Digitalisierte Kommunikation für Notfälle

Die neue Rettungsleitstelle der Feuerwehr Hamburg

Dr. Stefan Trümpler

PantherMedia / Gorodenkoff

In den Leitstellen der Feuerwehr und Polizei in Hamburg gehen täglich weit über 1.000 Notrufe unter den Rufnummern 112 und 110 ein. Als Leitstellenverbund verwenden Polizeieinsatzzentrale (PEZ) und Rettungsleitstelle (RLST) seit 15 Jahren gemeinsame Einsatzleittechnik. Im Rahmen des Projekts PERLE (Projekt zur Erneuerung der Leitstellen) arbeiten Beamten von Feuerwehr, Polizei, anderen Behörden sowie externe Projektmanager und IT-Spezialisten daran, eine vollständig neue Einsatzleittechnik zu entwickeln und im Jahr 2022 in Betrieb zu nehmen. Einerseits gilt es, veraltete, abgängige Technik zu ersetzen, andererseits sollen die Leitstellen für das digitale Zeitalter fit gemacht werden.

Kommunikation vor 15 Jahren – der Telefonanruf

Die aktuell verwendete Einsatzleittechnik befand sich vor 15 Jahren auf der Höhe der Zeit und orientierte sich an der damaligen Kommunikationskultur. Diese bestand grundsätzlich aus Telefonanrufen. Zwar waren Mobiltelefone schon verbreitet, Smartphones hingegen erschienen erst mit der Vorstellung des iPhone im Jahr 2007 auf dem Markt. Mit Notrufeingängen über Telefon und Notruf-Fax sind die Eingangskanäle vieler Leitstellen von Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst in Deutschland auch heute noch erschöpfend beschrieben. Systeme für automatische Brandmeldeanlagen und die Übermittlung des eCall von verunfallten Kraftfahrzeugen sind mittlerweile flächendeckend verbreitet, machen aber bei vielen Leitstellen lediglich einen Bruchteil des Meldeaufkommens aus.

Die Alarmierung von und die Kommunikation mit Einsatzmitteln erfolgt bei der Feuerwehr Hamburg über eigene Wachalarmsysteme, Funkmeldeempfänger und den BOS Digitalfunkstandard TETRA, der vor mittlerweile acht Jahren den altbekannten 4 m-Analogfunk abgelöst hat.

Das aktuelle Hamburger Einsatzleitsystem (HELS) ist  in seinem lokalen Betrieb monolithisch aufgebaut und abgeschottet. Zugriffe auf das Internet oder externe Datenbanken (z. B. Gefahrstoffregister wie "Hommel" u. a.) sind deshalb nicht möglich.

Verändertes Kommunikationsverhalten und neue technische Möglichkeiten

Die Erneuerung der Einsatzleittechnik in Hamburg wird durch zwei wesentliche Faktoren zusätzlich motiviert:

  1. Die technischen Möglichkeiten haben sich in den letzten Jahren rasant weiterentwickelt. Mit der alltäglichen Nutzung von mobilen Geräten mit hoher Rechen- und Grafikleistung, den Möglichkeiten der Geolokalisierung, den Mobil- und BOS-Digitalfunknetzen mit hohen Datenübertragungsraten, sowie den modernen Möglichkeiten komplexe und vernetzte IT-Systeme zu konstruieren, können viele Prozesse vereinfacht, unterstützt und Medienbrüche vermieden werden – Klassische Digitalisierung.
  2. Dank des technischen Fortschritts hat sich das Kommunikationsverhalten der Menschen maßgeblich verändert. Moderne Smartphones können auf vielfältige Weise kommunizieren – das normale Telefonat ist bei vielen Nutzern nur noch eine Nischenanwendung. Soziale Netzwerke, Chat- oder Messenger-Apps, das Versenden oder gleich Streamen von Bildern, Video- oder Audio-Dateien prägen die mobile Kommunikation der Menschen heute.
Visualisierung einer Position in einem GIS
Ermittlung des Notfallortes kann zum Beispiel durch die automatische Übermittlung der Positionsdaten per GPS erleichtert werden.
Quelle: PantherMedia / peshkov

Neue Meldewege für Notfälle

Um dieses veränderte Kommunikationsverhalten auch in Notsituationen aufgreifen zu können, sollen künftig Hilfesuchende außer dem klassischen Notruf über die Nummer 112 weitere Wege eröffnet werden, die RLST in Notfällen zu erreichen. Technisch machbar sind Schnittstellen zu einschlägigen sozialen Netzwerken, Messenger-Apps oder besondere Notruf-Apps. Damit soll nicht nur die häufig sehr schwierige Ermittlung des Notfallortes durch z. B. die automatische Übermittlung der Positionsdaten per GPS erleichtert und beschleunigt werden. Darüber hinaus wird  auch die Möglichkeit geschaffen, Bilder und Videos in die RLST zu senden, um den Mitarbeiter*innen dort mehr Informationen über die Lage zu verschaffen. So kann die Auswahl der erforderlichen Einsatzmittel verbessert werden.

Neue Systemarchitektur für die Leitstellentechnik

Die neue Einsatzleittechnik wird modular aufgebaut sein, um bei technischen Neuerungen einzelne Komponenten gezielt weiterentwickeln zu können. Außerdem soll der ehemals lokale Betrieb in ein BSI-zertifiziertes Rechenzentrum verlagert werden, um dort sowohl die Ausfallsicherheit als auch die Skalierbarkeit bei hoher Systemlast zu verbessern. Ein weiterer wichtiger Aspekt dieser Systemarchitektur ist die Vermeidung von Medienbrüchen. Mit der alten monolithischen Struktur ist es bisher nicht möglich, Daten aus externen Quellen in das Einsatzleitsystem zu übernehmen. Große Fehlerquellen und Zeitverluste der händischen Datenübertragung aus Drittsystemen können entfallen und solche Systeme ohne Medienbruch angeschlossen werden.

Nutzung mobiler Geräte

Die neue Einsatzleittechnik soll dafür bereit sein, die Einsatzkräfte besser mit der RLST vernetzen zu können. Wo heute noch Einsatzdepeschen auf Papier und (auch z. T. sehr lange) Rückmeldungen über Sprechfunk weitergegeben werden, sollen künftig mobile Endgeräte Verwendung finden können. Die Vorteile liegen auf der Hand, wenn mittels Tablet oder Smartphone Einsatzkräfte bereits auf der Anfahrt das ggf. vom Notrufenden übertragene Bild oder Video ansehen, in unwegsamem Gelände Menschen in Not über GPS direkt auffinden oder ihre Rückmeldungen ohne Zeitverzug und Fehleranfälligkeit direkt eingeben können. Dafür müssen natürlich die datenschutzrechtlichen Rahmenbedingungen erfüllt sein.

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