Aufgrund etlicher lebensbedrohlicher Einsatzlagen wie Terror- und Amok-Ereignisse im (europäischen) Ausland sowie innerhalb unserer Landesgrenzen ist eine Auseinandersetzung mit deren Bewältigung auf vielen Ebenen bereits erfolgt und hat bei Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) zu Reaktionen, beispielsweise in Form von Workshops, Symposien, Konzepterarbeitungen und Materialbeschaffung geführt.

Im Folgenden soll die Bevölkerung in den Blickpunkt genommen werden, denn neben der wichtigen Komponente der vorgezogen, medizinischen Versorgung durch geschulte, zum Teil rettungsdienstlich ausgebildete, Polizeieinsatzkräfte und des Regelrettungsdienstes werden oft bereits unverletzte Betroffene oder leicht verletzte Opfer tätig, um Verletzte zu versorgen. Einfache und unverzügliche Erstmaßnahmen können von so großer Wichtigkeit sein, dass eine verzögerte professionelle Maßnahme nicht annähernd den Effekt hat, den Erstmaßnahmen haben könnten. Ein Abwarten auf professionelle Hilfe kann das kritische Zeitfenster deutlich überschreiten. Die Laienhelfer stellen eine wertvolle Ressource dar. In einer lebensbedrohlichen Einsatzlage kann zudem das Verhalten ausschlaggebend sein – für die eigene Unversehrtheit sowie die anderer Betroffener.

Die Bevölkerung als Laienhelfer – Erstmaßnahmen

Bei einer lebensbedrohlichen Einsatzlage ergeben sich, bezogen auf die Patientenversorgung, unter anderem folgende Herausforderungen:

  • Die (medizinischen) Einsatzkräfte haben nicht immer direkten Zugang zu den Patienten
  • Möglicherweise wird die Rettung zwangsläufig verzögert, aufgrund:

– der Gefährdungssituation
– der Vielzahl an Patienten

  • Einige Verletzte benötigen eine dringende Behandlung um zu überleben

Unverletzte Betroffene oder herzugeeilte Personen sind bereits vor Ort, und zwar noch bevor professionelle Einsatzkräfte in ausreichender Zahl den Einsatzort erreichen. Sie können als Laienhelfer sinnvoll und effektiv zur Erstversorgung und Rettung beitragen – speziell zur Stillung lebensbedrohlicher Blutungen. Laienhelfer können Verletzte zudem dabei unterstützen, den Gefahrenbereich zu verlassen. Selbstverständlich sollte eine Risikoabwägung der eigenen Gefährdung der Laienhelfer bedacht und bestenfalls komplett ausgeschlossen werden.

„Hartford Consensus“
Die Einbindung von Laienhelfern, beispielsweise bei Amoklagen, wird vom sogenannten „Hartford Consensus“ – Gremium empfohlen. Dieses Gremium wurde wenige Monate nach der Amoklage an der „Sandy Hook Elementary School“ in Newtown/USA (2012) vom „American College of Surgeons“ einberufen und setzt sich aus Ärzten, Vertretern von Bundesbehörden, dem Militär, dem FBI, verschiedenen Rettungsdienstorganisa­tionen und weiteren Akteuren zusammen. Es hat zum Ziel, die Überlebenswahrscheinlichkeit von Verletzten nach einer Amok­lage oder einem vorsätzlich herbeigeführten Massenanfall von Patienten zu verbessern. Die Empfehlungen dieses Gremiums werden „Hartford Consensus“ genannt und haben auch hierzulande Beachtung gefunden. Neben anderen wichtigen Aussagen fokussieren sich die Empfehlungen auf die Laienhelfer, da sie eine essentielle Rolle in der Verletztenversorgung spielen, noch vor Eintreffen der Rettungskräfte. Natürlich sollen Laienhelfer dafür nicht die Gefahrenbereiche betreten und sich selbst einem hohen Risiko aussetzen.

Zudem wurde die Kampagne „Stop the Bleed“ ins Leben gerufen und dadurch diverse Multiplikationsmaterialien verbreitet und Kurse angeboten.

Zu den verhältnismäßig einfachen aber effektiven Maßnahmen gehören die Tourniquet-Anlage und die direkte Kompression einer starken Blutung. Außerdem werden die eigene Sicherheit und die Interaktion mit Einsatzkräften thematisiert. Der Einsatz von Tourniquets ist in den vergangenen Jahren im deutschen Rettungsdienst weitgehend implementiert worden. Das Tourniquet kann vermeidbare Todesfälle aufgrund von Extremitätenblutungen verhindern. Das „Hartford Consensus“ – Gremium empfiehlt, dass Laienhelfern in einem 2 – 3 stündigen Kursformat die Blutstillung lebensbedrohlicher Blutungen beigebracht werden sollte. Ähnliche Kurse wurden auch in Frankreich und Israel für die Bevölkerung angeboten. Dieser Kurs beinhaltet auch die effektive Anlage eines Tourniquets sowie die Blutstillung durch direkte Kompression und wird mit der Schulung einer Herz-Lungen-Wiederbelebung durch Laienhelfer verglichen – mit dem Fokus auf lebensbedrohliche Blutungen. Die Tourniquet-Anlage durch Laien benötigt ein ausreichendes Training, um häufige Fehler wie die falsche Platzierung oder eine inadä­quate Spannung zu vermeiden.

Des Weiteren gibt es Bemühungen, Ausrüstung zur Blutungskontrolle (Inhalt: Tourniquet, vorgefertigte Druckverbände etc.) im öffentlichen Raum (ÖPNV-Schwerpunkten, Schulen, Krankenhäuser, Einkaufszentren usw.) nach Bedarfsanalyse bereitzustellen. Es ist vergleichbar mit der öffentlichen Erreichbarkeit von AEDs (Automatisierte Externe Defibrillatoren), die zur Bekämpfung des plötzlichen Herztodes eingesetzt werden. Auch hier spielt Zeit eine sehr wichtige, übergeordnete Rolle.

Weitere Informationen über den „Hartford Consensus“: www.bleedingcontrol.org

Verhalten

„Run, Hide, Fight“
Die drei Bestandteile des Slogans können betroffenen und gefährdeten Personen helfen, sich richtig zu verhalten. Unter anderem in den USA werden von diversen Behörden und Unternehmen verschiedene Sensibilisierungsmaterialien wie Videos, Broschüren, Poster usw. unter diesem Slogan verbreitet, um die Bevölkerung auf eine mögliche Gefahrenlage besser vorzubereiten. Sicher haben die Vielzahl und das Ausmaß relevanter Ereignisse dazu geführt, die Bevölkerung dahingehend zu schulen, egal ob im Einkaufcenter, am Arbeitsplatz oder in öffentlichen Gebäuden oder Gotteshäusern.

„Run“ – die oberste Priorität ist, sich selbst vom Täter oder den Tätern zu entfernen und in Sicherheit zu bringen. Wenn es möglich ist, sollten zudem andere Personen gewarnt werden. Nachdem die Betroffenen in Sicherheit sind, sollte der Notruf abgesetzt werden. Wichtige Informationen sind die Beschreibung des Täters oder der Täter, der Aufenthaltsort und die Art der Waffen.

„Hide“ – Wenn das Verlassen des Gefahrenbereichs nicht möglich ist, sollte ein Versteck gefunden werden. Es ist wichtig, aus dem Sichtfeld der Täter zu kommen sowie sich geräuschlos zu verhalten. Auch Mobiltelefone sollten lautlos/vibrationslos geschaltet werden. Wenn möglich, sollten Türen verschlossen oder verbarrikadiert und das Licht ausgeschaltet werden. Zudem kann sich hinter großen und schweren Objekten, die als zusätzlicher Schutz dienen, versteckt werden. Aus dem Versteck kann lautlos, zum Beispiel via Textnachricht, kommuniziert werden.

„Fight“ – Das letzte Mittel, wenn man sich einer unmittelbaren Bedrohung ausgesetzt sieht, ist sich selbst zu verteidigen. Dies sollte aggressiv, gezielt und kräftig geschehen, um den Täter zu stoppen. Dazu können Gelegenheitswaffen benutzt werden. Es werden beispielsweise Feuerlöscher, Stühle, heiße Getränke usw. vorgeschlagen, um den Täter von seinem Handeln abzuhalten.

Dieser einfach zu merkende Slogan beschränkt sich auf wenige Maßnahmen, die eine sinnvolle Hilfestellung bei verhältnismäßig seltenen, aber gravierenden Ereignissen geben. Allerdings ist die Zivilbevölkerung eine sensible Zielgruppe für diese Inhalte und sollte ausgewählt und bedacht adressiert werden. Auf der einen Seite ist eine sensibilisierte und trainierte Bevölkerung besser gerüstet. Auf der anderen Seite möchte und sollte man den Fokus nicht zu sehr auf dramatische und verhältnismäßig seltene Ereignisse legen, deren Auswirkungen zwar intensiv wahrgenommen werden und tragischerweise Tod, Verletzung und Leid hervorbringt, aber nicht den Platz einnehmen sollten, um das tägliche Leben zu sehr negativ und angstbesetzt zu bestimmen und es dementsprechend einzuschränken. Der Schusswaffengebrauch in den Vereinigten Staaten ist bekannterweise deutlich höher als in der Bundesrepublik, in einer entsprechenden Lage ist das Verhalten allerdings identisch. Hier muss der schmale Grat von effektiver Sensibilisierung und Vorbereitung und der Vermeidung von gesteigertem Unsicherheitsgefühl gefunden werden. Eine handlungsfähige Bevölkerung erhöht die Resilienz und vermeidet zudem eine Hilflosigkeit, die zu einer akuten Stressreaktion und zu belastenden Spätfolgen führen kann.

Den Bereich der akuten Stressreaktion adressiert auch ein bewährter Ansatz der Psychischen Ersten Hilfe aus Israel. Ent­wickelt wurde das zugrundeliegende sogenannte „SIX C´s ­Modell“ von Major (Res.) Dr. Moshe Farchi (Head of the Stress, Trauma and Resilience Studies at Tel-Hai College, Israel). Es verfolgt einen kognitiven Ansatz und ist sowohl für ersteintreffende Einsatzkräfte (gleich welchen Fachbereichs) sowie für die Bevölkerung mit vertretbarem Zeitaufwand von ca. 8 h erlernbar. Ziel ist es, Menschen nach einem traumatischen Erlebnis und akuter Stressreaktion aus der Hilflosigkeit herauszuhelfen und einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) vorzubeugen, bzw. diese abzumildern. Diese Ergebnisse haben die Kollegen aus Israel sowohl im Bereich des Bevölkerungsschutzes als auch im Militär belegen können.

Weitere Verhaltenshinweise in einer entsprechenden Lage sind die schnelle und detaillierte Informationsweitergabe an die Leitstelle und die Vermeidung kritischer Informationen in So­zia­len Medien und Massenmedien (zum Schutz der polizeilichen Intervention und der Vermeidung taktischer Vorteile für die Angreifer).

Zwiespältig – „See Something, Say Something“
Zur Verhinderung bzw. Abschwächung eines Ereignisses kann es hilfreich sein, wenn verdächtige Personen, Gegenstände oder Aktionen frühzeitig, noch vor der Tat, gemeldet werden. Zu diesem Zweck wurde in New York folgender Slogan promotet: „See Something, Say Something“. Mittlerweile hat sich daraus durch das „Department of Homeland Security“ eine landesweite Kampagne entwickelt. Dieser Ansatz wird zwiespältig bewertet. Auf der einen Seite kann er dazu beitragen, Straftaten mit Personenschaden zu verhindern. Auf der anderen Seite können Vorurteile und Klischees einfließen, die wiederum zu einer unfairen und unberechtigten Verdächtigung führen. Nachteilig ist, neben einem erhöhten Arbeitsaufwand für die bearbeitenden Beamten, dass Bevölkerungsgruppen oder Religionszugehörigkeit als Marker verwendet werden, ohne jeglichen weiteren Grund. Diese Thematik ausführlich darzustellen, ist hier nicht möglich. Nicht jede Verdächtigung wird berechtigt sein, eine frühe Meldung wiederum könnte Straftaten (mit Personenschaden) verhindern.

Zusammenfassung

Eine unbeteiligte und unvorbereitete Bevölkerung kann das Schadensausmaß nach einer Amok- oder Terrorlage durch den Verlust von Menschenleben, Gesundheit oder psychischer Beeinträchtigung erhöhen. Anders ausgedrückt, eine beteiligte, vorbereitete Bevölkerung ist eine wertvolle Ressource, die am Ort des Geschehens mit geringem Zeitverzug bereits tätig wird und somit eine Leistung erbringt, die anderweitig nicht abgedeckt werden kann. Dies sollte im ausgewogenen Maße in Ausbildungen, Erste-Hilfe-Kursen und weiteren, geeigneten Formaten berücksichtigt werden. Zudem können über Informationskampagnen, zum Beispiel am Arbeitsplatz oder den ÖPNV, weitere, einfache Inhalte vermittelt werden. Lehrinhalte wie die Blutungskontrolle sind auch – und das ist ein wichtiger Aspekt – für viele weitere alltägliche Notfallsituationen hilfreich und aktivieren und motivieren die Bevölkerung im Sinne der Beteiligung und des verantwortlichen Tätigwerdens innerhalb der Gesellschaft.

Jeder kann Erste Hilfe leisten – eine befähigte Bevölkerung erst recht.

Matthias Rekowski
Deutsches Institut für Katastrophenmedizin
– Forschung und Entwicklung –
Bahnhofstr 1
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matthias.rekowski@katastrophenmedizin.org