KRITIS Entwicklungen von Sprachkommunikation zu Datenanwendungen

PMeV im Interview

Melanie Prüser

PantherMedia / RAPEEPON BOONSONGSUWAN

Wie haben sich die Anforderungen an die sicherheitskritische Kommunikation in den letzten Jahren verändert?

Bernhard Klinger: Die sicherheitskritische Kommunikation ist deutlich vielfältiger und komplexer geworden. Das hängt eng mit der Digitalisierung zusammen. Es entstehen permanent neue Möglichkeiten zur Nutzung von Kommunikationsdiensten. Obwohl die sichere und hochverfügbare Sprachkommunikation im Einsatzfall und in Krisensituationen unverzichtbar bleibt, kommen immer mehr Datenanwendungen zum Einsatz.

Der Trend geht zunehmend in Richtung breitbandiger Datenapplikationen.

Aktuell geschieht dies unter Nutzung kommerzieller Netze, die aber keine garantierte Verfügbarkeit sicherstellen. Daher sind diese Anwendungen zunächst eher einsatzunterstützend und nicht einsatzkritisch. Allerdings ist davon auszugehen, dass die Datenanwendungen mit zunehmender Nutzung und zunehmender Dauer auch einsatzkritisch werden. Dazu bedarf es hochverfügbarer Kommunikationssysteme, wie sie der PMR letztendlich auch zur Verfügung stellt. 

Welche Entwicklungen gilt es für die Zukunft zu beachten?

Klinger: 5G wird im professionellen Umfeld - und damit z. B. auch im Umfeld der kritischen Infrastrukturen - Einzug halten. Und wie gesagt: Die Nutzung von Datendiensten wird weiter zunehmen. In vielen Fällen ist bereits heute die Übermittlung von Daten effizienter als die Übermittlung von Sprache, wie zum Beispiel beim Internet der Dinge oder Industrie 4.0. Hierbei wird per Definition ausschließlich auf Datenübertragungen gesetzt. Die sichere Übermittlung von Daten ist dann nicht mehr nur eine Frage der Effizienz, sondern sie ist auch zunehmend missions- bzw. geschäftskritisch. Damit wird die Datenübermittlung auch zu einer entscheidenden Frage der Sicherheit und Zuverlässigkeit von kritischen Infrastrukturen.

Bernhard Klinger ist Vorsitzender des PMeV
Bernhard Klinger ist Vorsitzender des PMeV
Quelle: beta-web GmbH/Melanie Prüser

Was ist gleichgeblieben?

Klinger: Die Hauptanforderungen an einsatzkritische Kommunikationssysteme sind nach wie vor garantierte Verfügbarkeit und garantierte Sicherheit, gerade in Großschadenslagen. Dazu gehört, eine ausreichende Übertragungskapazität und die ortsangehörige Funkversorgung. Damit ist nicht nur die Funkversorgung in städtischen Bereichen, sondern auch in ländlichen Umgebungen gemeint. In wenig besiedelten Gegenden muss ebenfalls ein Großeinsatz mit mehreren Tausend Einsatzkräften möglich sein, die durch eine sicher verfügbare Funkversorgung und Übertragungskapazität im Einsatz kommunizieren können.

Die Anforderungen an die Ausfallsicherheit der Komponenten, redundante Technik, autarke Stromversorgung und die Cybersicherheit sind gleichgeblieben. Ein weiterer wichtiger Aspekt sind die gesicherten Standorte der Sender- und Empfangsanlagen. Diese sind gesichert gegen Naturkatastrophen, wie zum Beispiel Hochwasser, aber auch zugangsgesichert zum Schutz vor Sabotage und Vandalismus. Diese Anforderungen sind Technologie unabhängig, sie gelten sowohl für analoge Technik als auch für zukünftige breitbandige 5G Technik.

Warum ist PMR für sicherheitskritische Kommunikation so wichtig?

Klinger: Leistungsfähige Lösungen für die sicherheitskritische Kommunikation in Behörden und Unternehmen sind für das Funktionieren unserer Gesellschaft unverzichtbar. Bei Sicherheitsbehörden mit cyberkritischen Infrastrukturen, bei Betreibern kritischer Infrastrukturen, wie z. B. Energieversorger und Verkehrsunternehmen sowie in vielen Bereichen der Industrie bestehen besonders hohe Anforderungen an die Funktionalität, die Sicherheit, die Zuverlässigkeit und Verfügbarkeit von Kommunikationslösungen. Professionelle Anwender müssen sich auf ihre Kommunikationsmittel und -wege verlassen können. Das gilt schon im alltäglichen Betrieb, aber insbesondere in Ausnahme- und Krisensituationen.  

Können Sie eine beispielhafte Ausnahme- und Krisensituation, bei der es auf sichere Kommunikation ankommt, skizzieren? 

Klinger: Was passiert im Krisenfall in einer Großschadenslage? Zum Beispiel bei dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt im Dezember 2016 in Berlin. Dort griffen viele Mitbürger zum Handy und filmten die Situation bzw. initiierten Sprachanrufe. Dann kann es im öffentlichen Netz zu einer Überlastung kommen – mit gravierenden Folgen: Wenn Sicherheits- und Rettungskräfte kommerzielle Netze nutzen, können sie nicht mehr sicher und priorisiert kommunizieren. Das kann und darf nicht sein, wenn es um Menschenleben geht.

Hier das Bewusstsein zu schaffen, dass gerade im Krisenfall die sichere und zuverlässige Kommunikation unabdingbar ist, das ist eine der Hauptaufgaben des PMeV. 

Welche Rolle spielt der PMeV im Bereich der sicherheitskritischen Kommunikation in Deutschland?

Klinger: Eine der zentralen Aufgaben des PMeV liegt darin, das Bewusstsein für die hohe gesellschaftliche Bedeutung sicherheitskritischer Kommunikation zu schaffen. Dafür kommuniziert und kooperiert der PMeV mit Ministerien, Abgeordneten, Behörden, weiteren Marktpartnern und Multiplikatoren sowie der gesamten interessierten Öffentlichkeit. Auch zu regulatorischen Themen bringt sich der PMeV im Dialog mit den zuständigen Ministerien und Behörden ein und bezieht Stellung.

Gerade der Übergang von schmalbandigen zu breitbandigen Kommunikationssystemen stellt hohe Anforderungen an die Regulierung.

Dabei geht es aus Sicht des PMeV stets darum, Regulierung so zu gestalten, dass möglichst sichere und zuverlässige Kommunikationssysteme den Anwendern zur Verfügung stehen.

Weiterhin führt der PMeV Anbieter und Anwender zusammen, um Chancen und Möglichkeiten unterschiedlicher Lösungsansätze und Konzepte gemeinsam zu erörtern und unterschiedliche Technologien und Lösungen zu bewerten. In unseren Gremien werden auch technische Lösungen erarbeitet. Speziell im Leitstellenbereich wird diese Möglichkeit sehr umfangreich wahrgenommen. Der Verband bietet also ein Forum für einen neutralen Austausch und die fachliche Diskussion. Es geht dabei um weit mehr als „nur“ technische Optimierungen. Denn sichere Kommunikationslösungen für Sicherheitsbehörden, kritische Infrastrukturen und die Industrie tragen entscheidend zur Sicherheit unserer Gesellschaft bei.

Um das in der Öffentlichkeit zu vermitteln, bedienen wir unterschiedliche Medien – auch Social Media - unterstützen Veranstaltungen mit Vorträgen und bieten eigene Informationsveranstaltungen an. Bei den Veranstaltungen sticht die PMRExpo, die europäische Leitmesse für sichere Kommunikation, heraus. Der PMeV ist ihr ideeller Träger, hat sie initiiert und von Beginn an konzeptionell mitgestaltet. Unsere Veranstaltung „Forum Berlin“ spricht die Entscheider und Multiplikatoren aus Politik, Verbänden und Industrie im Umfeld der sicherheitskritischen Kommunikation an.

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