Notfallmedizin ganz praktisch an der Universität Leipzig

Albrecht Scheuermann, Gunther Hempel

A. Scheuermann

Nicht nur nach dem Willen vieler Medizinstudierender soll das Medizinstudium künftig noch praxis- und kompetenzorientierter ausgerichtet sein. Dieser Ansatz wird im Praktikum „Technische Menschenrettung“ an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig schon seit langem in die Tat umgesetzt. Das Praktikum ist dabei eingebettet in einen 4-wöchigen Blockkurs „Notfall- und Akutmedizin“, in welchem die Medizinstudierenden in verschiedenen Vorlesungen, Tutorien und Praktika für eine mögliche spätere Notarzttätigkeit geschult werden. Die Idee zum Praktikum „Technische Menschenrettung“ entstand vor inzwischen mehr als 15 Jahren – bereits im Jahr 2004 gab es einen ersten Probelauf. Das in Zusammenarbeit von der Universität Leipzig und dem ASB Landesverband Sachsen e.V. organisierte Praktikum ist bei den Studierenden äußerst beliebt und findet seither jährlich statt. In all den Jahren wurde es kontinuierlich weiterentwickelt und aktuellen Gegebenheiten angepasst.

Die realistischen Szenarien erfreuen sich großer Beliebtheit.
Die realistischen Szenarien erfreuen sich großer Beliebtheit.
Quelle: A. Scheuermann

Auch 2020 war es wieder soweit – die Medizinstudierenden des 7. Semesters der Universität Leipzig freuten sich bereits auf dieses Highlight und absolvierten das Training im Januar im Rahmen ihrer notfallmedizinischen Ausbildung.           

In einer Einführungsvorlesung erläuterten zunächst drei Referenten das System der Notfallrettung in Deutschland, vom Zusammenwirken der Komponenten in der alltäglichen Hilfeleistung bis hin zum Massenanfall von Verletzten (MANV) und dem Handeln unter katastrophenmedizinischen Bedingungen. Auch dem Handeln in sogenannten „lebensbedrohlichen Einsatzlagen“ (LebEL; mit terroristischem Hintergrund) wurde besondere Aufmerksamkeit zuteil. Die Aufgaben des nichtärztlichen Personals (als Team auf einem Rettungsmittel oder im Führungseinsatz als Organisatorischer Leiter Rettungsdienst), notärztliche Hilfeleistung und ärztliche Führungsaufgaben (etwa als Leitender Notarzt) sowie das Zusammenwirken mit weiteren Kräften am Beispiel (und mit einem Referenten) der Polizei, wurden den Studierenden vorgestellt.

Um die tägliche interprofessionelle Zusammenarbeit gut widerspiegeln zu können, konnten hierfür Referenten verschiedener Professionen gewonnen werden. Die Studierenden erlangten auf diese Weise neben der ärztlichen Sichtweise auch Einblicke in die Herangehensweise der Polizei bzw. des Rettungsdienstes. Konsequent wurden hier bereits auch die theoretischen Grundlagen zur Vorbereitung des Notfalltrainings praxisorientiert, anhand mehrerer Fallbeispiele vermittelt. 

Während der Trainingstage konnten die Studierenden an 9 verschiedenen Stationen rettungsdienstliche Technik besichtigen und ausprobieren oder an Fahrzeugen der Hilfsorganisationen Arbeiter-Samariter-Bund, Johanniter Akademie und der Leipziger Berufsfeuerwehr in der Rolle als Notarzt/-ärztin Notfallmedizin ganz praktisch erleben. Eine ganze Reihe von im Rettungsdienst verwendeten Materialien und Geräten wurde vorgestellt und deren regelrechte Handhabung unter Anleitung praxiserfahrener Moderatoren trainiert. Um die Praxiszeit bestmöglich nutzen zu können, hatten alle Studierenden die Möglichkeit sich vorab mit digitalen Handouts auf jeden einzelnen Bereich theoretisch vorbereiten zu können – ein Angebot, dass auch rege genutzt wurde.

Im Ernstfall würde den Kräften bei diesem Anblick einiges abverlangt.
Im Ernstfall würde den Kräften bei diesem Anblick einiges abverlangt.
Quelle: A. Scheuermann

Die Stationen orientierten sich am Handeln in bestimmten Fall­szenarien: von der Herz-Lungen-Wiederbelebung über die Versorgung von Notfallpatienten in einem Schacht (mit Zugang über Strickleiter) oder auf dem Hallendach (per Drehleiter der Feuerwehr zu erreichen), dem Retten aus umgekippten Unfallfahrzeugen (mit Erstversorgung unter schwierigsten räumlichen Bedingungen) und der Immobilisation von Unfallopfern, bis hin zu einer MANV–Situation. Die Fallszenarien an den einzelnen Stationen wurden in den vergangenen Trainingsjahren anhand von Erfahrungen aus dem rettungsdienstlichen Alltag permanent angepasst und optimiert. 

So ist es kein Wunder, dass nach den Ereignissen von Paris, London, Nizza, Barcelona, München und Berlin auch dem Massenanfall von Verletzten (MANV), insbesondere mit terroristischem Hintergrund (LebEL) besondere Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Diese zuletzt neu integrierte Station soll den Medizinstudierenden und ggf. künftigen Notärzten/-innen erste einsatztaktische Grundkenntnisse vermitteln. An der MANV-Station hatten die Studierenden erstmals eine Sichtung an mehreren mit Hilfe der realistischen Unfalldarstellung (RUD) vorbereiteten Notfallpatienten durchzuführen und danach prioritär zu handeln. Erfahrungsgemäß fällt es oft selbst gestandenen Notfallmedizinern schwer, Katastrophenmedizin - mit zunächst durchgeführter Sichtung und nach den Sichtungskategorien prioritär zu erfolgender Hilfeleistung - statt Individualmedizin zu realisieren. Die Deutsche Gesellschaft für Katastrophenmedizin e.V. veranstaltet dazu regelmäßig besondere Sichtungs- (oder Triage-)Kurse für Notärzte/-innen und trainiert diese dem rettungsdienstlichen Alltag eher fremde Einsatztaktik. 

Vor der ärztlichen Sichtung kann sich aber auch die Notwendigkeit nichtärztlicher Sichtung als essenziell erweisen, wenn beispielsweise eine Vielzahl von Verletzten von erst einmal überwiegend nichtärztlichem Rettungsdienstpersonal gesichtet werden müssen. Der dazu entwickelte PRIOR®-Algorithmus wurde den Studierenden an der MANV-Station erläutert und danach erprobt. Die hier bereits hergerichteten und entsprechend angeordneten Darsteller (Notfallsanitäter-Auszubildende) sorgten mit ihren Verletzungsbildern und wirklichkeitsnahen Befindlichkeitsäußerungen für ein nahezu realistisches Szenario. Unter diesem optischen und akustischen Stress galt es für die Studierenden, als ersteintreffende Leitende Notärzte (LNA) zu handeln, das Management am Notfallort zu übernehmen, die Sichtung und die weitere erste ärztliche Hilfeleistung zu organisieren – im Team mit einem als Organisatorischer Leiter Rettungsdienst fungierenden Kommilitonen. Eine große Herausforderung, welcher sich die angehenden Notärzte/-innen mit großem Engagement und beachtlichem Geschick stellten.

Bereits in Fallbeispielen der einführenden Vorlesung und dann an jeder Trainingsstation, insbesondere auch beim MANV-Szenario wurde der Eigensicherheit der Hilfeleistenden besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Sämtliche Szenarien berührten zunächst diesen wichtigen Aspekt der primären Prüfung eventueller Eigengefährdung und die Mentoren konnten hierbei aus ihrer langjährigen Praxis wichtige Erfahrungen vermitteln. Das Verhalten in Lebensbedrohlichen Einsatzlagen (LebEl) wurde in diesem Zusammenhang besonders ausgeführt. Die nach Eintreffen im Schadensgebiet durchzuführende primäre Abstimmung mit der polizeilichen Einsatzführung, an einem vereinbarten Treffpunkt zwischen gelber und grüner Zone, das strikte Aufenthalts- und Handlungsverbot in von der Polizei definierten roten und gelben Gefahrenzonen (oder das sofortige Verlassen derselben in dynamischen Szenarien) und das damit ggf. einhergehende Unterlassen einer dringenden Hilfeleistung bei festgestellter Eigengefährdung, galt es für die Studierenden erst einmal theoretisch und dann auch im praktischen Training nachzuvollziehen.

Auch die körperlichen Fähigkeiten müssen getestet werden.
Auch die körperlichen Fähigkeiten müssen getestet werden.
Quelle: A. Scheuermann

Rettungsdienstlichen Alltag oder auch besondere Gefährdungslagen selbst erleben – dabei regelrecht und sicher Handeln, dies wurde den Studierenden vermittelt. Gewiss mit gestellten Szenarien, aber dennoch weitestgehend wirklichkeitsnah, prägen diese Erlebnisse und bilden eine solide Basis für die spätere notärztliche Qualifikation. Erläuterungen zur Ausrüstung der Rettungs- und Feuerwehrfahrzeuge sorgten darüber hinaus für eine weitgehend umfassende Gesamtschau rettungsdienstlicher Leistungsfähigkeit.

Die Universität Leipzig und der als Veranstalter beauftragte ASB Landesverband Sachsen e.V. gewährleisteten mit dem Einsatz erfahrener Rettungsdienstmitarbeiter und der fachlichen notärztlichen Begleitung ein praxisbezogenes Notfalltraining, das sich stets an den aktuellen Entwicklungen der Notfallmedizin orientiert und sich inzwischen als wichtige und sinnvolle Ergänzung des Medizinstudiums etabliert hat. In der schriftlichen Evaluation äußern Studierende zudem immer wieder den Wunsch, diese praxisbezogene Methode der Wissensvermittlung noch viel umfangreicher in den Verlauf des Medizinstudiums zu integrieren – ein Aspekt, welcher sicher noch weiterer Aufmerksamkeit und Überlegungen bedarf.            

Das Engagement und die Begeisterung, mit welcher Studierende in jedem Jahr am Notfalltraining teilnehmen, mag diese Veranstaltung auch anderenorts als besonders empfehlenswert erscheinen lassen. Nach den Erfahrungen der Autoren rechnet sich der dazu notwendige Aufwand zweifellos. Dem praxisnahen Erkenntnisgewinn unserer zukünftig ärztlich Handelnden ist ein hoher und bedeutsamer Wert beizumessen, zum Nutzen ihrer Patienten. Offenbar sehen das die Medizinstudierenden ebenso, denn sie bewerteten das Notfalltraining in den vergangenen Jahren immer mit Bestnoten - so auch im Jahre 2020.

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