Globale Gefährdungslage Terrorismus – ein Ausblick

Wolfgang Würz

Unvergesslich und als Symbol für Terrorismus weltweit bekannt: Das Attentat vom 11.9.2001
R.J.Fisch, Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic

Der internationale Terrorismus hat in den ersten zwanzig Jahren des 21. Jahrhunderts die Welt in Atem gehalten: Er hat Einstellung und Verhaltensmuster von Menschen und Gesellschaften verändert und geprägt und – nicht zuletzt – diese tiefgreifend verunsichert. Die Ereignisse zum Ausgang des vorgängigen Jahrhunderts, der sowjetisch-afghanische Krieg mit nachfolgendem Bürgerkrieg und Machtergreifung der Taliban, der anschließende Zusammenbruch der So­wjetunion mit dem Ende des Warschauer Paktes, der Aufstieg Chinas zum wirtschaftlichen Herausforderer der USA, kündigten eine Neuordnung der globalen Machtfrage an. Sie schwelte bereits im diffusen Nebel regionaler Konflikte unter tätiger Mithilfe terroristisch agierender Gruppierungen. Die Terroranschläge am 11. September 2001 wurden zu dem symbolischen Ereignis dieser ersten zwanzig Jahre.

Herfried Münkler prophezeite 2004: „Das Zeitalter der zwischenstaatlichen Kriege geht offenbar zu Ende. Aber der Krieg ist keineswegs verschwunden, er hat nur seine Erscheinungsform verändert. In den neuen Kriegen spielen nicht mehr die Staaten die Hauptrolle, sondern Warlords, Söldner und Terroristen. Die Gewalt richtet sich vor allem gegen die Zivilbevölkerung; Hochhäuser werden zu Schlachtfeldern, Fernsehbilder zu Waffen.“1 Wie die folgenden Jahre dramatisch verdeutlichten, sollte Münkler recht behalten.

Was ist für die 20iger Jahre zu erwarten?

Nach einem Allzeithoch terroristischer Anschläge und Todesopfer 2014 im Kontext des Aufstiegs des Islamischen Staates (IS) im syrisch-irakischen Konfliktraum, zeichnete sich durch die Erfolge der Anti-IS-Koalition und dem erkennbarem Niedergang des IS bis 2019 eine signifikante Entlastung und Verbesserung ab. 2  Doch das neue Jahr hat bereits mit einem dramatischen Ereignis begonnen: Die Tötung des iranischen Generals Soleimani durch einen US-amerikanischen Drohneneinsatz führte schlagartig zu einer Verschärfung der Lage.

Langjährige Beobachtungen des weltweiten Terrorismus identifizieren - unbeschadet detaillierter Fallanalysen, kriminalgeographischer Untersuchungen und sozialwissenschaftlicher Analysen - eine entscheidende Rahmenbedingung als förderliches Moment für Entstehung und andauernde Virulenz von Terrorismus: Bewaffnete Konflikte sind hauptsächliche Ursachen für terroristische Aktivitäten. 3  In den vergangenen Jahren ereigneten sich über 90 Prozent der Todesfälle durch Terrorismus in Ländern, in denen es zu gewaltsamen Konflikten kam. Dies erhöht sich noch signifikant, wenn Länder mit einem hohen Maß an staatlich gefördertem Terror einbezogen werden. Jedes der Länder, die jeweils am stärksten vom Terrorismus betroffen waren, war auch in einen bewaffneten Konflikt verwickelt. Der Terrorismus korreliert darüber hinaus auch mit der Intensität von Konflikten, denn es besteht ein starker Zusammenhang zwischen der Anzahl der Gefechtstoten pro Jahr in einem Konfliktland und der Anzahl der Terroranschläge im selben Jahr. (Abb. 1)

Globale Gefährdungslage Terrorismus – ein Ausblick

Wie also ist die terroristische Gefährdungslage für das kommende Jahrzehnt grundlegend einzuschätzen? Welche Perspektiven sollten wir erwarten? Wie könnten Reaktionsmuster für die kommenden Herausforderungen aussehen?

Sieben Gründe bedingen, dass wir auf absehbare Zeit keine Beruhigung der Sicherheitslage erleben werden, sondern wahrscheinlich sogar vor einem Jahrzehnt höchster terroristischer Bedrohungen stehen könnten.

Erstens: Die Globalisierung wird nicht ohne (gewalttätige) soziale Konflikte und hochproblematische Anpassungsschwierigkeiten von statten gehen. Nach allgemeinem Verständnis setzte Globalisierung, verstanden als Zunahme weltweiter Verflechtungen in Wirtschaft, Politik, Kultur, Umwelt, Kommunikation zwischen Individuen, Gesellschaften, Institutionen und Staaten, bereits vor 450 bis 200 Jahren ein. 4  Ausmaß und Tempo der Veränderungen in den Fortschrittsdimensionen Technik, Wirtschaft, Wissenschaft, Medizin und Kultur (im weitesten Sinne) nehmen allerdings kontinuierlich zu und führen zu einem enormen Anpassungsdruck auf die Menschen. Exakte wissenschaftliche Aussagen über weitere Dynamiken der Globalisierung sind nicht möglich. Es ist jedoch anzunehmen, dass Globalisierung und Fortschrittsorientierung auf absehbare Zeit anhalten, mit hohen Konfliktpotentialen sowohl auf der makro- als auch auf der mikrogesellschaftlichen Ebene. Also sowohl beim einzelnen Menschen und dessen unmittelbarem familiären Umfeld, wie auch in größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen.

Zweitens: Die Digitalisierung verändert grundlegend bisherige Symptome terroristischer Strategien, Taktiken und Handlungsmuster, zusammengefasst unter den Überschriften terroristische Propaganda via Internet und in den Sozialen Medien, aktionsbezogene Kommunikationsmittel und terroristische Angriffsziele. Der durch Digitaltechnik und Computer ausgelöste Umbruch, der seit Ausgang des 20. Jahrhunderts einen Wandel nahezu aller Lebensbereiche bewirkt, ist wiederum der Leuchtturm der Globalisierung: „Heute leben wir in der Industrie 4.0-Ära. Dies ist nicht neu, da dies bereits seit sieben oder acht Jahren geschieht. Es ist eine Ära intelligenter Fertigung und Fabriken, aber auch intelligenter Städte und Energienetze, Clouds und kognitiver Computer, des Internets der Dinge und künstlicher Intelligenz.“ 5  Aus sicherheitsanalytischer Sicht heißt das, dass zu allen klassischen Bedrohungen, von der Axt bis zur Flugzeugentführung, die digitale Evolution eine Vielzahl weiterer Angriffsziele auf die kritische Infrastruktur in komplex vernetzten Städten und Regionen generiert. Wirkungsverstärkend führt die Digitalisierung zur Fragmentierung der gesellschaftlichen Meinungsbildung, Unterminierung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und – immer deutlicher erkennbar – zur Herausbildung eines digitalen Prekariats, eine prädestinierte Zielgruppe für terroristische Propaganda.

Drittens: Das Bevölkerungswachstum und die Ressourcenknappheit verschärft den weltweiten Anpassungsdruck für Milliarden Menschen. Laut OECD ist in den kommenden 30 Jahren ein Anstieg der Weltbevölkerung von fast 7,7 Milliarden auf rund 9,6 Milliarden Menschen prognostiziert; ein Anstieg von etwa 25 Prozent. Weitergedacht bedeutet dies nach einer Studie zweier Göttinger Forscher, dass im schlimmsten Fall die weltweite Nahrungsmittelproduktion um 80 Prozent gegenüber heute steigen müsste, um den wachsenden Ansprüchen der Weltbevölkerung bis ins Jahr 2100 zu genügen. 6

Viertens: Der Klimawandel, also die anthropogen verursachte Veränderung des Klimas auf der Erde, steht in unmittelbarer Wechselwirkung mit der Ernährungslage. Schon heute leben schätzungsweise 971 Millionen Menschen in Gebieten mit hoher oder sehr hoher Gefährdung durch das Klima. Davon leben 400 Millionen oder 41% in Ländern mit ohnehin geringer Friedlichkeit und hohen Geburtenraten. Unbewältigtes Bevölkerungswachstum und existenzbedrohender Klimawandel führen zu gewalttätigen Konflikten und umfassenden Wanderbewegungen der Menschen.

Fünftens: Die Migration hat sich in den letzten zehn Jahren weltweit mehr als verdoppelt. Derzeit sind geschätzt 71 Millionen Menschen von Flucht und Vertreibung betroffenen. Nach Veröffentlichungen von UNHCR7 fliehen im Durchschnitt jeden Tag
37 000 Menschen aufgrund von Konflikten und Verfolgung. Etwa 80 % der flüchtenden Menschen leben in den Nachbarstaaten ihrer Heimatländer, womit der Ansteckungsgefahr für weitere Konflikträume Tür und Tor geöffnet ist.

Globale Gefährdungslage Terrorismus – ein Ausblick

Sechstens: Die Ungleichheit ist eine der maßgeblichen Triebkräfte für Konflikte und Terrorismus. Eine ungleiche Verteilung materieller und immaterieller Ressourcen in einer Gesellschaft und die daraus erwachsende unterschiedliche Teilhabe an diesen beinhaltet stets den Kern hoher Unzufriedenheit von Menschen. (Abb. 2) Derzeit fluten die Notenbanken in Europa, den USA und Asien die Geldmärkte und treiben die Aktienkurse. Zugleich findet die wundersame Geldvermehrung jedoch nur bei etwa 1 % der Weltbevölkerung ihren Niederschlag. Die Ungleichheit in einer (nationalen) Gesellschaft wird von der Wohlstandsdrift zwischen unterschiedlichen Gesellschaften noch um ein Vielfaches übertroffen. Einer der entscheidenden Treiber von Terrorismus ist anerkanntermaßen der ungleiche Zugang zu Ressourcen.

Siebtens: Der Populismus führt im schlechtesten Fall zu gewaltsamen Konflikten mit terroristischer Begleitung: Eine von Opportunismus geprägte, oft demagogische Politik, die das Ziel hat, durch Dramatisierung der politischen Lage die Gunst der Massen (und somit politische Macht und Einfluss) mittels scheinbar einfacher Lösungsansätze zu gewinnen, gewinnt bereits heute weltweit an Bedeutung. Dabei werden häufig Minderheiten als Sündenböcke präsentiert, die stigmatisiert und in der Folge massiv ausgegrenzt werden. Dies zerstört den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt; die Solidarität zwischen den Menschen leidet. In der Realität politischen Handelns zeigt sich jedoch sehr bald, dass komplexe und komplizierte Umweltbedingungen nicht mit Schuldzuweisungen zu bewältigen sind, sondern diese vielmehr zu neuen Dissonanzen und anhaltenden Konflikten führen.

Globale Gefährdungslage Terrorismus – ein Ausblick

Fazit: Das Szenario eines bereits verfestigten und wahrscheinlich noch steigenden internationalen Terrorismus ist kein aktionistischer Kassandra-Ruf. Vielmehr ist es ein besorgter Blick auf die Dinge wie sie sich derzeit abzeichnen und - bei nicht frühzeitiger und entschlossener Einflussnahme - eintreten könnten. Die Gründe dafür wirken mit hoher Dynamik und ständiger Wechselwirkung und bringen neben naturgemäß positiven Potenzialen auch eine Reihe brisanter Konfliktpotenziale mit sich. Inner- und zwischenstaatliche Dissonanzen können sehr schnell zu gewalttätigen Konflikten anwachsen und werden erfahrungsgemäß von terroristischen Taktiken und Methoden verstärkt begleitet. Um vor die Lage zu kommen, bedarf es aus europäischer (und damit auch deutscher) Sicht tatsachenangemessener Reaktionsmuster. Über allem steht die Erkenntnis, dass alles mit allem in komplexer Beziehung steht (Abb. 3): Eine Differenzierung von Innerer und Äußerer Sicherheit auf dem Feld der Terrorismusbekämpfung ist überholt, es bedarf einer verbesserten Verwebung der Sicherheitskräfte. Eine transparente und rechtstaatliche Asylpolitik ist von einem robusten Schutz der europäischen Grenzen zu flankieren. Innerstaatliche Konfliktlagen, die eine Aushöhlung rechtsstaatlicher und demokratisch legitimierter Institutionen befürchten lassen, sind frühzeitig und nachhaltig zu befrieden:

 „Tyrannei beginnt mit den letzten Wahrheiten über die Gesellschaft und den Menschen.“ (Milovan Djilas)

Wie definiert man Terrorismus?

Nach der gemeinsamen rechtlichen Definition der EU für terroristische Straftaten, die im Rahmenbeschluss des Rates (2002/475/JHA) festgelegt ist, zählen dazu Akte, die mit den folgenden Zielen verübt werden:

  • die Bevölkerung auf schwerwiegende Weise einzuschüchtern oder
  • öffentliche Stellen oder eine internationale Organisation rechtswidrig zu einem Tun oder Unterlassen zu zwingen oder


1 Herfried Münkler. „Die neuen Kriege“. Hamburg 2004.

2 Institute for Economics & Peace. „Global Terrorism Index 2019: Measuring the Impact of Terrorism“. Sydney 2019. Abrufbar unter: http://visionofhumanity.org/reports 

3„Conflict is a major driver of terrorist activity. IEP research shows a strong link between the existence of armed conflicts in countries and terrorism.“ Abrufbar unter: http://visionofhumanity.org/terrorism/conflict-is-a-major-driver-of-terrorist-activity/ 

4 Wolfgang Rudolph/Peter Tschohl. „Systematische Anthropologie“. München 1977.

5 Ramona Manescu (Minister for Foreign Affairs in Romania): „Terrorist threats in the 4.0 industry era from computerised transport systems and energy grids, our modern-day infrastructure and industries are at risk.“ Abrufbar unter: http://visionofhumanity.org/terrorism/terrorist-threats-in-the-4-0-industry-era/ 

6 Jan Dönges: „Bis zu 80 Prozent mehr in den nächsten 80 Jahren.“ Abrufbar unter: https://www.spektrum.de/news/­ernaehrung-wie-viel-nahrungsmittel-muessen-wir-im-jahr-2100-produzieren/1690802 

7 UNHCR: https://www.unhcr.org/dach/de/services/statistiken 




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