Der Oderlandmarsch – eine Erfolgsgeschichte der deutsch-polnischen Verständigung

Dmitri Steiz

Landeskommando Brandenburg

Die Bundeswehr in Brandenburg und die polnische Armee arbeiten im Bereich des grenzüberschreitenden Katastrophenschutzes eng zusammen. Ein Höhepunkt dieser erfolgreichen Partnerschaft ist der Oderlandmarsch – ein traditionsreiches Event, das hunderte Menschen beidseitig der deutsch-polnischen Grenze vereint.

Die Wurzeln der Zusammenarbeit der Bundeswehr mit dem polnischen Militärstab der Wojewodschaft Zielona Góra reichen bis ins Jahr 1992. Den Grundstein dafür legte damals der Kommandeur des Verteidigungsbezirkskommandos 85 (VBK 85) in Frankfurt (Oder), Oberst Karl-Christoph von Stünzner-Karbe. In den darauffolgenden Jahren entstand auch die Idee für einen gemeinsamen deutsch-polnischen Wettkampf, den das VBK 85 zusammen mit den Kameraden des Wojewodschaftsmilitärstabes (WSzW) in Zielona Góra im Jahr 1995 erstmalig unter dem Titel „Oderlandmarsch“ durchführten. Dies war die Geburtsstunde eines alljährlichen Höhepunktes der deutsch-polnischen Verständigung.

Im Jahr 2007 folgte eine Zäsur: Das Verteidigungsbezirkskommando 85 wurde außer Dienst gestellt. Die Nachfolge und damit auch die Aufgaben des VBK 85 übernahm das im selben Jahr neu aufgestellte Landeskommando Brandenburg. Die Dienststelle der Streitkräftebasis mit Sitz in Potsdam ist die oberste territoriale Kommandobehörde der Bundeswehr im Bundesland. Das Kommando berät die Landesregierung sowie die Landkreise und kreisfreien Städte bei der zivil-militärischen Zusammenarbeit (ZMZ) und unterstützt das Land im Katastrophenfall, etwa bei einem Hochwasser, bei Waldbränden oder eben in der aktuellen Covid-19-Situation. Zugleich verantwortet das Landeskommando die Ausbildung und Führung der Reserve im Bundesland.

Den Frauen und Männern des Landeskommandos Brandenburg lag die Tradition des Oderlandmarsches von Anfang an am Herzen. Die deutsch-polnische Veranstaltung wurde Schritt für Schritt aufgewertet und weiterentwickelt. Zu Beginn noch als ein rein militärischer deutsch-polnischer Wettkampf mit sechs teilnehmenden Mannschaften organisiert, entwickelte sich der Oderlandmarsch insbesondere seit 2017 zu einem großen zivil-militärischen Event mit bis zu 400 Teilnehmern.

Die Überwindung einer Eskaladierwand gehört zu den Aufgaben, die bewältigt...
Die Überwindung einer Eskaladierwand gehört zu den Aufgaben, die bewältigt werden müssen.
Quelle: Landeskommando Brandenburg

Aus zwei Nationen wurden fünf

Neben den Soldaten aus Deutschland und Polen nahmen am Oderlandmarsch im Laufe der Zeit auch Kameraden der Streitkräfte aus Tschechien, Litauen und den USA teil. Zu den aktiven Soldaten und Reservisten kamen Vertreter der „Blaulicht“-Organisationen hinzu, darunter Angehörige der Polizei, des Technischen Hilfswerkes, des Deutschen Roten Kreuzes, der Feuerwehr und der Johanniter-Unfall-Hilfe. Aus anfangs zwei Disziplinen – dem Luftgewehrschießen und dem 20-Kilometer-Marsch –, wurden elf. Stationen wie Schlauchbootfahrt, Medizinballweitwurf und der Transport von Verletzten machten den Wettkampf vielseitiger und interessanter.

Die Ursprünge des Oderlandmarsches liegen – wie der Name verrät – an der Oder. Allerdings ist der Wettkampf inzwischen weiter südlich – an der Neiße – zu Hause. Seit 2015 sind Guben und Gubin die Austragungsorte der Veranstaltung. Dafür gibt es mehrere Gründe: 

"Zum einen haben wir dort eine tolle Partnerschaft mit den Stadtverwaltungen von Guben und Gubin“, sagt Oberstleutnant Uwe Teubner, der beim Landeskommando für den Oderlandmarsch verantwortlich ist. Die Neiße ist schmaler als die Oder – und damit für die Teilnehmer leichter zu überqueren. „Besonders freut uns, dass wir auch am neuen Austragungsort mit offenen Armen empfangen werden“, betont Oberstleutnant Teubner.

Am Oderlandmarsch kann jedermann in einer fünfköpfigen Mannschaft oder als Einzelmarschierer teilnehmen. Seit 2017 wird der Oderlandmarsch in Form eines Crosslaufes organisiert. Doch wie läuft der Wettkampf genau ab?

Reisen wir gedanklich in das Jahr 2018. Am Sonnabend, dem 24. Mai, pünktlich um 10:00 Uhr, begrüßt der Kommandeur des Landeskommandos Brandenburg, Oberst Olaf Detlefsen, die Gäste – darunter auch den Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg, Dr. Dietmar Woidke – zum 23. Oderlandmarsch. An die Teilnehmer des Wettkampfes richtet Oberst Detlefsen Worte der Ermunterung: „Dieser Marsch wird Sie fordern, sie werden schwitzen und vielleicht auch fluchen, aber Sie werden auch viel Spaß haben.“ Anschließend würdigt der Kommandeur die Organisatoren: „All dies ist nur möglich, weil wieder einmal zahlreiche Helfer auf deutscher und polnischer Seite, von Armee und „Blaulicht“-Organisationen, von Verwaltung und Ehrenamt, tatkräftig helfen!“

Um 11:00 Uhr fällt der Startschuss. Die Wettkämpfer laufen los. Sie haben einen mehr als zehn Kilometer langen Marsch durch Guben auf deutscher und Gubin auf polnischer Seite vor sich. Die Crossläufer müssen dabei verschiedene Aufgaben meistern. Unmittelbar nach dem Start am Rathaus sind Schwebebalken und Eskaladierwand zu überwinden. Über die Neißebrücke geht es nach Polen, wo das Schießen mit dem Lasergewehr und der Transport von Verwundeten auf der Tagesordnung stehen. In Höhe der Schützenhausinsel müssen die Wettkämpfer das erste Mal die Neiße überqueren.

Wettkämpfer überqueren die Neiße.
Wettkämpfer überqueren die Neiße.
Quelle: Landeskommando Brandenburg

Der Weg führt sie dann am Plastinarium, dem Bahnhof und der Rettungswache vorbei. Die Wettkämpfer meistern dabei weitere Disziplinen, schleudern Rettungsringe und schlingen sich durch ein Tunnelsystem. In Höhe der Gubiner Straße überqueren die Teilnehmer die Neiße ein zweites Mal, ehe sie an der ehemaligen Stadt- und Hauptkirche das Ziel erreichen.

Am Ziel gibt es gleich mehrere Belohnungen: applaudierende Gäste, herzliche Glückwünsche, eine Teilnehmer-Urkunde und – als ein besonderes Highlight – das im Anschluss stattfindende Stadtfest. Was die Soldaten des Landeskommandos Brandenburg, die polnischen Kameraden, der Reservistenverband Brandenburg, die Städte Guben und Gubin sowie die „Blaulicht“-Organisati­onen auf die Beine stellen, ist beeindruckend!

Doch bei dem Oderlandmarsch geht es nicht nur um den Wettkampf und den Spaßfaktor, sondern auch – und vor allem – um den gemeinsamen Auftrag an der deutsch-polnischen Grenze. „In der Krise Köpfe kennen“ – in diesem Sinne hat der Kommandeur des Landeskommandos, Oberst Detlefsen die Zusammenarbeit mit den polnischen Partnern intensiviert. Mittlerweile besteht eine Vielzahl von grenzüberschreitenden Kontakten seines Kommandos zum Wojewodschaftsmilitärstab in Zielona Góra in den Bereichen der zivil-militärischen Zusammenarbeit, der Reservistenarbeit und des grenzüberschreitenden Katastrophenschutzes.

Ein weiterer Bestandteil ist der Transport von Verletzten.
Ein weiterer Bestandteil ist der Transport von Verletzten.
Quelle: Landeskommando Brandenburg

Gemeinsame Übungen – wie etwa die Hochwasserschutzübung FLOOD 2018 – dienen dem Zweck, einander besser kennenzulernen und die Abläufe zur Bewältigung einer Katastrophenlage an der deutsch-polnischen Grenze zu trainieren. Im Akkord füllten die FLOOD-Teilnehmer Sandsäcke, transportierten Material, sicherten einen Deich und evakuierten ein simuliertes Pflegeheim. Mehr als 150 Einsatzkräfte kämpften vom 9. bis 11. Oktober gegen ein (angenommenes) Hochwasser an der Neiße im Lausitzer Grenzgebiet. Das Ganze war zwar eine Übung – die erste ihrer Art –, die Akteure sind jedoch real und ihre Kontakte und Erfahrungen sind im Notfall (überlebens-)wichtig.

Wie schnell ein solcher Notfall eintreten kann, zeigte etwa das Oderhochwasser 2010. Es war eine der größten Fluten an der deutsch-polnischen Grenze seit Beginn der Wasserstandsaufzeichnungen. Noch schlimmer traf das Hochwasser die Region im Jahr 1997. Überschwemmungen an den Flussläufen der Oder forderten 54 Todesopfer in Polen und 20 in Tschechien. In den Anrainerstaaten – Deutschland, Polen und Tschechien – entstand ein Sachschaden in Milliardenhöhe. Bei der Bewältigung dieses „Jahrtausendhochwassers“ waren die Bundeswehr, der Bundesgrenzschutz, die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft, das Deutsche Rote Kreuz, die Johanniter-Unfall-Hilfe, das Technische Hilfswerk und die Feuerwehr mit großem personellen und materiellen Aufwand beteiligt.

Verglichen mit 1997 wurde die Flut 2010 besser bewältigt – insbesondere, weil die betroffenen Länder in der Zwischenzeit große Anstrengungen beim Hochwasserschutz unternommen hatten. Sich darauf ausruhen, das wollten und konnten die Beteiligten jedoch nicht. So unterstrich der Kommandeur des Landeskommandos Brandenburg beim Oderlandmarsch 2017 seinen folgenden Appell an die Beteiligten:

 „Mit Blick auf das vergangene Jahrzehnt funktioniert unsere Zusammenarbeit im Bereich der Katastrophenvorsorge entlang der Oder und der Neiße sehr gut. Wir möchten uns auf den Früchten des Erreichten nicht ausruhen, sondern wir wollen die deutsch-polnische Zusammenarbeit weiter intensivieren. Wir finden, dass wir enger zusammenrücken und uns noch besser aufstellen müssen, um etwaiger Naturkatastrophen und besonders schwerer Unglücksfälle an der Grenze oder darüber hinaus Herr zu werden.“

Länderübergreifende zivil-militärische Zusammenarbeit wird  durch den...
Länderübergreifende zivil-militärische Zusammenarbeit wird durch den Oderlandmarsch gefestigt und beübt.
Quelle: Landeskommando Brandenburg

Deshalb wurde der Ansatz für den Oderlandmarsch vergrößert: Mehr Mannschaften und auch polnische „Blaulicht“-Organisationen beteiligen sich daran, die Hindernisse auf der Marschstrecke zu überwinden. Viele von Ihnen wissen: Der Oderlandmarsch macht nicht nur Spaß, sondern man lernt sich auch besser kennen. Die Bedeutung der deutsch-polnischen Verständigung ist ihnen bewusst.

Im vergangenen Jahr musste der Oderlandmarsch aufgrund der Covid-19-Krise und der zahlreichen Rechtsverordnungen von Bund und Ländern zur Eindämmung des Virus ausfallen. Der nächste Wettkampf soll aber – sobald die allgemeine Lage dies zulässt – wieder stattfinden. Dann steht die Veranstaltung im Zeichen ihres 25-jährigen Jubiläums.


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