Waldbrandbekämpfung in munitionsbelastetem Gebiet

Matthias Maurer-Hardt

Matthias Maurer-Hardt

Im Sommer des letzten Jahres wurden die Feuerwehren im Landkreis Darmstadt-Dieburg mit einer der größten Waldbrandlagen der letzten Jahrzehnte in Ihrem Zuständigkeitsbereich konfrontiert. Herausfordernd war hierbei, dass es sich bei der betroffenen Fläche um ein munitionsbelastetes Waldstück handelte. Am Sonntag, dem 30.06.2019 um 13:13 Uhr erfolgte aufgrund einer Rauchentwicklung aus einem Waldgebiet zwischen den Kommunen Münster und Eppertshausen im Landkreis Darmstadt-Dieburg (Südhessen) die Alarmierung der Feuerwehren der beiden Gemeinden. Sehr schnell war klar, dass die Dimension des Feuers einen enorm hohen Kräfteansatz erfordern würde. Bis zur endgültigen Meldung „Feuer aus!“ am 03.07.2020 erfolgte der Einsatz zur Brandbekämpfung durch rund 650 Einsatzkräfte von Feuerwehren aus sechs umliegenden Landkreisen, die unter anderem mit ca. 11.000.000 l Löschwasser bei einer Schlauchleitungslänge von ca. 15 km und dem Einsatz von mehreren Sondereinsatzmitteln den Brand erfolgreich bekämpfen konnten.

Vorausgegangen war dem Einsatzbeginn an einem der heißesten Sommertage des Jahres 2019 - es herrschten Temperaturen von ca. 37 ° C - am 23.09.2018 der Durchzug des Sturmtiefs Fabienne in der später vom Brand betroffenen Waldfläche. Durch das Sturmtief wurde damals eine regelrechte Schneise in Teile des Münsterer Gemeindewaldes geschlagen, was neben rund 200 durch die Feuerwehren und Rettungskräfte abzuarbeitenden Einsatzstellen im Gemeindegebiet, gleichzeitig eine große Menge an Windbruch/umgestürzter Bäume im Waldgebiet zur Folge hatte. In den darauffolgenden Monaten erfolgte durch die zuständigen Forstbetriebe zwar eine umfangreiche Aufarbeitung des Windbruchs, allerdings war auf manchen Flächen noch weiterhin viel Totholz vorzufinden.

In der Erstphase des Einsatzverlaufes konnte die initial gemeldete Rauchentwicklung als Boden- und Wipfelfeuer im Bereich einer Waldabteilung ausgemacht werden, in der ein sehr hoher Anteil von vorhandenem Totholz zu verzeichnen war. Aufgrund der Rückmeldungen der ersteintreffenden Einsatzkräfte erfolgte die sofortige Aufklärung der Brandausbreitung durch einen Aufklärungsflug mit einem Hubschrauber der Hubschrauberstaffel der Polizei. Hierbei konnte eine massive Brandausbreitung in Richtung eines nicht öffentlich zugänglichen Gebietes, dem Gelände der ehemaligen MUNA (Munitionsanstalt), bestätigt werden.

Bei dem von einer möglichen Brandausbreitung gefährdeten MUNA-Gelände handelt es sich um ein abgeschlossenes Areal mit einer Größe von ca. 250 ha, einer ehemaligen Munitionsanstalt (1939-1945) der deutschen Luftwaffe, die von 1945 – 1995 durch die US-Army als Lagerstätte genutzt wurde und die innerhalb des abgesperrten Bereiches als munitionsbelastet geführt wird.
Auf dem Gelände befindliche Bunkeranlagen werden heute teilweise von Firmen u.a. zur Lagerung von Sprengstoffen genutzt, für die entsprechende Sondereinsatzpläne vorliegen.

Es fanden sich viele Munitionsreste, die durch Windbruch und Entwurzelung an...
Es fanden sich viele Munitionsreste, die durch Windbruch und Entwurzelung an die Oberfläche gebracht wurden.
Quelle: Matthias Maurer-Hardt

Über das von der Brandentstehung betroffene Waldgebiet, das von den ersteintreffenden Einsatzkräften betreten wurde, lagen bis zum Einsatzbeginn unterschiedliche Angaben in Bezug auf eine mögliche Munitionsbelastung vor.

Bereits kurze Zeit nach Vornahme der ersten Maßnahmen zur Brandbekämpfung erfolgten Rückmeldungen der eingesetzten Abschnittsleiter über Schuss- und Explosionsgeräusche, sodass sich die Einsatzleitung zu einer sofortige Räumung des unwegsamen Waldgebietes und einer Brandbekämpfung ausschließlich von den befahrbaren Waldschneisen entschied.

Aufgrund der Erkenntnisse der durchgeführten Erkundungsflüge, als auch den Rückmeldungen der Einsatzkräfte erfolgte bereits in der ersten Stunde des Einsatzgeschehens eine umfassende Lagebewertung unter Einbeziehung von verschiedenen Fachberatern. Hierbei wurde u.a. auf Vertreter der Gemeinde Münster, von Hessen-Forst und dem Bundesforst, dem Kampfmittelräumdienst, als auch des Brandschutzaufsichtsdienstes des Landkreises und des Landes Hessen zurückgegriffen. Bei der Auswertung der Lagemeldungen und Lagebilder wurde u.a. eine Ursache für die rasche Explosion von Munition bei bereits geringer Brandbeaufschlagung im als entmunitioniert geltenden Bereich deutlich. Hierbei handelte es sich vorrangig um Munitionsreste, die normalerweise unterhalb der Baumwurzeln in einer beträchtlichen Bodentiefe zu finden sind, allerdings durch den Windbruch und die damit erfolgte teilweise Entwurzelung an die Oberfläche gebracht wurden.

Da sich aufgrund der raschen Brandausbreitung und der festgestellten Munitionsbelastung nun eine neue Situation ergab, entschloss sich die Einsatzleitung zum Aufbau von Riegelstellungen zu den angrenzenden Waldabteilungen. Nicht zuletzt wurde priorisiert die Abwendung eines Übergriffes des Feuers auf das MUNA-Gelände von der Einsatzleitung angegangen. Hierzu erfolgte ein massiver Kräfteeinsatz, da es einen ca. 80 m breiten noch nicht betroffenen Streifen Waldfläche zu halten galt.

Diverse Sondereinsatzmittel konnten aufgrund der Einsatzanforderungen durch das unwegsame und munitionsbelastete Einsatzgebiet in den Bereichen Wasserversorgung und Brandbekämpfung erfolgreich eingesetzt werden.

Nach anfänglichem Einsatz von Tanklöschfahrzeugen im Pendelverkehr erfolgte die Umsetzung der getätigten Planung zur längerfristigen Löschwasserversorgung, da bereits zu einem frühen Zeitpunkt von einem mehrtägigen Einsatz ausgegangen werden musste. Als Wasserentnahmestellen wurden neben dem in der Ersteinsatzphase genutzten öffentlichen Wasserversorgungnetz im näheren Umfeld zwei Seen im Bereich eines ca. 2 km von der Einsatzstelle entfernten Freizeitzentrums sowie zwei natürliche Wasservorkommen im Bereich des MUNA-Geländes erkundet. Um eine dauerhafte und leistungsfähige Wasserentnahme zu gewährleisten, wurden die beiden Abrollbehälter Löschwasserversorgung der Feuerwehren Lorsch (LK Bergstraße) und Mühlheim (LK Offenbach) an die Einsatzstelle gerufen. 

Mit den hierauf verlasteten Systemen ist sowohl eine Wasserentnahme mittels Schwimmpumpe als auch eine Wasserförderung von 4.000l / min. über eine Länge von 1.800 m bei einem konstanten Abgabedruck von 2 bar ohne den Einsatz weiterer Verstärkerpumpen möglich. Eingesetzt wurden die beiden Systeme unabhängig voneinander zur Versorgung zweier separater Einsatzabschnitte. Insgesamt 5 dieser Systeme stehen den Feuerwehren hessenweit zur Löschwasserversorgung bei größeren Einsatzlagen zur Verfügung. Ergänzt wurden diese durch die im Landkreises Darmstadt-Dieburg zur Verfügung stehenden Wasserförderkomponenten, u.a. einen Abrollbehälter Schlauch mit 3.000 m B-Schlauch und zugehörigen Verstärkerpumpen. Weiterhin erfolgte der Einsatz eines Tankzuges mit einem Fassungsvermögen von 20.000 l der Werkfeuerwehr Merck, der über den gesamten Einsatzverlauf als Pufferfahrzeug zur Verfügung stand.

Im Bereich der Brandbekämpfung erfolgte der Einsatz eines Großflugfeldlöschfahrzeug (GFLF 60/125/15-5) der Werkfeuerwehr des Flughafens Frankfurt/Main. Hiermit wurden die im Rahmen der Riegelstellung zum MUNA-Gelände eingesetzten Einsatzkräfte mit ihren Einsatzmitteln (Tanklöschfahrzeuge und Wasserwerfer) unterstützt. Da sich das GFLF aufgrund seiner Größe und der dadurch eingeschränkten Wendigkeit nur auf den ausgebauten Straßen innerhalb des MUNA-Geländes bewegen konnte, erfolgte der effektive Einsatz mittels des Löscharmes und der Wurfleistung des daran verbauten Werfers, um so das Ziel der Verhinderung einer Ausbreitung und eines Übergreifens auf das zu schützende Gelände gewährleisten zu können.

Die Sondereinsatzmittel überzeugten durch ferngesteuerte Befahrung und ihre...
Die Sondereinsatzmittel überzeugten durch ferngesteuerte
Befahrung und ihre Wendigkeit.
Quelle: Matthias Maurer-Hardt

Nachdem die durchgeführte Brandbekämpfung von den Waldwegen aus in fast allen Abschnitten eine erste Wirkung zeigte, erfolgte seitens der Einsatzleitung bereits die Abwägung nach weiteren Einsatzmöglichkeiten zur Bekämpfung des Bodenfeuers und direkter Löschmaßnahmen an teilweise vorhandenen Holzstapel im nicht betretbaren Bereich. Da eine in der Ersteinsatzphase in Betracht gezogene Brandbekämpfung mittels Hubschrauber aus der Luft aufgrund des im Einsatzverlauf verhängten Überflugverbotes unterhalb einer Höhe von 1.000m ausschied, mussten weitere Möglichkeiten eruiert werden. Aufgrund der guten Zusammenarbeit der Feuerwehren in der Region war die Vorhaltung eines Raupenfahrzeuges mit Brandbekämpfungsturbine bei der Werkfeuerwehr Evonik Darmstadt bekannt. 

Nach Erkundung durch einen Fachberater der Werkfeuerwehr erfolgten die Anforderung und der Einsatz dieses Löschroboters. Nachdem sich erste Lösch- und somit Einsatzerfolge durch das Kettenfahrzeug auch im unwegsamen Gelände zeigten, erfolgte die Anforderung eines zweiten Löschroboters bei der Werkfeuerwehr InfraServ in Frankfurt/Main. Die beiden eingesetzten Sondereinsatzmittel überzeugten neben der ferngesteuerten Befahrung in dem während des Einsatzverlaufs als munitionsbelastet definierten Gelände trotz der Löschwasserversorgung über zwei angeschlossene B-Leitungen durch ihre Wendigkeit. Im Weiteren konnten die eingesetzten AIRCORE-Systeme durch die Wurfleistung und die Flexibilität der Monitorfunktion mit den einstellbaren Sprühbildern überzeugen und waren somit über die Gesamteinsatzdauer einer der Garantiepunkte zum Erreichen des Einsatzerfolges.

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass eine solch Personal- und Material-intensive Einsatzlage nur durch das gute Zusammenspiel aller beteiligten Hilfsorganisationen mit dem gewünschten Einsatzerfolg abgearbeitet werden kann. Innerhalb der letzten Monate erfolgte seitens der Brandschutzdienststelle und der weiteren beteiligten Behörden die Erstellung eines Einsatzkonzeptes für das weiterhin als munitionsbelastet geltende Waldgebiet. Hierin wurden neben den einsatzvorbereitenden Maßnahmen der Feuerwehren und Rettungsdienste auch die weiteren technischen Möglichkeiten im Falle eines erneuten Brandereignisses beleuchtet. Auch erfolgten ergänzende Beschaffungen wie z.B. weitere tragbare Monitore und Kreisregner, die u.a. bei einem ähnlichen Brandereignis im August dieses Jahres in Mörfelden-Walldorf (LK Groß-Gerau) eingesetzt werden konnten. 

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