Mit Simulationen Resilienz stärken

Clemens Harten

Clemens Harten

Jede Organisation wird mit Störungen oder Veränderungen konfrontiert, auf die es zu reagieren gilt. Simulationen können helfen, die Organisation auf solche Ereignisse vorzubereiten und so ihre Resilienz stärken. Wie gut eine Organisation auf Krisen vorbereitet ist, zeigt sich oft erst, wenn es zu spät ist. Ist die Krise erst einmal da, bleibt meist wenig Zeit, sich über die richtige Reaktion Gedanken zu machen: Stattdessen greift man auf die (hoffentlich vorhandenen) Pläne zurück, die im Vorfeld entwickelt wurden – und ist wesentlich auf die Intuition der Beteiligten angewiesen, schnell die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Im Nachhinein kann man die Krise analysieren und versuchen, aus Fehlern zu lernen: Was würde man beim nächsten Mal anders machen, was beibehalten? Eine solche ex-post Analyse stärkt die Krisenfestigkeit einer Organisation Stück für Stück.

Das Problem dieses Vorgehens wird schnell klar: Zum einen ist der Lernprozess langsam und basiert auf vielen Fehlentscheidungen, die möglicherweise dramatische Konsequenzen hatten. Zum anderen ist der Erkenntnisfortschritt begrenzt: Keine zwei Krisen oder Störungen sind genau gleich, nicht jede Erkenntnis ist auf den nächsten Zwischenfall übertragbar. 

Die Fähigkeit einer Organisation, externe Störungen und Veränderungen unbeschadet zu überstehen, wird als Resilienz bezeichnet. Um die Resilienz eines Unternehmens langfristig zu stärken, ist es also nicht ausreichend, nur aus Ernstfällen zu lernen.

Möglichst viele Szenarien müssen erprobt und durchgespielt werden. Hierfür bieten sich besonders Simulationen an. 

Dr. Jan Spitzner und Prof. Dr. Matthias Meyer eröffnen das Forum...
Dr. Jan Spitzner und Prof. Dr. Matthias Meyer eröffnen das Forum Zukunftsorientierte Steuerung 2018 an der Führungsakademie der Bundeswehr.
Quelle: Clemens Harten

Simulationen können auf ganz unterschiedliche Art genutzt werden, um die Resilienz von Systemen und Organisationen zu verbessern. Meist steht dabei im Vordergrund, in simulierten Krisensituationen Erfahrungen zu sammeln, die im Nachgang ausgewertet werden können. Die Analyse dieser Erfahrungen hilft dann dabei, neue Ansätze für mögliche Krisenfälle zu entwickeln.

Eine Form der Simulation, die seit langem etabliert ist, um die Gesellschaft resilient für unvorhergesehene Ereignisse zu machen, ist die Katastrophenschutzübung. Unter möglichst realitätsnahen Bedingungen werden hier mit oftmals hunderten Teilnehmern Krisen-Szenarien erprobt. Zum einen nützt das den direkt an der Übung beteiligten Akteuren: Ärzte, Sanitäter, Feuerwehrleute und Sicherheitskräfte können persönliche Erfahrungen mit Situationen sammeln, die im Berufsalltag selten auftreten. 

Zum anderen helfen solche Simulationen aber auch dabei, die Abläufe der gesamten Organisation besser zu verstehen. Die Auswertung einer Übung kann ergeben, dass Verhaltensregeln und Ablaufpläne überarbeitet werden müssen, dass Ressourcenbedarfe neu ermittelt werden müssen oder dass weiteres Training notwendig ist. Natürlich kann eine Übung auch gezielt so gestaltet werden, dass etwa neue Strategien und Ansätze auf die Probe gestellt werden.

Eine Simulation von Krisen- und Störungsfällen mit den potentiell beteiligten Akteuren kann aber auch in einem deutlich kleineren Rahmen stattfinden. Im Militär wird schon seit Jahrhunderten auch auf Simulationen gesetzt, um etwa das Führungspersonal auf Ernstfälle vorzubereiten, indem konkrete Bedrohungsszenarien durchgespielt werden. In den letzten Jahrzehnten hat sich diese Technik unter dem Namen Business Wargaming auch in der Wirtschaft und in anderen zivilen Organisationen bewährt. Ein Wargame zeichnet sich meist dadurch aus, dass mehrere Parteien im Rahmen der Simulation gegeneinander antreten. Die Parteien werden dabei so gewählt, dass relevante Situationen mit potenziellen Störungen möglichst wirklichkeitsnah abgebildet werden können. So könnte in einem Wargame ein Netzbetreiber gegen ein Team terroristisch motivierter Saboteure antreten, ein Unternehmen gegen einen finanzstarken Mitbewerber oder eine Pressestelle gegen eine simulierte Öffentlichkeit, die beispielsweise über die Presse oder Soziale Medien aktiv wird. Die beteiligten Teams handeln dabei im Rahmen eines vorgegebenen Szenarios, das von einer Projektleitung entwickelt wurde und dessen Entwicklung während der Simulation ständig überwacht wird.

Katastrophenschutzübungen und Wargaming haben gemeinsam, dass die Simulation von den Menschen durchgeführt wird, die in einem Krisenfall auch tatsächlich die handelnden Akteure sein könnten. Neben der theoretischen Erprobung von Krisenplänen und Strategien steht hier also oft die Ausbildung der Simulations-Teilnehmer im Vordergrund.

Aber natürlich gibt es weitere Wege, Simulationsmethoden für die Stärkung der Resilienz einer Organisation zu nutzen.

Viele Simulationen von Krisen- oder Störfällen erfolgen heute computergestützt und mitunter sogar ausschließlich als virtuelle Modelle. Ein Beispiel ist hier die agenten-basierte Simulation bei der Analyse von Evakuationen. Kommt es etwa in einem Fußballstadion, einem Bahnhof oder einem großen Bürogebäude zu einem Sicherheitszwischenfall, bleibt oft nicht viel Zeit zur Räumung. Aber wie viele Personen kommen schnell genug durch die Gänge und Türen – und was passiert, wenn einzelne Wege versperrt sind? Computersimulationen können auf solche Fragen mit relativ geringem Aufwand konkrete Antworten geben. Dabei werden für tausende Personen gleichzeitig die Fluchtrouten berechnet und ständig aktualisiert. Auch hier ist es möglich, unterschiedliche Szenarien zu entwerfen und zu testen, um im Ernstfall auch von scheinbar unwahrscheinlichen Ereignissen nicht überrascht zu werden.

Da sich Computersimulationen leichter skalieren lassen als praktische Übungen, können mit dieser Methode auch Krisenszenerien von erheblichem Ausmaß abgebildet werden. So kann zum Beispiel die Infrastruktur einer ganzen Stadt für Evakuationsszenarien getestet werden, in denen die virtuellen Akteure nicht nur komplexe Entscheidungen zum Zeitpunkt und zum Ziel der Fluchtbewegung treffen müssen, sondern auch die Wahl zwischen unterschiedlichen Transportmitteln und Routen haben – wobei ihre Entscheidungen von denen der anderen Akteure beeinflusst werden.

Nicht alle Simulationen, die auf die Verbesserung der Resilienz einer Organisation abzielen, basieren auf Menschen und haben deren Entscheidungen und Handlungen zum Gegenstand. Alle Systeme mit komplexen Abhängigkeiten können mit Simulationen auf ihre Performance im Ausnahmefall getestet werden.

Ein Beispiel sind hier kritische Infrastrukturen wie Gas- oder Stromnetze. Was passiert, wenn eine wichtige Pipeline plötzlich ausfällt – sei es aufgrund einer technischen Störung oder durch Sabotage? Oder wenn kurzfristig mehrere Kraftwerke zeitgleich vom Netz genommen werden müssen? Eine praktische Erprobung solcher Ereignisse (über die real auftretenden Fälle hinaus) ist oft nicht denkbar. Auch hier helfen Computersimulationen, kritische Szenarien frühzeitig zu erkennen, und Abwehrmaßnahmen zu entwickeln. 

In solchen Konstellationen ist auch eine Kombination von rechnergestützten Modellen und Planspielen möglich: Die Mitarbeiter eines Leitstandes oder Krisenstabs werden laufend mit den Ergebnissen des Computermodells konfrontiert und müssen darauf aufbauend Maßnahmen ergreifen, die wiederum in das Computermodell einfließen.

Es existieren also vielfältige Möglichkeiten, Simulationen für die Stärkung der Resilienz von Organisationen einzusetzen: Von dem praktischen Planspiel mit echten Akteuren bis zu virtuellen Computermodellen. Für den Erfolg einer solchen Simulation sind drei Faktoren entscheidend:

Erstens muss die Simulation die entscheidenden Prozesse hinreichend genau abbilden. Nur wenn das Simulationsmodell ähnlich funktioniert wie die Realität, kann man auch etwas über die wirkliche Welt lernen. Bei jeder Vereinfachung, die dem Simulationsmodell zugrunde liegt, muss also kritisch hinterfragt werden: Schadet diese Vereinfachung der Aussagekraft der Simulationsergebnisse?

Zweitens müssen die richtigen Szenarien erprobt werden: Nur wenn man die richtigen Fragen stellt, bekommt man auch nützliche Antworten. Hierfür ist es wichtig, dass bei der Entwicklung der Simulation die Methoden-Experten eng mit den Domänen-­Experten zusammenarbeiten, um eine passgenaue Abbildung der wichtigsten Herausforderungen zu erreichen.

Und drittens: Alle Beteiligten, sei es der Sanitäter in der Kata­strophenschutzübung oder der Entscheidungsträger in einem Ministerium, müssen die Simulation ernstnehmen und versuchen, der Wirklichkeit eines möglichen Krisenfalls gerecht zu werden. Dies ist die Voraussetzung dafür, dass die Simulationsergebnisse genug Glaubwürdigkeit genießen, um von allen Beteiligten als Basis eines Lernprozesses angenommen zu werden.

Eine Möglichkeit, mehr über das Thema Resilienz und Simulationen zu erfahren, ist das Tagesforum „Zukunftsorientierte Steuerung – Resilienz mit Simulationen verbessern“ am 07.03.2019 an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg. Die Veranstaltung ist eine Kooperation der TU Hamburg, Spitzner Consulting und der Führungsakademie der Bundeswehr. Sie bietet Gelegenheit zum Austausch mit Simulations-Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und dem Militär. Neben klassischen Vorträgen umfasst das Forum auch mehrere interaktive Module, in denen Simulationsmethoden praktisch erprobt werden können.

Das detaillierte Programm und die Details zur Anmeldung sind unter www.tuhh.de/maccs/zos verfügbar.

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