Sicher im Einsatz – neue Konzepte und Methoden für die Ausbildung

Armin Maier

PantherMedia / SanchaiRat

Quantitativ und qualitativ sind die Aufgaben der Feuerwehren in den letzten Jahrzehnten immer mehr gewachsen und die Herausforderung an die Kameradinnen und Kameraden nimmt stetig zu. Doch oft leiden nicht nur Jugendfeuerwehren, sondern auch aktive Wehren darunter, dass die Ausbildungsdienste nicht ernst genug genommen und je nach Lust und Laune besucht werden. Doch wie kann man sowohl Kindern, Jugendlichen als auch Erwachsenen klar machen, wie wichtig eine gute und kontinuierliche Ausbildung ist?

Vergleich Feuerwehr - Fußball

Der Grundgedanke für die Überlegung, Fußball und Feuerwehr zu vergleichen, kommt vom genaueren Betrachten der beiden Gruppen im Aufbau, dem Training und dem Einsatz. Die großen Fragen dabei sind: 

Funktioniert eine Fußballmannschaft mit seinen Spielern und dem Trainer nicht ähnlich wie eine Feuerwehreinheit mit ihrem Leiter?

Nehmen wir etwa die Teambesprechung vor dem Spiel und das Antreten der Feuerwehrangehörigen vor einem Einsatz. Die Gruppe kommt zusammen und der Kapitän sagt ein paar Sätze. Es wird eine kurze Lageeinschätzung gegeben, um alle auf den gleichen Informationsstand zu bringen und die Befehle für den (Spiel-)Einsatz zu geben. Dann geht es los…

Wie oft muss die Fußballmannschaft üben, damit die einzelnen Spieler zum Einsatz dürfen und wie oft muss die Feuerwehrmannschaft üben, wenn die einzelnen Mitglieder in den Einsatz müssen?

Jede Fußballmannschaft trainiert regelmäßig ein- bis mehrmals die Woche, selbst die kleinsten Vereine. Bei Turnieren und Spielen darf nur derjenige aufs Feld, der fit und trainiert ist, regelmäßig seine Übungseinheiten gemacht hat und im Vorfeld bewiesen hat, dass er spiel- und einsatztauglich ist!

Vergleich von Fußball und Feuerwehr im Vortrag
Vergleich von Fußball und Feuerwehr im Vortrag
Quelle: Armin Maier

Wie ist dies bei der Feuerwehr? Gehen die einzelnen Feuerwehrleute regelmäßig zu ihren Übungseinheiten und absolvieren ihre Ausbildungen so wie das Gesetz es vorschreibt? Oder werden im Ernstfall alle eingesetzt, die verfügbar sind, unabhängig davon, ob sie fit und trainiert genug sind, mit der bevorstehenden Aufgabe fertig zu werden? Was sind die Grundbedingungen, damit Spieler bei einem Fußballspiel eingesetzt werden und unter welchen Voraussetzungen werden Feuerwehrleute zum Einsatz geschickt?

Der Slogan "Gewinnen/Verlieren vs. Leben/Tod" gibt einen ersten Einblick, was der Vergleich Fußball-Feuerwehr eigentlich aussagen soll.

Welcher Einsatz birgt ein größeres Risiko und wie kann dieses verringert werden?

Das ständig wachsende Einsatzspektrum der Feuerwehrangehörigen, die immer neueren Technologien und die steigenden Neuerungen an Gerätschaften stellen eine große Herausforderung an unsere Feuerwehrmannschaft dar. Einheitliche Taktik, schnelles Handeln und das gemeinsame Ziel müssen kontinuierlich geübt und trainiert werden – nur so kann das Risiko, zu versagen und somit verheerende Folgen zu vermeiden, verringert werden! 

Fehlendes Fußballtraining erhöht allein das Risiko, nicht genügend Tore zu schießen und somit ein Spiel zu verlieren. Wie hoch ist hingegen das Risiko, dass Feuerwehrangehörigen im Einsatz verletzt oder gar getötet werden? Hat man im Gegenzug dazu jemals gehört, dass ein Fußballspieler auf dem Feld gestorben ist?

Ist uns ein freier Abend ohne Übungseinheit wirklich wert, womöglich im Ernstfall das Leben zu verlieren?

Kompetenzorientiertes Ausbilden

Dieser kurze Vergleich soll zum Nachdenken anregen und sollte sowohl in der Jugendfeuerwehr als auch in den verschiedenen Erwachsenenfeuerwehren zum Thema gemacht werden.

Vergleichende Grafik zum Thema Lernerfolge messen
Vergleichende Grafik zum Thema "Lernerfolge messen"
Quelle: Armin Maier

Neben diesen Grundgedanken ist ein weiterer Weg, um die Mannschaft über lange Zeit bei der Stange zu halten, das kompetenzorientierte Ausbilden. Unter kompetenzorientiertem Ausbilden und Lernen versteht man ein handlungsorientiertes Lern- und Lehrprinzip. Besonders steht hier der individuelle Lernprozess im Vordergrund, denn jeder Mensch lernt einzigartig in einem individuellen Tempo mit individuellen Schwerpunkten. Daneben wird das Ausbildungskonzept so gestaltet, dass alle Feuerwehrangehörige aktiv am Ausbildungsdienst beteiligt sind, sowie individuell gefördert und nicht nur vom Ausbilder mit Informationen "berieselt" werden. Das berühmte "learning by doing" wird ein- und umgesetzt.

Besondere Merkmale für kompetenzorientiertes Lernen sind:

  • Ausbildungsdienste mit Hilfe von realistischen und handlungsorientierten Situationen gestalten 
    • z. B. technische Hilfeleistung an einem echten Auto
  • Erzielen von nachhaltigen Lernerfolgen 
    •  Wissen anwendbar auch außerhalb der Feuerwehr 
  • Nutzung moderner, technologiegestützter Ausbildungsmethoden
    • E-Learning
  • Reflektieren und Wiedergeben von persönlichen Erfahrungen in konkreten Situationen 
    • Erfahrungen außerhalb der Feuerwehr mit z.B. Brand/Sturm/Unfall etc.
  • Kompetenzvermittlung zum Handeln für neue Aufgaben/Problemstellungen, sowie in unterschiedlich komplexen Situationen 
    • theoretisches Wissen praktisch anwenden
  • Lösungsstrategien analysieren, bewerten und für zukünftige Herausforderungen verfügbar machen 
    • gemeinsames Diskutieren und Lösungsfindung
Kompetenz-Grafik
Kompetenz-Grafik
Quelle: Armin Maier

Ziel der kompetenzorientierten Ausbildung ist es, den Feuerwehrangehörigen durch individuelles Handeln und Training Wissen zu vermitteln, welches sie in verschiedenen, auch neuen Situationen, abrufen können. Dadurch festigen sie ihre Handlungskompetenzen nachhaltig. Dies steigert das Selbstbewusstsein des Einzelnen und fördert die Motivation für den Einsatz im Feuerwehrdienst. 

Genau dies ist der große Unterschied zum klassischen Frontalunterricht, wie man es vor allem noch aus der Schule kennt: der Lehrstoff wird den Schülern passiv vorgetragen, ohne dass diese das Gehörte aktiv reflektieren oder praktisch anwenden. Erst zu Hause wird sich mit der vergangenen Unterrichtseinheit auseinandergesetzt, jedoch ohne Unterstützungsmöglichkeiten bei Unklarheiten und Fragen. Aufgrund der daraus resultierenden Unsicherheit wird der Lernstoff nicht verinnerlicht und zum Großteil wieder vergessen. Je nach Vortragendem wird in jeder neuen Unterrichtseinheit der alte Stoff entweder wiederholt oder nur auf das Alte aufgebaut. Aus diesem Grund wird die kompetenzorientierte Ausbildung jedem Ausbilder sehr ans Herz gelegt-– wir alle wollen und brauchen nachhaltig kompetente und motivierte "Feuerwehr'ler".

Diagramm Lernerfolge
Diagramm Lernerfolge
Quelle: Armin Maier

Lernen mit allen Sinnen

Eine ganz besondere Lernmethode ist das Lernen mit allen Sinnen, denn genaugenommen sind die meisten Menschen Lern-Mischtypen. Jeder hat einen Anteil von verschiedenen Lerntypen in sich. Je mehr Sinne beim Lernen angesprochen werden, desto mehr Lernstoff bleibt beim Lernenden hängen - denn durch das Lernen mit unterschiedlichen Sinnen stellt das Gehirn mehr gedankliche Verknüpfungen zum Lernstoff her:

  • sehen: 20 – 30 %
  • sehen und hören: 50 %
  • sehen, hören und diskutieren: 70 %
  • sehen, hören, diskutieren und selbst machen: 80 – 90 % 

Das 4-Stufen-Modell

Zur Vermittlung umfangreicher, noch nicht gelernter Tätigkeiten ist es sinnvoll, eine methodische Unterweisung zu verwenden - es empfiehlt sich die Vier-Stufen-Methode, welche sich besonders gut eignet, motorische und manuelle Fertigkeiten sowie praktische Tätigkeiten zu erlernen:

4-Stufen-Methode Lehr-Taktiken
4-Stufen-Methode Lehr-Taktiken
Quelle: Armin Maier

1. Stufe: Vorbereiten und Erklären

2. Stufe: Vormachen und Erklären

3. Stufe: Nachmachen und erklären lassen

4. Stufe: Festigung durch Übung

Das 4-Stufen-Modell handelt ganz nach dem Prinzip von Konfuzius:

„Erzähle mir und ich vergesse.
Zeige mir und ich erinnere mich.
Lass es mich tun und ich verstehe.“

Erfolgsformel

Um eine Feuerwehrmannschaft erfolgreich zu leiten, geht dies nur mit Teamgeist, Kooperation, viel Kommunikation, Teilhabe und Zutrauen.

Nachstehende „Erfolgsformel“ kann dafür angewendet werden:

  • Vision

Für das Team ist es wichtig, eine gemeinsame Vision zu haben. Dabei werden die Ziele klar definiert, fixiert und immer wieder wiederholt.

  • Strategie

Die Ausbilder entwickeln gemeinsam ein durchdachtes Konzept, wie die gesteckten Ziele erreicht und realisiert werden können. In dieser Strategieentwicklung müssen die Fragen nach sinnvollen Übungen und Trainingseinheiten abgehandelt werden. Das "WIE" zur Erreichung von Schnelligkeit, Routine und Kondition sowie die Sicherheit im Umgang mit Hilfsmitteln spielt dabei ebenfalls eine sehr zentrale Rolle.

  • Organisation

Um eine Mannschaft zum Erfolg zu führen, benötigt man auch die richtigen "Experten". Alle Ausbilder sind verschieden, jeder hat seine Spezialitäten und Stärken in einem anderen Bereich. Diese gilt es gezielt für den Erfolg des Teams einzusetzen. Dafür werden Experten für Technik, für die Ausbildung, für Theorie, für Praxis aber auch für mentale Stärke benötigt. Hier lohnt es sich genau einzuteilen, wer welchen Part übernimmt. Nicht alle eignen sich für den mentalen Coach, dafür kann einer besser erklären, ein anderer besser anleiten.

  • Werte-Kultur

Eine erfolgreiche Mannschaft ist deshalb erfolgreich, weil sie eine wertschätzende Teamkultur entwickelt hat. Es ist wichtig, dass Werte und Normen definiert und gelebt werden. Die Regeln sind für alle gleich und verbindlich. In einem erfolgreichen Team ist kein Platz für einen Egomanen. Nur gemeinsam kommt die Mannschaft zum Erfolg! Die wichtigsten vorgelebten und vermittelten Werte sind: Fairness, Toleranz, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Vertrauen, Kameradschaft und Zuverlässigkeit. 

Grundsätzlich bringt es Vorteile – und ist eigentlich Voraussetzung - wenn Wissen, Erfahrung und Stärken der Ausbilder gezielt eingesetzt und genutzt werden. Die Ausbilder sind dabei stets Vorbilder und sollten ihre eigenen Stärken und Schwächen gut kennen. Eine weitere Erfolgsstrategie ist das Knüpfen von Synergien außerhalb der eigenen Wehr. Hierbei können wiederum das Wissen, die Erfahrung und die Stärken der anderen Teams helfen, das eigene Team voranzubringen, "über den Tellerrand zu schauen" und Erfolge einzusammeln.  

…nur gemeinsam kommen wir voran!

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