellung der Definition einer Universellen Leitstellenschnittstelle für stationäre und mobile Sprach- und Datenanwendungen verfolgen. Fünf Jahre nach seiner Gründung legte dieses Gremium eine erste Version einer Standardschnittstelle, das Universal Control Room Interface (UCRI), vor.

Auch Innenministerien der Bundesländer empfehlen UCRI

Gegenwärtig kommt UCRI schwerpunktmäßig bei der Vernetzung der Leitstellen der regionalen Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) in Deutschland mit den Öffentlichen Leitstellen zum Einsatz. Die Dachorganisation der KV, die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), hatte sich für die UCRI-Schnittstelle zur Vernetzung der Leitstellen entschieden. Auf dieser Basis werden nun die regionalen KV-Leitstellen mit den Rettungsleitstellen 112 vernetzt. Aufgrund des offenen Ansatzes kann das Standard-UCRI-Protokoll ohne Probleme erweitert werden. Künftig sind alle Leitstellen der Kassenärztlichen Vereinigungen in der Lage, Einsätze mit den Rettungsleitstellen 112 auszutauschen. UCRI überzeugt aber keinesfalls „nur“ die KV: Auch die Expertengruppe Leitstellentechnik und Notrufe (EGLN) der ständigen Konferenz der Innenminister der Bundesländer (IMK) und der Fachverband Leitstellen, ein Zusammenschluss der Bediensteten in den Leitstellen, empfehlen UCRI als Standard für die Schnittstelle zu den KV-Leitstellen. Dieser Empfehlung folgen nahezu alle aktuellen Ausschreibungen.

Kassenärztliche Bundesvereinigung hat Projekt 2019 gestartet

Die KBV hatte am 16. Januar 2019 zur ersten Kooperationstagung Rettungsleitstellen in Berlin geladen, um den Austausch mit den Rettungsleitstellen und den zuständigen lokalen und regionalen Partnern zu starten. Die Aufgaben des Rettungsdienstes sind nach dem Föderalismusprinzip des Grundgesetzes durch Landesgesetze geregelt und werden durch die BOS- Rettungsleitstellen (bzw. Integrierten Leitstellen) 112 wahrgenommen. Die Rettungsleitstellen 112 sind die Hauptakteure in der Notfallrettung des deutschen Gesundheitswesens. Im Rahmen dieses sogenannten Sicherstellungsauftrags betreibt die KBV u. a. die bundesweit einheitliche Rufnummer 116117 für den Ärztlichen Bereitschaftsdienst. Zur Weiterentwicklung dieses Dienstes benötigt die KBV die Definition einer bundeseinheitlichen Software-Schnittstelle zwischen den KV-Servicestellen 116117 und den Rettungsleitstellen 112, damit die jeweils erhobenen Patientendaten bidirektional übergeben werden können.

Aktuelle Projekte der Kassenärztlichen Vereinigungen in den Bundesländern

Die aktuellen Projekte im Bereich der Vernetzung der Kassenärztlichen Leitstellen mit den öffentlichen Leitstellen betreffen die Bundesländer Hessen, Nordrhein-Westfalen, Saarland und Sachsen. Weiterhin liegt eine Anfrage aus Frankreich vor. In diversen Projekt- und Landesausschreibungen wird bereits UCRI gefordert. In den Projekten wurde auch gezielt auf den Datenschutz geachtet und mit den jeweiligen Datenschutzbeauftragten ein Datenschutzkonzept erstellt. Da die zu übergebenden Daten im Netz nicht zwischengespeichert oder vorgehalten werden, sind hierbei keine gesonderten Maßnahmen zu ergreifen. Die Kommunikation zwischen den Leitstellen erfolgt verschlüsselt über die Demilitarisierten Zonen (DMZ) der einzelnen Leitstellen und ermöglicht somit die Einhaltung der jeweiligen Vorgaben des Datenschutzes.

Ebenso ist der Datenschutz gewährleistet, sobald Diensteplattformen der Leitstellenanbieter wie Fottenserver, Leitstellenverbundserver, CommonRoutingPlatform und andere mittels UCRI vernetzt werden sollen. Durch diese Maßnahmen ist langfristig auch gewährleistet, das KV Leitstellen und 112 Leitstellen zusammenarbeiten können und eine optimale Gesamtversorgung der Bevölkerung gemäß dem Erlass des damaligen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn aus dem Jahr 2019 gewährleistet sind. Die KBV hat die in UCRI zulässigen Erweiterungen von Datenfeldern umgesetzt und somit eine auf UCRI basierende KV- Schnittstelle definiert.

Beispiel: Kassenärztliche Vereinigung ­Saarland

Das Beispiel der KV Saarland liefert einen Einblick in den Projektablauf: Bislang wurde dort von Unternehmen, die sich im UCRI engagieren, primär der erste Anwendungsfall „Einsatzübergabe“ umgesetzt. Es folgte die Erweiterung der Schnittstelle um die Anforderungen der KBV, die somit ergänzende Informationen aus dem Bereich des ärztlichen Notdienstes, wie z.B. Ergebnisse der strukturierten Notrufabfrage, an die öffentliche Leitstelle übergeben kann. Durch den technischen Basisansatz der EFUL-­Arbeitsgruppe sind solche spezifischen Erweiterungen jederzeit möglich und können in das Protokoll einfließen.

Die Umsetzung und Implementierung von UCRI im Dispositionsprozess des Projektes im Saarland hat sich als sehr einfach und pragmatisch erwiesen. Der Disponent erfasst wie gewohnt seinen Einsatz und erkennt, dass er diesen zur 112 oder umgekehrt zur 116117 übergeben muss. Die jeweiligen Einsatzleitsysteme schlagen den Alarmweg über UCRI vor. Im Rahmen der Alarmierung werden dann die bereits erfassten Einsatzdaten an die zuständige Leitstelle übergeben. Dort erscheint der Einsatz als offener zu disponierender Einsatz und muss vom Disponenten angenommen werden. Die alarmierende Leitstelle bekommt eine positive Quittierung der Übernahme. Sollte die alarmierte Leitstelle den Einsatz nicht annehmen oder ablehnen, erscheint dieser Einsatz automatisch wieder als offener Einsatz im Einsatzleitsystem der alarmierenden Leitstelle. Somit ist gesichert, dass keine Einsätze verloren gehen. Diese Aktionen werden im jeweiligen Protokoll dokumentiert.

Die nächsten Schritte

Welche nächsten Schritte stehen an? EFUL entwickelt einen Prozess für Feed Back und Anforderungen. Es gilt dabei, weitere Datenfelder und Usecases zu klären, die Nutzung von Jira zur strukturierten Bearbeitung festzulegen sowie die Eingaben für die Anfragen der Anwender auch an die Hersteller zu bearbeiten. Schließlich gilt es, die grundsätzliche Frage nach der Koppelung verschiedener Anbieter zu lösen. Dazu wird es in Kürze weitere Erweiterungen in der UCRI Schnittstelle geben.


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