Diejenigen retten, die andere retten

Interschutz

PantherMedia / Sabine Thielemann

Psychische Probleme und Selbstmorde von Menschen aus Feuerwehr und Rettungsdienst sind ein Thema, über das nicht sehr viel und vor allem nicht offen geredet wird. Jeff Dill tut genau das. Der 58-Jährige Amerikaner aus einem Vorort von Chicago war 26 Jahre aktiver Feuerwehrmann und Sanitäter. Parallel zu seiner Arbeit hat er sich weitergebildet, einen Masterabschluss gemacht und ist lizensierter Ausbilder und Berater geworden. Er ist Gründer und CEO der Firefighter Behavioral Health Alliance. 

Jeff Dill, lassen Sie uns persönlich beginnen. Wer sind Sie? Und was hat dazu geführt, dass sie die Firefighter Behavioral Health Alliance gegründet haben?

Der Hurrikan Katrina war der Auslöser und der Beginn meiner Arbeit mit Kameradinnen und Kameraden. Ich habe einen enormen Unterstützungsbedarf bei denen gesehen, die 2005 mit den Erfahrungen aus New Orleans umgehen mussten. Im Jahr 2009 habe ich dann die Beratungsstelle für Feuerwehrleute gegründet mit dem Ziel, Berater und Seelsorger für unsere Welt der Ersthelfer auszubilden. Im Jahr 2010 bekam ich E-Mails aus der ganzen Welt, in denen ich gefragt wurde, ob wir auch etwas gegen Selbstmorde in der Feuerwehr unternehmen würden. 

Bis dahin wusste ich nicht, dass es dieses Problem gibt. Und tatsächlich wusste es niemand. Nach vielen Telefonaten und Recherchen fand ich heraus, dass keine Organisation diese tragischen Ereignisse nachverfolgte. 

2011 habe ich dann die Firefighter Behavioral Health Alliance (FBHA) gegründet, um ein Bewusstsein zu schaffen und aufzuklären über posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) und Selbstmorde in der Welt von Feuerwehr und Rettungsdienst.       

Bitte schildern Sie doch kurz, was die Firefighter Behavioral Health Alliance ist und woran sie mit wie vielen Mitarbeitern arbeitet.

Wir sind immer noch die einzige Organisation in den USA, die Selbstmorde in Feuerwehr, Rettungsdienst und Leitstellen verfolgt und auswertet. Wir tun dies, um an unsere Kameradinnen und Kameraden zu erinnern und ihr Warum zu verstehen. Wir nutzen Daten und Interviews, um auf dieser Grundlage mit sieben verschiedenen Workshops Ausbilder zu schulen. Ich bin fast dreiviertel Millionen Meilen durch die USA und Kanada gereist. Wir haben überall Feuerwehren und Hilfsorganisationen auf uns und unsere Ausbildung aufmerksam gemacht.

Die FBHA hat außer mir noch zwei weitere Ausbilder. Außerdem gibt es meine Frau Karen, die das Rückgrat der FBHA ist. Sie arbeitet auf freiwilliger Basis mehr als 30 Stunden pro Woche, um alles am Laufen zu halten. Ohne sie ist die FBHA nicht zu denken.             

Auf welche Weise genau untersucht die FBHA das Thema Feuerwehr/Rettungsdienst und Suizide? Wie erheben Sie Daten?

Das FBHA verfügt über ein vertrauliches Berichtssystem, das auf unserer Website unter www.ffbha.org. zu finden ist. Die Leute füllen den Bericht aus und reichen ihn dann ein. Sobald wir den Bericht haben, wird die E-Mail gelöscht, sodass der Bericht anonym bleibt. Ich kontaktiere dann den jeweiligen Abteilungsleiter, um das Problem anzusprechen. Wir nennen niemals Namen oder Abteilungen in unseren veröffentlichten Daten, es sei denn, die Familien genehmigen das. Bis Mitte/Ende Juni 2019 hat die FBHA 1.325 Suizide verzeichnet.           

Wir gehen davon aus, dass wir von jedem zweiten Suizid erfahren. Ich habe persönlich mit über 1.270 Chefs und Familienmitgliedern gesprochen, um Informationen zu bekommen. Wir fragen Dinge ab wie die Gesamtverfassung des Betroffenen, Jahr des Suizids, Alter, aktiv/ausgeschieden/abgetreten/entlassen, Dienstvergehen, Rang, Geschlecht, Abteilung, Name, Methode und Grund, falls bekannt. Die Daten zeigen und sagen uns so viel.  

Suizid ist ohnehin ein Tabuthema. Ist es im Bereich Feuerwehr und Rettungsdienst noch einmal stärker tabuisiert? Welche Mentalität steckt dahinter?

Selbstmord ist ein gesellschaftliches Tabuthema. Als wir 2011 anfingen, Daten dazu zu erheben und auszuwerten, sind wir auf großen Widerstand gestoßen. Viele hielten uns für verrückt und glaubten, wir würden Zahlen erfinden, oder sie verweigerten einfach das Gespräche über Menschen aus Feuerwehr und Rettungsdienst, die sich das Leben nehmen.

Die FBHA spricht viel über Cultural Brainwashing, also eine kulturelle Gehirnwäsche. Wir ziehen diese Uniform an und schon sind wir stark, mutig, zeigen keine Schwäche, bitten nicht um Hilfe und können unsere Probleme allein lösen. Und wer genau erwartet das? Zum Teil wir selbst – und dann die Gesellschaft, für die wir da sind. Das hat Tradition in Feuerwehr und Rettungswesen. Aber es ist eine schwierige Aufgabe, all das zu sehen und zu erleben, was wir sehen. Hinzu kommen berufliche und persönliche Probleme. Damit allein klar zu kommen, ist unmöglich. So verstecken wir uns, kämpfen, werden süchtig, leiden an PTBS und nehmen uns im äußersten Fall vielleicht das Leben.

Brauchen Angehörige aus Feuerwehr und Rettungsdienst Unterstützung generell in ihrem Alltag oder nur nach traumatisierenden Ereignissen wie etwas Hurricane Katrina?

Wenn man durch die Vereinigten Staaten reist, ist es erstaunlich, wie viele unserer Kameradinnen und Kameraden zu kämpfen haben. Von den Großstädten bis zu den ländlichen Gebieten. Da gibt es keinen Unterschied. Als FBHA sind wir der Ansicht, dass jedes Unternehmen ein Programm zur Förderung von Verhaltensgesundheit haben sollte. Die FBHA berät sich mit vielen Departments zu diesem Thema. Das beginnt in den Akademien und geht bis lange nach der Pensionierung.             

Was genau belastet Angehörige von Feuerwehren und Hilfsorganisationen aus Ihrer Sicht am meisten? 

Ich glaube, unser größtes Problem sind die Erwartungen, wie wir uns sowohl innerhalb als auch außerhalb der Arbeit zu verhalten haben. Warum können wir keine Schwäche zeigen, wenn es um schwierige Anrufe geht, warum können wir unseren Liebsten gegenüber keine Schwäche zeigen? Also kämpfen und leiden wir bis zu einem gewissen Grad. Wie genau sich das äußert, ist bei jedem Helfer anders: Manche neigen zur Isolation, andere zu Wut, Sucht, mangelnder Kommunikation oder zu Hypervigilanz, also zu erhöhter Wachheit. Oft leidet die Beziehung zu unseren Partnern und unseren Kindern.

Was gehört zu einem "gesunden Verhalten" nach einem Einsatz dazu? 

Die FBHA ist der Ansicht, dass jeder Helfer eine eigene Form des Umgangs mit Belastungen hat. Einige mögen es zu reden, während andere sich erst Zeit nehmen, um zu verarbeiten, was sie gerade gesehen oder getan haben. So oder so sollte die Abteilung über Ressourcen wie Peer-Support-Teams, qualifizierte und geschulte Berater und Seelsorger verfügen, mit denen die Helfer entweder an diesem Tag oder in den folgenden Tagen sprechen können.             

Ich bin der festen Überzeugung, dass Resilienz mit der Fähigkeit beginnt, über Themen zu sprechen. Ich glaube außerdem an die Therapie mit Haustieren. Gibt es also zum Beispiel einen Hund, der den Mitgliedern eines Departments helfen kann?             

Was wären ideale Strukturen und Angebote, um Belastungen abzufangen, ehe sie zur gesundheitlichen Bedrohung werden?

Grundlage wäre ein Verhaltensgesundheitsprogramm, auf das besonders die Führungskräfte geschult sind, damit sie frühe Anzeichen erkennen und lernen, wie man zuhört und die Ressourcen ihrer Teammitglieder zu stärkt.

Qualifiziertes Personal, das unsere Maßnahmen kennt, ist unerlässlich. Für jeden Einzelnen ist wichtig, dass er oder sie redet und sich für den Alltag eine Form der Selbsthilfe aneignet. Das könnte Sporttraining sein, Spaziergänge, Lesen, Aufschreiben oder die Arbeit mit Haustieren. Alles kommt in Frage, wofür man sich jeden Tag ein bisschen Zeit nimmt, um der Stressbelastung zu entkommen.             

Worauf sollten Angehörige und Kollegen achten? Was sind Warnsignale für eine drohende psychische Krankheit oder sogar einen Suizid?

Die FBHA hat mehr als 500 Mitglieder befragt, die mit PTBS oder Selbstmordgedanken zu kämpfen haben. Es gibt sehr viele Warnzeichen und es stellt sich bei jedem anders dar. Aber es gibt fünf aus unserer Sicht wichtigste Anzeichen. Diese Warnsignale haben wir auch auf einer Postkarte abgebildet, die wir zur INTERSCHUTZ mitbringen werden. Es sind:

  • Rücksichtslosigkeit/Impulsivität
  • Wut
  • Isolation
  • Vertrauensverlust in die eigenen Fähigkeiten 
  • Schlafmangel

Sie bieten Ihre Unterstützung nicht nur in den USA, sondern weltweit an. Inwiefern ähneln sich die Situationen im internationalen Vergleich? Wo sind Unterschiede?

Ich habe mit Kameradinnen und Kameraden in Australien, England und Schweden gesprochen und festgestellt, dass die Unterschiede sehr gering sind. Die Themen Verhaltensgesundheit, PTBS und Selbstmord sind ein globales Thema. Die FBHA freut sich darauf, zunehmend auch auf internationaler Ebene zu diskutieren, was wir in den letzten zehn Jahren in den USA gelernt haben. 

Was ist Ihre Erfahrung in der Arbeit mit Menschen aus Feuerwehr und Rettungswesen: Begegnet man Ihnen offen oder gibt es Berührungsängste?

Die FBHA hat drei Prinzipien, nach denen wir handeln: 1. Sei direkt, 2. Herausforderung begegnen wir mit Mitgefühl und 3. Frage Dich jeden Tag, wie es dir geht und du mit deinen Emotionen umgehst. Gerade mit der direkten Ansprache mache ich die besten Erfahrungen. 

Dass mir die Menschen offen begegnen, liegt auch daran, dass ich einer von ihnen bin, dass ich ihre Arbeit kenne und auch mit einem schweren Unfall in der Familie umzugehen hatte. So erreiche ich die Kameradinnen und Kameraden und spreche jede Woche mit Menschen, die leiden und um Hilfe bitten. Es ist eine schwierige Arbeit, die wir als FBHA leisten, aber unsere Mitarbeiter helfen anderen wirklich gern.

Stehen Sie in Kontakt mit deutschen oder europäischen Verbänden und Institutionen? Gibt es hier eine Zusammenarbeit?

Ich hatte bislang keinen Kontakt zu deutschen oder europäischen Einrichtungen, würde aber gern Beziehungen aufbauen, um zu zeigen, was die FBHA zu bieten hat. Vielleicht könnten wir schon nächstes Jahr, wenn wir in Deutschland sind, gemeinsam Workshops für Feuerwehr und Rettungsdienst anbieten.             

Ich freue mich über jede Kontaktaufnahme unter jdill@ffbha.org.

Mit welchem Ziel kommen Sie im Juni 2020 zur INTERSCHUTZ?

Unser Ziel ist es, Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt zu treffen. Zu hören, welche Probleme sie in Bezug auf Verhaltensgesundheit, PTBS und Selbstmord haben. Ich möchte die Fülle unserer Informationen in Vorträgen und Workshops weitergeben. Denn wie gesagt: Dies ist ein globales Problem, nicht nur ein amerikanisches. Ich glaube, dass die INTERSCHUTZ uns eine große Chance bietet, diese Ziele zu erreichen.

Weitere Informationen unter www.ffbha.org


PSU-Helfer und -Assistenten als Ansprechpartner

In Deutschland gibt es nach Angaben der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes (vfdb) keine zentrale Einrichtung, die sich mit dem Thema Suizid befassen. Wenn es um psychosoziale Unterstützung (PSU) geht, wird die Hauptarbeit bei den Feuerwehren und Hilfsorganisationen vor Ort geleistet. So stehen in den Feuerwehren sogenannte PSU-Helfer und -Assistenten als generelle Ansprechpartner zur Verfügung, die Ad-hoc-Maßnahmen einleiten und bei Bedarf ihre Kolleginnen und Kollegen an fachkompetente Stellen weiterleiten. Auch sind sie entsprechend geschult, um Kollegen bei Auffälligkeiten direkt anzusprechen.

"Stiftung "Hilfe für Helfer"

Für den Deutschen Feuerwehrverband (DFV) war spätestens nach dem Zugunglück von Eschede im Jahr 1998 klar, dass Notfallseelsorge ein wichtiges Angebot für Einsatzkräfte ist. Seit 2000 gibt es deshalb die Stiftung "Hilfe für Helfer" des DFV. Sie fördert geeignete Präventionsmaßnahmen ebenso wie kurze und längerfristige Nachsorgeangebote, die auch das soziale Umfeld der Einsatzkräfte einbeziehen. Die Stiftung "Hilfe für Helfer" stellt sich während der INTERSCHUTZ auf dem Stand des DFV vor.

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