15.11.2023 •

Information und Warnung der Bevölkerung im Hochtaunuskreis

Wolfgang Reuber

Mobile Warneinheit Hochtaunuskreis
Heiko Hahnenstein

Seitens des Hochtaunuskreises (Bereich Katastrophenschutz) wurde ein Konzept zur Information und Warnung der Bevölkerung entwickelt, um die Lücken zu schließen bzw. mit ergänzenden Maßnahmen die Kommunen bei ihrer gesetzlich zugewiesenen Aufgabe zu unterstützen.

Bei Schadensereignissen und Katastrophen können die Sicherheit und das Eigentum der Bevölkerung gefährdet sein. Um Gefährdungen zu begrenzen, wenn möglich zu vermeiden, muss die betroffene Bevölkerung informiert bzw. gewarnt werden. Gemäß § 3, Abs. 5 HBKG, (Hessisches Brand- und Katastrophenschutzgesetz) ist dies die Aufgabe der Kommunen. Durch die Abschaffung der flächendeckenden Warnung mittels Sirenen Anfang der neunziger Jahre ist dies teilweise begrenzt bzw. nicht mehr möglich. Zudem haben viele kleinere Kommunen weder die personellen noch die finanziellen Ressourcen zur Bereitstellung der notwendigen Maßnahmen. 

 Das Konzept (Abb. 1937) beinhaltet fünf Hauptelemente und kann über die gesamte Breite der möglich eintretenden Ereignisse eingesetzt werden. 

  •  Sirenen 
  • MoWaS – HTK-App – Rundfunkwarnung – Cell Broadcast 
  • Dark Site 
  • Mobile Warneinheit 
  • Bürgerinformationstelefon 

Um eine gleichlautende Informationsverbreitung zu gewährleiten, sind in 15 szenariobezogenen Anweisungen die Ereignisse beschrieben und die Eingaben festgelegt, die dann nur noch mit den speziellen Ortsangaben zu ergänzen sind.  

  • Ausfall Notruf   
  • Evakuierung  
  • Geruchsbelästigung  
  • Kampfmittelfund  
  • Probealarm  
  • Rauchgase  
  • Schadstoffe  
  • Stromausfall  
  • Vorsorgliche Information  
  • Wassernotstand  
  • Unwetter - Gewitter 
  • Unwetter - Hagel 
  • Unwetter - Schneefall 
  • Unwetter - Sturm/Orkan 
  • Unwetter - Starkregen 
  • Hochwasser 
  • Entwarnung 
Fließbild Information und Warnung (1937)
Fließbild Information und Warnung (1937)

Sirenen

Das Sirenensignal „Feueralarm“ (3 x kurzer Dauerton) war in der Bevölkerung durchgehend bekannt. Es hatte den Zweck, die Feuerwehrleute zu alarmieren, damit diese sich auf dem schnellsten Wege zu ihrem Geräthaus begeben. Mit Einführung der stillen Alarmierung (Funkmeldeempfänger (FME)  hat das Signal mehr und mehr an Bedeutung verloren, sodass jüngere Generationen in vielen Regionen das Signal nicht mehr kennen. 

Das Signal „Bevölkerungswarnung“ (auf- und abschwellender Heulton) war zu Kriegszeiten das Signal für Luftalarm. Jeder in der Bevölkerung wusste, jetzt kommen die Flugzeuge und werfen Bomben ab. Jeder hatte gewusst, jetzt muss ich den Schutzraum aufsuchen. 

Heute, mit neuer Bedeutung des Signals, bedeutet das für die Bevölkerung, dass sie Radio und Fernseher einschalten muss, um zu erfahren, welche Gefahr anliegt. Apps und soziale Medien dienen ebenfalls zur Information. Nachts ohne Weckruf, würde kaum einer von der anstehenden Gefahr erfahren.   

In 2018 wurde in Bad Homburg beginnend, das Sirenennetz umzurüsten zu erweitern bzw. vollständig neu aufzubauen. Mit Stand 01. März 1989 war der Landkreis mit insgesamt 178 Sirenen bestückt. Nach heutigem Planungsstand (06-2023) sind insgesamt 154 Sirenen vorgesehen. 98 Sirenen sind jetzt vorhanden, von denen bereits 29 digitalisiert sind. Es wird davon ausgegangen, dass bis spätestens Ende 2025 das Sirenennetz vollständig ausgebaut und einsatzbereit ist (Abb. 1200). 

MoWaS-Warnverbund (1081)
MoWaS-Warnverbund (1081)

MoWaS

Das Land Hessen hat alle Leitstellen mit einer MoWaS vS/E-Station (Abb. 1081) ausgerüstet, sodass mit MoWaS eine Warnung oder Information zeitgleich an alle angeschlossenen Medien und/oder Warnmittel (z.B. die Warn-App NINA) ausgelöst werden. Smartphone-Benutzer werden so über die vollständig in MoWaS integrierte App NINA und weitere Apps unmittelbar auf aktuelle Meldungen aufmerksam gemacht. Die Aussendung erfolgt auch an alle aktuell angeschlossenen Warnmittelmultiplikatoren. 

Hochtaunuskreis-App 

Die Hochtaunuskreis-App (Abb. 1357) basiert auf der Bürger Info & Warn App (BIWAPP) und wird als offizielles Kommunikationsmittel bundesweit von Kommunen eingesetzt, um die Bürger dort zu erreichen, wo sie sich im Zeitalter der Digitalisierung aufhalten: „Auf dem Smartphone“   

Die Hochtaunuskreis-App ist eine eigenständige App, die eine Schnittstelle zur „normalen“ BIWAPP beinhaltet, womit alle BIWAPP-Meldungen für Ihre Kommune automatisch auch in ihrer personalisierten App erscheinen. Auch sind die Schnittstellen zum DWD und zum MoWaS-System integriert. Zudem ist BIWAPP Plus offen für Erweiterungen durch regionale und kommunale Schnittstellen.  

Jeder Bürger kann die App kostenlos für Apple- und Android-Geräte herunterladen und für sich konfigurieren. So können Nutzer die Push-Nachricht für bestimmte Meldungstypen aktivieren bzw. deaktivieren. Über Schadensereignisse und sonstige wichtige Informationen z. B. Ausfall des Notrufes, wird jeder Bürger automatisch informiert. 

Rundfunkwarnung 

Die Rundfunk- und Fernsehwarnung wird durch MoWaS in der Stufe zwei (innerhalb von 10 Minuten) und der Stufe eins (Sendung ist sofort zu unterbrechen) abgedeckt. 

Cell Broadcast  

Cell Broadcast kann genutzt werden, um Warnmeldungen an alle dafür eingerichteten und empfangsbereiten, in einem bestimmten Abschnitt des Mobilfunknetzes befindlichen Mobilfunkendgeräte (Smartphone und konventionelles Handy) zu versenden. 

Mit dem bundesweiten Warntag 2022 begann in Deutschland eine intensive operative Testphase des neuen Warnkanals Cell Broadcast. Am Warntag wurde erstmals eine Testwarnmeldung in der höchsten Warnstufe versandt. 

Die Technologie Cell Broadcast setzt voraus, dass das Mobilfunknetz störungsfrei funktioniert und das Endgerät eingeschaltet ist. Wie bei allen Warnkanälen und Warnmitteln müssen die auslösenden Stellen die Warnung über Cell Broadcast eigenverantwortlich und rechtzeitig über das MoWaS einsetzen, damit die Betroffenen effektiv auf ein Ereignis reagieren können. Hierbei muss besonders bedacht werden, dass angesichts der Beschränkung bei den Textzeichen die Warnung sehr präzise formuliert sein muss. Bürgerinnen und Bürger müssen ihre Mobilfunkendgeräte ggfs. so konfigurieren, dass die Warnung auch empfangen werden kann. Entsprechende Informationen stellen das BBK sowie die Mobilfunkanbieter zur Verfügung. Bei der Einführung in Deutschland sind sehr viele Akteure beteiligt, sodass es hier immer wieder zu neuen Kenntnissen im Zuge des Einführungsprozesses kommen wird. Eine valide Aussage zu allen Cell Broadcast empfangsbereiten Geräten in Deutschland ist aktuell nicht möglich, da viele Faktoren für die Empfangbarkeit eine Rolle spielen. Darunter fallen unter anderem: 

  • Betriebssystem (Android oder iOS) und Version 
  • Gerätehersteller 
  • Firmenhardware 
  • SIM-Karte 

Derzeit ist davon auszugehen, dass ein Großteil der Bevölkerung Warnmeldungen über Cell Broadcast noch nicht empfangen kann. Wie bei der  Rundfunk- und Fernsehwarnung wird Cell Broadcarst durch MoWaS in der Stufe zwei und der Stufe eins automatisch ausgelöst. Eine bewusste Abschaltung ist jedoch möglich. 

Dark Site – Sonderinformationsdienst der Kreisverwaltung

Dark Sites sind Websites, die für einen potenziellen Problemfall bereits erstellt, aber noch nicht online geschaltet sind. Dark Sites enthalten diejenigen Informationen, die für die jeweils relevanten Anspruchsgruppen in der unterstellten Krise und dem potenziellen Krisenverlauf relevant sind.  

Wichtigstes Ziel der Dark Site (Abb. 1077) ist es, die Anspruchsgruppen (Stakeholder) z. B. Journalisten, Presse und Angehörige von Betroffenen aktuell, umfassend und transparent krisenbezogen zu informieren.  

Dark Sites gelten als Instrumente der Krisenprävention. Behörden, die eine Dark Site implementieren, setzen sich proaktiv formell und inhaltlich mit potenziellen Krisenszenarien auseinander. Sie klären Zuständigkeiten, legen fest, was im Fall der Fälle wann und wie zu tun ist. Eine gute Prävention bedeutet, Zeit in Krisen zu sparen und somit eine höhere Handlungssicherheit vorweisen zu können.  

Dabei hat die Dark Site auch die Aufgabe, andere Kommunikationskanäle wie z. B. Hotlines und Pressetelefone, die in Krisen meist stark überlastet sind, zu entlasten.  

Außerdem vermeiden Behörden, die in einer Krise schnell mit Informationen auf einer Dark Site aufwarten können, sich dem Vorwurf auszusetzen, sie würden etwas vertuschen wollen. Diese Kritik kommt schnell auf, wenn eine Behörde in einer Krise online (aber auch generell) nicht zeitnah oder gar nicht kommuniziert. 

Mobile Warneinheit

Zur schnellen und zielgerichteten Warnung wurde im Hochtaunuskreis eine mobile Warneinheit aufgestellt. Strategisches Ziel der mobilen Warneinheit ist es, dass innerhalb kürzester Zeit eine möglichst große Fläche, basierend auf den örtlichen Beschallungsplänen und Beschallungsprotokolle, beschallt werden kann. Aufgrund der einheitlichen Durchsagetexte, die aussagebruchfrei zu allen anderen Informations- und Warnelementen festgelegt sind, kann die Bevölkerung schnell informiert bzw. gewarnt werden.  

Die mobile Warneinheit besteht derzeit aus 21 Fahrzeugen, die alle mit einer Mobela-Anlage ausgerüstet und mit einem Speichermedium versehen sind, auf dem neun vorbereitete Texte für die nachfolgenden Schadensereignisse aufgesprochen sind:  

  • Evakuierung 
  • Geruchsbelästigung 
  • Kampfmittelfund 
  • Rauchgasausbreitung 
  • Schadstoffausbreitung 
  • Stromausfall 
  • Vorsorgliche Information 
  • Wassernotstand 
  • Unwetter - Starkregen 
  • Entwarnung  

Textbeispiel (Unwetter – Starkregen) einer vorbereiteten Sprachdurchsage: 

Bürgerinformationstelefon

Ein Bürgerinformationstelefon (BIT) ist immer dann einzurichten, wenn entweder die Anzahl der Anrufe aufgrund eines Ereignisses ansteigt oder ein Ereignis es erforderlich macht, die betroffene Bevölkerung mit geeigneten Maßnahmen zu informieren. Dies gilt auch für Situationen, die nicht zwingend den Einsatz einer stabsmäßigen Führung bzw. den Einsatz von operativen Kräften bedingt. 

Das BIT des Hochtaunuskreises ist für bis zu sechs Telefonplätze (Abb. 1777) ausgelegt und mit einem Personalansatz von 38 Kräften (alles Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kreisverwaltung bzw. der Schulsekretariate) ausgestattet. Die Kräfte des BIT wurden durch eine Schulungsfirma auf Ihre Aufgabe vorbereitet. Parallel dazu wurde das Arbeitsmaterial erstellt bzw. beschafft. Im Prinzip waren wir fast punktgenau fertig vorbereitet, um den Betrieb aufnehmen zu können, ohne je zu ahnen, dass wir gleich mit einer so komplexen Lage, wie die Coronalage, konfrontiert zu werden. 

Am 04. März 2020 wurde das Bürgerinformationstelefon aktiviert. Zu diesem Zeitpunkt lag die Anzahl der Personen mit bestätigter Infizierung im Hochtaunuskreis noch weit unter 10 Personen. Die sich bundesweit abzeichnende Tendenz ließ erkennen, dass die Anzahl der Personen exorbitant steigen würde, die Fragen zum Corona-Virus haben und sich an das Gesundheitsamt wenden würden. Um hier frühzeitig eine Entlastung zu schaffen, wurde die Nummer des Bürgerinformationstelefon über die HTK-App, die Homepage (Dark-Site) und der Presse offensiv kommuniziert. 

Das BIT wurde in der Zeit vom 04. März bis zum 10. Mai 2020, im 2-Schichtbetrieb, mit drei bis sechs Telefonabfrageplätzen, Montag bis Sonntag in der Zeit von 0800 bis 1700 Uhr betrieben. An den 66 Tagen wurden rund 1800 Anrufe registriert, wobei in den ersten drei Wochen die wöchentlichen Anruferzahlen bei 400 bis 500 Anrufe lagen. Ab dem 11. Mai 2020 gingen die Anrufe wieder beim Gesundheitsamt ein. Die Bereitschaft des BIT blieb bestehen, um jederzeit bei steigenden Anruferzahlen wieder die Arbeit aufzunehmen. 

Um sicherzustellen, dass das Informations- und Warnsystem einwandfrei funktioniert, ist eine regelmäßige Überprüfung erforderlich. Außer den regionalen und dezentralen Überprüfungen und Übungen ist der bundesweite Warntag ein gutes Instrument, um die Systeme und Abläufe zu überprüfen. 

Informationsfluss zwischen Bürgerinformationstelefon und KatS-Stab (1777)
Informationsfluss zwischen Bürgerinformationstelefon und KatS-Stab (1777)

Verlauf des Warntages 2022 im Hochtaunuskreis

Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Warntag im Hochtaunuskreis weitgehend funktioniert hat. Die Auslösung der Warnung erfolgte durch das BBK – Nationale Warnzentrale um 1059 Uhr. Die Meldungen gingen zeitgleich über NINA, BIWAPP und BIWAPP-Plus (HTK-App) ein. Der Eingang über HessenWarn erfolgte um 1101 Uhr.  

Unmittelbar danach erfolgte die Auslösung der betriebsbereiten Sirenen durch die Zentrale Leitstelle. Die Sirenen in Weilrod (bereits zum Zeitpunkt digitalisiert) wurden hessenweit zentral auch um 1200 Uhr ausgelöst und haben einwandfrei funktioniert.  

Auch die Entwarnung erfolgte zeitgerecht um 1145 Uhr und konnte auch bei den betriebsbereiten Sirenen, sofern sie diesen Ton empfangen können, ausgesendet werden. 

Wie zu erwarten, konnte Cell Broadcast bei vielen Geräten nicht empfangen werden, da sie technisch nicht dazu in der Lage sind. 



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