Energiezelle-F – wie sich Feldbach auf einen Blackout vorbereitet

Thomas Nacht, Martin Schloffer

DI Dr. Thomas Nacht und Martin Schloffer

Wenn man sich mit dem Thema „Blackout“ – einen länderübergreifenden Strom- und Infrastrukturausfall – befasst, befindet man sich unmittelbar im Brennpunkt der Argumente, dass einerseits das Risiko für einen Blackout gering ist, andererseits dessen Auswirkungen derart umfassend und tiefgreifend sind, dass unser tägliches Leben, so wie wir es kennen, nicht mehr möglich wäre. Dieses potenzielle Ausmaß der Auswirkungen eines Blackouts rief den Feldbacher Bürgermeister Josef Ober auf den Plan, der es sich zum Ziel gemacht hat, Vorbereitungsmaßnahmen zu treffen, um die Folgen eines Blackouts für die Bevölkerung sowie einhergehende infrastrukturelle Schäden zu minimieren.

Gemeinsam mit Projekt­partnern (LEA GmbH, 4ward Energy Research GmbH, Florian Lugitsch KG, Amt der Steiermärkischen Landesregierung - Fachabteilung Katastrophenschutz und Landesverteidigung, Herbert Saurugg, Interdisziplinäres Forschungszentrum für Technik, Arbeit und Kultur) wurde von der Neuen Stadt Feldbach das Projekt Energiezelle-F, finanziert im Sicherheitsforschungs-Förder­programm KIRAS vom österreichischen Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie, ins Leben gerufen.

Elektrische Energie ist zu einem essenziellen Gut des täglichen Lebens geworden – man bedenke, was alles ohne Strom nicht möglich wäre. Für die ordnungsgemäße Funktion von Beleuchtung, Transport, Wasserversorgung und Abwasserentsorgung, Kommunikation, Gesundheits- und Lebensmittelversorgung ist Strom notwendig. Entsprechend kann nachvollzogen werden, dass die Auswirkungen, wenn sich die Bevölkerung, Gemeinden oder Einsatzorganisationen nicht auf das Thema Blackout vorbereiten, sehr drastisch wären.

Gemeinsam mit Projektpartnern wurde von der Neuen Stadt Feldbach das Projekt...
Gemeinsam mit Projektpartnern wurde von der Neuen Stadt Feldbach das Projekt Energiezelle-F ins Leben gerufen.
Quelle: DI Dr. Thomas Nacht und Martin Schloffer

Das Projekt Energiezelle-F hat sich mit eben diesen Aspekten im Detail auseinandergesetzt. Um Lösungen im Umgang mit der Problematik zu finden, war es notwendig, sich ein Bild über die Ausgangssituation im Projektgebiet Feldbach zu machen und dabei die vorhandene Infrastruktur sowie die lokalen Gegebenheiten und Bedürfnisse näher zu betrachten. Recht bald stellte sich heraus, dass es eines gesamtheitlichen Konzepts zur Krisenbewältigung bedarf, welches auf die Einbindung und Zusammen­arbeit unterschiedlichster Akteure, von der Gemeinde über die Einsatzorganisationen, der Bevölkerung bis hin zu Nahrungsmittel­versorgern etc. setzt. Ziel war es, eine Basis für eine abgestimmte Zusammenarbeit aller wesentlichen Akteure zu schaffen.

Eine zentrale Säule der Krisenbewältigung wird von der Bevölkerung getragen. In einer Krise wie dem Blackout kann man sich nicht auf Hilfe von Dritten verlassen. Es ist vielmehr notwendig, Vorbereitungen zu treffen und Maßnahmen zu ergreifen, um die Fähigkeit zur Selbsthilfe sicherzustellen. Dadurch werden Einsatzkräfte und Krisenmanagement entsprechend freigespielt und können sich besser den jeweiligen Aufgaben widmen. Um die Fähigkeit zur Selbsthilfe in der Bevölkerung zu steigern, wurden im Laufe des Projektes eine Reihe von Veranstaltungen zur Sensibilisierung der Bevölkerung durchgeführt. Das Thema Blackout sowie dessen Auswirkungen wurden der Bevölkerung nähergebracht, und es wurden Ideen aufgezeigt, wie einfach eine Vorbereitung bewerkstelligt werden kann. Die Highlights in der Reihe dieser Informationsveranstaltungen waren die Blackout-INFO-Veranstaltung am 30. Jänner 2019 und der Blackout-Tag in Feldbach am 05. Oktober 2019. Einen ganzen Tag lang wurden der Feldbacher Bevölkerung Best Practice-Beispiele sowie einfache „Hausmittel“ zur Stärkung der Selbsthilfefähigkeit präsentiert. Darüber hinaus wurde an diesem Tag das im Projekt entwickelte Krisenkommunikationskonzept der Gemeinde und Einsatzkräfte unter Blackout-ähnlichen Bedingungen erfolgreich erprobt.

Für die Bevölkerung wurden zahlreiche Broschüren erstellt, die über die...
Für die Bevölkerung wurden zahlreiche Broschüren erstellt, die über die persönlichen Vorbereitungen auf ein Blackout informieren.
Quelle: DI Dr. Thomas Nacht und Martin Schloffer

Zusätzlich zu den Veranstaltungen wurden für die Bevölkerung von Feldbach zahlreiche Broschüren erstellt, die umfassend über die persönlichen Vorbereitungen auf ein Blackout informieren.

Trotz der besten Vorbereitung der Bevölkerung und Stärkung der Fähigkeit zur Selbsthilfe gibt es Situationen, in denen eine Selbsthilfe schlichtweg nicht möglich ist – beispielsweise im Fall von Bränden, Unfällen etc. Ist eine Situation mit Selbsthilfe nicht zu bewältigen, kann die Feldbacher Bevölkerung auf ein Netz von 13 Selbsthilfebasen zurückgreifen. Eine Selbsthilfebasis ist ein Ort, an dem der Bevölkerung Dienstleistungen angeboten werden, die über die Selbsthilfemöglichkeiten hinaus gehen. Dabei unterscheiden sich die von den einzelnen Selbsthilfebasen ange­botenen Dienstleistungen je nach vorhandener Infrastruktur. Alle Selbsthilfebasen sind im Falle eines Blackouts notstromversorgt und verfügen über eine 24-Stunden-Besetzung. Darüber hinaus agieren Selbsthilfebasen als Informationsdrehscheiben zwischen Bevölkerung, Gemeindeeinsatzleitung und Einsatzkräften, nehmen Notrufe entgegen, leiten diese weiter und koordinieren Hilfe­leistungen für bedürftige Menschen.

Diese Selbsthilfebasen sind in ein übergeordnetes Krisenmanagement und ein Kommunikationskonzept eingebunden. Das Krisenmanagement regelt und koordiniert die Zuständigkeiten in der Vorbereitung auf ein Blackout sowie die Aufgaben während eines Blackouts – die Frage „Wer macht was, wann, wo und wie?“ wird beantwortet. Die zuständigen Personen müssen auf die ihnen zugewiesenen Tätigkeiten vorbereitet werden, um sicherzustellen, dass diese ihre Aufgaben erfüllen können. 

Zu diesen Aufgaben zählen beispielsweise die Besetzung der Selbsthilfebasen sowie der Betrieb relevanter Versorgungsstrukturen wie die Wasserversorgung und Abwasserentsorgung. Dabei darf die Besonderheit der Situation nicht vernachlässigt werden, denn von den Auswirkungen eines Blackouts sind alle betroffen – auch jene Personen, die für wichtige Aufgaben im Blackout-Fall vorgesehen sind sowie deren Angehörige. Wichtig ist es also, dass die Vorsorge der zuständigen Personen sichergestellt ist, damit diese deren Aufgaben ohne Einschränkungen nachkommen können.

Für die Wasserversorgung und Abwasserentsorgung wurde ein Notstromversorgungskonzept auf Basis von Zapfwellen­generatoren erarbeitet, das einen Notbetrieb im Falle eines Blackouts sicherstellt. Es wurde untersucht, welche Pump- bzw. Förderstationen im Wasser- und Abwassernetz von Feldbach in welchen Inter­vallen mit Strom zu versorgen sind, um eine grundlegende (Not-)Ver- bzw. Entsorgung aufrechtzuerhalten. Auch hinsichtlich dieses Aspekts kommt der Vorbereitung der Bevölkerung eine wesentliche Rolle zu. Die Bevölkerung muss im Vorfeld darüber informiert werden, dass im Blackout-Fall zwar Wasser eingeschränkt zur Verfügung steht, mit diesem jedoch ausgesprochen sparsam umgegangen werden muss.

In Bezug auf das Thema Notstromversorgung wurden im Projekt Energiezelle-F unterschiedliche Aspekte untersucht. Eine zentrale Rolle spielt die Notstromversorgung der Selbsthilfebasen, die im Krisenfall als Anlaufstelle für die Bevölkerung dienen. Für jede der Selbsthilfebasen wurde ein Konzept für die Energieversorgung im Blackout-Fall erarbeitet, das entweder auf erneuerbaren Energiequellen und Speicher oder auf die Verwendung von Notstrom­aggregaten basiert. Bei der Notstromversorgung einzelner Gebäude spielen vor allem technische Faktoren eine wesentliche Rolle – von inselfähigen Wechselrichtern, einer Netzfreischaltung bis hin zu geeigneten Schutzeinrichtungen sind unterschiedlichste Aspekte zu berücksichtigen. Diese wurden unter anderem auch im Rahmen des Blackout-Tages der Feldbacher Bevölkerung nähergebracht. 

Darüber hinaus wurden im Ortsteil Gniebing Maßnahmen gesetzt, um Teilbereiche des öffentlichen Netzes des lokalen Energieversorgers Florian Lugitsch Gruppe GmbH (e.Lugitsch) in einem sogenannten Infrastrukturerhaltungsbetrieb mit Strom zu ver­sorgen. Das Rückgrat der Energieversorgung bilden dabei ein Kleinwasserkraftwerk an der Raab sowie zwei Notstromaggregate, die in der Lage sind, das Netz im Falle eines Blackouts wiederaufzubauen und im Betrieb schnelle Lastschwankungen auszugleichen. Bevor diese jedoch in Betrieb genommen werden können, sind umfassende Schaltmaßnahmen im Mittel- und Niederspannungsnetz notwendig. Ein diesbezüglicher Plan für die Vorgehensweise im Blackout-Fall wurde ausgearbeitet, damit binnen weniger Stunden eine Notstromversorgung wichtiger Infrastrukturen (darunter eine Selbsthilfebasis) erfolgen kann und somit ein wesentlicher Beitrag zu Sicherheit der Bevölkerung geleistet wird.

Wichtig war der Betrieb relevanter Versorgungsstrukturen wie z.B. der...
Wichtig war der Betrieb relevanter Versorgungsstrukturen wie z.B. der Wasserversorgung und Abwasserentsorgung.
Quelle: DI Dr. Thomas Nacht und Martin Schloffer

Mit dem Projekt Energiezelle-F konnte die Bevölkerung der Stadt Feldbach für das Thema Blackout sensibilisiert werden. Durch die durchgeführten Vorbereitungsmaßnahmen konnte die Stadt wesentliche Schritte in Richtung Blackout-Sicherheit machen. An der Umsetzung der umfangreichen Vorbereitungsmaßnahmen wird zwar noch gearbeitet, die Ergebnisse des Forschungs­projektes und der unermüdliche Einsatz der handelnden Personen vor Ort haben die Neue Stadt Feldbach zu einer Vorzeigestadt in Bezug auf die Vorbereitung zur Bewältigung eines Blackouts gemacht.



Verwandte Artikel

Erhöhung der Robustheit wichtiger Einrichtungen durch Energiezellen

Erhöhung der Robustheit wichtiger Einrichtungen durch Energiezellen

Im vergangenen Jahr wurde vom Autor in mehreren Beiträgen das Szenario eines europaweiten Strom- und Infrastrukturausfalls („Blackout“) beleuchtet. Dabei wurde immer wieder auf die zwingend erforderliche persönliche Vorbereitung möglichst...

Licht aus im Ruhrgebiet

Licht aus im Ruhrgebiet

Am 14.03.2019 fand das 3. Symposium als gemeinsame Veranstaltung der Essener Brost-Stiftung mit dem „Gesprächskreis Innere Sicherheit NRW“ (GIS NRW) in der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim statt. Nachdem das 1. Symposium im...

KIRMin - Kritische Infrastrukturen-Resilienz als Mindestversorgungskonzept

KIRMin - Kritische Infrastrukturen-Resilienz als Mindestversorgungskonzept

Was ist notwendig, um in Krisensituationen eine Mindestversorgung bewerkstelligen zu können? Mit dieser Problemstellung hat sich das KIRMin-Projekt ausführlich beschäftigt. Das Projekt für Kritische Infrastrukturen-Resilienz als...

: