28.02.2022 •

Simulationstraining zur Erhöhung der ­Patienten­sicherheit und Teammotivation

Patrick Baumeister

Petra Reuter

Ein Simulationstraining ist als ein möglichst realitätsnahes Nachbilden eines möglichen realen Geschehens in Wirklichkeit zu verstehen. Durch ein regelmäßiges Trainieren von Notfällen, zum Beispiel am Dummy im Rahmen von Simulationstrainings im Sinne einer regelmäßigen Ausbildung, werden Abläufe im engen Team und weiterer Mitwirkender gestärkt. In den meisten Bereichen, in denen das Verhalten Einzelner oder eines Teams über Leben und Tod entscheidet, hat sich die intensive Anwendung von Simulationstrainings fest etabliert. Es erscheint unvorstellbar, das geforderte Maß an Entscheidungs- und Aktionssicherheit ohne regelmäßige Simulationstrainings zu erreichen. Allerdings ist das nicht in allen Bereichen der Fall.

Betreiber von Fluglinien oder Fluglotsen würden durch eine Behörde keine Betriebserlaubnis erhalten, wenn diese keine regelmäßigen Simulationstrainings durchführen. Im Vergleich dazu ist es in der Medizin und auch speziell in der Notfallmedizin unüblich, regelmäßige Simulationstrainings zu absolvieren. Weder in der Ausbildung noch in Fortbildungen sind regelmäßige Trainingseinheiten oder ihre Struktur als klare Vorgabe festgeschrieben. In einem der komplexesten Tätigkeitsfelder, der ­präklinischen Notfallmedizin, sind Simulationstrainings eine Option und werden selten systematisch durchgeführt. Allerdings führen Defizite in der Zusammenarbeit zu einer Vielzahl von kritischen Ereignissen. Teamtrainings dagegen erhöhen die Patientensicherheit ebenso wie die Motivation innerhalb des Teams.

Ungeachtet dessen ist die Ausbildung mitsamt ihren Möglichkeiten in den letzten Jahrzehnten, beispielsweise die Ausbildung zum Notfallsanitäter oder die Entwicklung von Simulatoren, rasant fortgeschritten. An den nötigen äußeren Voraussetzungen und Ausrüstungsmöglichkeiten fehlt es also nicht. So gibt es bereits seit Jahren vielfältige Übungspuppen, beispielsweise mit Atemfunktion, solche mit Trainingsmöglichkeiten für den Defibrillator, Anlage eines Zugangs oder jene, die eine beginnende Blutung simulieren. Bei einigen Puppen kann der Trainingsleiter auch die Reaktion der Puppe steuern, sodass reale Einsätze nachstellbar sind und für den Übenden zusätzlich überraschende Einsatzsituationen simuliert werden können.

Auch wenn das theoretische Wissen „sitzt“, kommt es im alltäglichen Einsatz selbst in Standardszenarien oft zu schwierigen Situationen. Im Simulationstraining offenbaren Audio- und Videoaufnahmen, im Seminarraum oder auch mal im echten Rettungswagen oder im Operationssaal, die Ursachen. Auch wenn der Effekt dieser Übungen bekannt ist, scheitern viele gute Vorsätze Trainings durchzuführen an verschiedenen Faktoren. Nicht nur die Kosten für Simulationstrainings mit qualifizierter Ausrüstung hemmen – längst nicht nur in kleineren Einheiten von Hilfsorganisationen – den Einsatz dieses Ausbildungsmittels. Auch die Freistellung des Personals in der für das Training gewünschten Zeit und Konstellation, fehlende Schulungsräume oder – sofern das Training an einem real für Einsätze genutzten Ort stattfinden soll – das Freihalten besonderer Räume bereitet in vielen Fällen Probleme.

Oftmals wird gewartet, bis die optimalen Bedingungen erfüllt sind, bis einer der großen Simulatoren, die aufwändige Audio-­Video-Anlage vorhanden sind oder bis ein Simulationszentrum gebaut ist. Das Warten auf die optimalen Voraussetzungen verzögert das Plus für die Patientensicherheit, das mit entsprechendem Training erreichbar wäre. Auch wenn die Voraussetzungen nicht perfekt sind, sollte auf Simulationstraining nicht verzichtet werden. Regelmäßigkeit und selbst schrittweises Verbessern der Voraussetzungen sorgen für mehr Sicherheit für alle im Einsatz.

Der Schlüssel zum Erfolg eines effektiven Simulationstrainings sind besonders geschulte und qualifizierte Simulationstrainer (Instruktoren). Sie benötigen für ein Simulationstraining insbesondere Kenntnisse im Bereich der Human Factors, aber auch die Techniken für eine effektive, zu tiefen Lernerfolgen führende Nachbesprechung (Debriefing). Aus diesem Grunde hat die ­Qualifizierung der Simulationstrainer Priorität. Nach der Befähigung, Simulationstrainings durchzuführen sollte der Trainer in der Lage sein im Debriefing selbstreflektierendes Lernen fördern. Auf diese Weise trägt er dazu bei, dass die Teilnehmer weit über das eigentliche Szenario hinausreichende tiefe und breite ­Lerneffekte erzielen (double loop learning).

Ein modernes Simulationstraining verfolgt hinsichtlich der Lernstruktur ein anderes Konzept als das traditionelle „Reanimationstraining“. Im Vordergrund steht die Förderung und Stärkung der eigenen Handlungskompetenz. Zur Handlungskompetenz, deren Definition sich auch in der Ausbildung der Notfallsanitäter wiederfindet, zählt neben der Fachkompetenz die Sozial-, ­Persönlichkeits- sowie die Methodenkompetenz. Im kollegialen Austausch ergründen die Teilnehmenden gemeinsam mit dem Instruktor die zugrundeliegenden Ursachen für kritische Ereignisse im Szenario ebenso wie die Möglichkeiten systematischer ­Korrekturmöglichkeiten. Dieses moderne Konzept unterscheidet sich vom traditionellen „Reanimationstraining“ auch in der Länge der Debfriefing-Phase, die im zeitgemäßen Training deutlich länger ausfällt. Oft wird ein Szenario-Debriefing-Verhältnis von 1:3 geplant.

In der Simulation unterstützen bereits einfache Audio- und Videoaufzeichnungen bei der Suche nach dem Fehler im Handlungsablauf. Mit rund 70 Prozent liegen die Ursachen für fehlerhafte medizinische Handlungen besonders häufig im Bereich der Human Factors wie Missverständnissen, Verwechselungen, unzureichender Entscheidungsfindung oder nicht ausreichend konkreten Absprachen im Team. Weitere Stolpersteine in einem reibungslosen Ablauf können Probleme bei der Planung oder Abstimmung im Team sein. Simulationstrainings ohne diesen Fokus vernachlässigen die Hauptursachen von Fehlern und Komplikationen und erfüllen damit eindeutig nicht mehr den „Standard“ für effektives Teamtraining in der Notfallmedizin.

In einem modernen Simulationstrainingskonzept sollte in möglichst kurzer Zeit eine große Anzahl der Mitarbeitenden erreicht werden. Das Erreichen aller Mitarbeitenden ist besonderes wichtig, damit die neu gelernten Verhaltensweisen in den Alltag im gemeinsam trainierten Team angewendet und damit stabilisiert werden können. Treffen im Alltag trainierte und nicht trainierte Mitarbeitende aufeinander, lässt sich das Gelernte nur unzureichend umsetzen und es kommt zum Teil zu einer aktiven Nichtanwendung des neu Gelernten. Aus diesem Grund ist es zu empfehlen, die ersten Teamtrainings „en bloc“ durchzuführen, d.h. innerhalb eines kurzen Zeitraums (wenige Wochen) 70 – 80 % der Mitarbeitenden zu schulen. Diese „en bloc“ durchgeführte Trainingsmaßnahme wirkt wie eine echte Teamintervention.

In den Simulationstrainings sollten grundsätzlich diejenigen Aspekte trainiert werden, die im Alltag die größten Probleme bereiten und die größten Patientengefährdungen nach sich ziehen. Es erscheint daher sinnvoll neben den seltensten und schwerwiegendsten Komplikationen auch die häufigsten Fehler zu trainieren. Dies sind Fälle, die im Alltag zum größten, vermeidbaren Patientenschaden führen. Beispiele hierfür sind das Management

  • bei akutem Thoraxschmerz
  • des bewusstlosen Patienten
  • einer schweren allergischen Reaktion
  • bei Kindernotfällen.

Daneben ist es sinnvoll, Fälle oder Prozesse zu trainieren, die im Team bereits zu Problemen geführt haben oder regelmäßig ­Schwierigkeiten nach sich ziehen. Im Rahmen der Debriefings finden zwei Akronyme Ihre Anwendung, Reflect und Sharp:

eview the event / Rückschau auf das Ereignis

E ncourage team participation / Ermutigung zur Teamarbeit

ocused feedback / Fokussierte, konstruktive Kritik

isten to each other / Lernen durch aufmerksames Zuhören

mphasize key points / Elementare, zentrale Aspekte herausstellen

ommunicate effectively / klar und eindeutig kommunizieren

ransform the future / Transformation für die Zukunft erarbeiten

et learning objectives / Setzen definierter Ziele

ow did it go? Hervorheben der Eindrücke / Reaktionen (Wie lief es?)

dress concerms / Ansprechen von Schwierigkeiten und Bedürfnissen

eview learning points / Rückversicherung über gewonnene Erkenntnisse

lan ahead / Planung für zukünftige Vorgehensweise ­besprechen

Hierdurch wird das eigene Verhalten und das des Teams reflektiert, was zum Erfolg des Trainings führt.

Einleitend wurde geschrieben, dass Simulationstrainings eher zurückhaltend innerhalb der präklinischen Notfallversorgung Anwendung finden. Innerhalb der in den einzelnen Landesrettungsdienstgesetzen vorgegebenen präklinischen Fortbildungspflicht wird eine Fortbildung gefordert, die jeweils aktuellen medizinischen, organisatorischen und technischen Anforderung entspricht. Nichtsdestotrotz werden Simulationstrainings trotz ihrer bekannten Effekte oftmals aus Kostengründen nicht durchgeführt, obwohl vom Rettungsfachpersonal eine hohe Patientensicherheit verlangt wird.


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