Seecontainer als Splitterschutz bei Entschärfungen

Mathias Weber

M. Weber

In Gebieten mit zahlreichen Weltkriegsbomben lohnt die Aufnahme spezieller Splitterschutzwände aus Seecontainern in die Alarm- und Notfallpläne. Die kostengünstigen Container erhöhen die Sicherheit und etwaige Evakuierungen werden damit klein gehalten oder es kann sogar ganz auf sie verzichtet werden. Wird ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden, gilt es schnell zu reagieren: Bewohner und in der näheren Umgebung arbeitende Menschen müssen über die mögliche Gefahr in Kenntnis gesetzt und innerhalb kürzester Zeit evakuiert werden. Dies bedeutet einen hohen Aufwand für die Einsatzkräfte, die in vielen Fällen sogar von Tür zu Tür gehen und die Menschen persönlich warnen. Um diesen zu minimieren, werden immer öfter Seecontainer eingesetzt, die als effektive Splitterschutzwände fungieren und die umliegende Bevölkerung im Ernstfall schützen.

Jeder Container wird zusätzlich mit etwa 24.000 Litern Wasser gefüllt.
Jeder Container wird zusätzlich mit etwa 24.000 Litern Wasser gefüllt.
Quelle: M. Weber

Um Menschen bei einem Bombenfund optimal vor möglichen Gefahren zu bewahren, haben die Bezirksregierungen in Absprache mit den Aufgabenträgern detaillierte Alarm- und Einsatzpläne aufgestellt, die landesweit koordinierte Hilfe leisten sollen. Diese werden alle fünf Jahre fortgeschrieben und ergänzt, um sich stets aktuellen Begebenheiten und Entwicklungen anzupassen. Was viele Städte und Ordnungsämter nicht wissen: Seecontainer haben sich in der Vergangenheit als effektive und schnelle Lösung herausgestellt, die zudem noch kostengünstig ist.

Evakuierungen sind aufwendig und kosten Zeit

Wie aufwendig eine solche Evakuierung sein kann, erlebten die Einsatzkräfte bei der – bis dato – zweitgrößten Evakuierung seit dem Zweiten Weltkrieg: 2017 mussten in Hannover rund 50 000 Menschen ihre Häuser verlassen, nachdem eine Bombe aus Kriegszeiten gefunden wurde. Einige von ihnen unterschätzten die Gefahr und mussten persönlich durch die Experten überzeugt werden, sich aus dem Risikobereich zu bewegen. Feuerwehr und Polizei mussten jeweils bei den Betroffenen klingeln und diese teils eindringlich darum bitten, das Gebäude zu räumen. Zusätzlich flog ein Hubschrauber mit Wärmebildkamera das Gebiet ab, um sicherzugehen, dass sich dort keine Person mehr befand.

Ergebnis: Wertvolle Zeit, die bereits in die Bombenentschärfung hätte gesteckt werden können, ging verloren und es musste sichergestellt werden, dass sich tatsächlich niemand mehr in den umliegenden Häusern befindet. Darüber hinaus mussten Ausweich-Orte für die Bevölkerung gefunden und ihnen Beschäftigungsmöglichkeiten angeboten werden. Schwimmbäder wurden geöffnet und luden die Betroffenen zum kostenlosen Schwimmen ein, es gab die Möglichkeit zum Theaterbesuch und sogar ein Tangokurs wurde ins Leben gerufen. Zudem musste die Bevölkerung immer wieder über den aktuellen Stand der Entschärfung informiert werden, um zu erfahren, wann sie wieder in ihre Wohnungen zurückkehren kann und die Gefahr gebannt ist. Vor Beginn der Arbeiten erreichten die Anwohner darüber hinaus Postwurfsendungen, die in sechs Sprachen übersetzt wurden und die Evakuierung ankündigten.

Viele dieser Maßnahmen wären beim Einsatz eines Splitterschutzes in diesem Ausmaß nicht notwendig gewesen und hätten mühelos vermieden werden können.

Seecontainer verringern den Evakuierungsradius in sensiblen Bereichen

Seecontainer eignen sich nicht nur für den klassischen Transport, sondern auch als Splitterschutzwand im Notfall. So wurden sie etwa vor kurzem im nordrhein-westfälischen Gladbeck eingesetzt, wo am neunten Februar eine 250 Kilogramm schwere Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden wurde. Da der Fundort in direkter Umgebung zu einem Krankenhaus lag, stellte sich eine mögliche Evakuierung als besonders aufwendig – und für schwerkranke Patienten, die sich selbst kaum bewegen können, äußerst gefährlich – heraus. 

Um Gebäude und Menschen zu schützen, dennoch aber auf eine Evakuierung verzichten zu können, stellten die Experten mittels Kranwagen vier Seecontainer als eine Art Schutzmauer auf. Jeder Container wurde zusätzlich mit etwa 24.000 Litern Wasser gefüllt, so dass alle Einheiten ein Gesamtgewicht von rund 100 Tonnen erreichten. Zwar hätte für die Befüllung auch Sand genutzt werden können, doch wäre es bei der Entschärfung zu einer Explosion gekommen, wären die Seecontainer zerschellt und die Wassermassen herausgeflossen. Diese hätten dann das aufkommende Feuer zuverlässig gelöscht. Der entstandene Druck, der sich normalerweise seitlich ausdehnt, wäre durch die Container abgefangen und nach oben weitergeleitet worden.

Durch den Einsatz der Seecontainer konnten nicht nur Patienten und Einwohner geschützt, sondern auch Polizei und Feuerwehr entlastet werden, die nun keine Evakuierungsmaßnahmen einleiten und durchführen mussten. Und: Es konnten Kosten gespart werden. So wurde für den Aufbau der Container ein Betrag benötigt, der gerade einmal die Evakuierungskosten von drei bis vier Patienten abgedeckt hätte – rund 300 befanden sich insgesamt im Krankenhaus.

Ebenfalls Seecontainer als Splitterschutz eingesetzt hat die Stadt Essen. Im Rahmen von Sondierungsarbeiten wurden auf dem Gelände des Universitätsklinikums Hinweise auf einen Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden. Um sowohl die Patienten des Krankenhauses als auch Mitarbeiter sowie die in der Nähe wohnende Bevölkerung zu schützen, bestellten Ordnungsamt, Kampfmittelräumdienst und Feuerwehr Seecontainer und konnten auf diese Weise den Evakuierungsradius deutlich verkleinern sowie auf ein Verlegen schwerkranker Patienten verzichten. Der Klinikbetrieb konnte aufrechterhalten werden. Gerade in Innenstadtbereichen kann der Einsatz von Splitterschutzwänden also äußerst effektiv sein und die Entschärfungsarbeiten beschleunigen.

Gängiges Schema der Splitterschutzcontainer-Aufstellung.
Gängiges Schema der Splitterschutzcontainer-Aufstellung.
Quelle: M. Weber

Effektiv, zeitsparend und kostengünstig

Nicht nur Seecontainer werden als Schutzmauer verwendet. Als Alternativen gelten zudem das Aufstellen großer mit Wasser gefüllter Säcke sowie so genannte „Big Bags“, die statt mit Wasser mit Sand befüllt werden. Nachteil dieser Sandsäcke: Kommt es in Folge einer Explosion zu einem Feuerausbruch, wird dieses nicht sofort durch Wasser in Zaum gehalten, wie es etwa bei den Seecontainern der Fall ist. Alle Splitterschutzwände und -säcke haben dabei eines gemeinsam: Sie schützen die Bevölkerung durch herumfliegende Splitter, denn diese können sogar gefährlicher sein als die Explosion selbst. 

Aber: Viele Kampfmittelräumdienste und Kommunen glauben, dass eine Sprengschutzwand ausschließlich Schutz bei einer geplanten Sprengung bieten soll. Wird eine Bombe gesprengt, können die Splitter unter Umständen ganze 800 bis 900 Meter weit fliegen. Die gezielte Sprengung ist vor allem dann notwendig, wenn sich der Zünder weder risikolos herausdrehen lässt noch mittels Wasserschneidegeräts abgeschnitten werden kann. Doch auch, wenn eine Sprengung zunächst nicht geplant ist und es sich lediglich um eine Entschärfung der Bombe handelt, ist stets Vorsicht geboten, denn niemand weiß im Vorhinein, um es nicht doch zu einer Explosion und damit zu einer Gefahr für in der Nähe befindliche Personen kommt.

Auch dabei haben sich Seecontainer in der Vergangenheit als besonders effektive Lösung erwiesen. So sind sie sehr kostengünstig: Der Gesamtpreis für den Einsatz der Container liegt beispielsweise in der Regel bei unter 50.000 Euro. Im Paketpreis inbegriffen ist die Miete der Container, deren Anlieferung und Montage sowie die Demontage und Abholung. Zudem erfolgt die Bereitstellung schnell. Innerhalb des Ruhrgebiets werden die Container in nur zwei Werktagen geliefert, innerhalb Nordrhein-Westfalens dauert es drei Tage. Geliefert werden können die Seecontainer deutschlandweit. Auch die Montage weiß mit geringem Aufwand zu überzeugen: In nur zwei Stunden sind die Container im Normalfall aufgestellt. Montiert werden sie – je nach Fall und Notwendigkeit – über- oder nebeneinander.

Aufnahme von Seecontainern in die ­Einsatz- und Alarmpläne der Städte

Um der Bevölkerung den notwendigen Schutz vor etwaigen Explosionen und umherfliegenden Splittern zu bieten und zudem Einsatzkräfte und Behörden vor einem hohen Evakuierungsaufwand zu bewahren, wird empfohlen, ein auf Splitterschutz spezialisiertes Container­unternehmen samt Seecontainern in die Einsatz- und Alarmpläne der Städte zu integrieren. Damit wäre eine schnelle und unkomplizierte Lösung in Gefahrensituationen garantiert. Evakuierungsradien werden verkleinert und manchmal kann auf eine Evakuierung sogar komplett verzichtet werden. Darüber hinaus kann bereits im Vermutungsfall eine entsprechende Schutzmaßnahme eingeleitet werden.


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