Aktuelles in Social Media und Bevölkerungsschutz

Nicole Bernstein, Celia Norf, Julia Zisgen, Andreas Karsten, Maximilian Kiehl, Robin Marterer, Torben Sauerland, Stefan Voßschmidt

Stefan Voßschmidt

So lautete der Titel des vierten Workshop der Deutschen Gesellschaft für Social Media und Technologie im Bevölkerungsschutz (DGSMTech e. V.). Was genau war gemeint? Sieben Ansätze wurden erörtert: Forschung, Künstliche Intelligenz (KI), Algorithmen, Blockchain, Virtual Operation Support Teams (VOST), Spontanhelfermanagement und ein Bevölkerungsschutz-Hackathon.[1]

Zuerst stellte Professor Alexander Fekete als Gastgeber des Workshops die Forschungsschwerpunkte seines „Institute of Rescue Energeering and Civil Protection“ der TH Köln dar. An fünf Forschungsprojekten ist das Institut beteiligt:

  • BigWa – Bevölkerungsschutz im gesellschaftlichen Wandel ­(BigWa)[2]
  • KiRmin – Kritische Infrastrukturen-Resilienz als Mindestversorgungskonzept[3]
  • INCOR IMProvT – Intelligente Messverfahren zur Prozessoptimierung von Trinkwasserbereitstellung und -verteilung[4]
  • FOUNT -- Fliegendes Lokalisierungssystem für die Rettung und Bergung von Verschütteten Verbundforschungsprojekt (FOUNT)[5]
  • RE(H)STRAIN – Resilience of the Franco-German High Speed Train Network – Verbesserung der Resilienz im Französisch-Deutschen Hochgeschwindigkeitssystem als Teil der kritischen Infra­struktur „Verkehr“ vor dem Hintergrund terroristischer Bedrohung.[6]

Künftige Forschungen ließen sich also unter der Fragestellung subsumieren, wie sich die Verwundbarkeit insbesondere dort verändert, wo Roboter, Drohnen, Brain Wearables oder KI kritische Arbeiten und Aufgaben für den Menschen übernehmen.

Daran anschließend zeigte Andreas Karsten in seinem Vortrag über Künstliche Intelligenz im Bevölkerungsschutz mit Verweis auf Bernhard Marr (Autor von „Data Strategy“), welche Grenzen es für Entscheidungen von Maschinen geben könnte.

Hier gilt es zu beachten, dass sämtliche Entscheidungen beim Menschen verbleiben müssen, da Erfahrung und Intuition von Computern nicht ersetzt werden können.

Außerdem gab es viel Stoff zum Nachdenken und Diskutieren: Stellen sich ethische Fragen analog zum autonomen Fahren auch im Bevölkerungsschutz, beispielsweise beim Retten von Menschen? Müssen wir offen für neue Berufsbilder wie das eines „Katastrophen-Informatikers“ sein, um Künstliche Intelligenz (KI), Big Data und andere Technologien gewinnbringend in den Bevölkerungsschutz zu integrieren? Und wie stellen wir sicher, dass entwickelte Tools in jeder Situation und auch unter Zeitdruck und Stress bedienbar sind?

Algorithmen sind notwendig, um Gesetzmäßigkeiten zu erkennen. Während es vor 15 Jahren noch Wochen gedauert hat, ein einfaches Spiel zu programmieren, geht mit der heutigen Technik alles viel schneller. Die Selbstlernerfolge der Maschinen sind groß, wie Nils Feldeisen anschaulich darstellte.

Bitcoin wurden eine Zeitlang von einigen als Währung der Zukunft angesehen; ist Blockchain die Technik der Zukunft? Dubai scheint es zu glauben. Maximilian Kiehl und Stefan Voßschmidt ließen diese Frage jedoch in ihrem Vortrag bewusst offen. Das Thema ist so brennend aktuell, dass sich ihm auch die Bundesregierung widmet. Die für Digitalisierung zuständige Staatsministerin ­Dorothee Bär bewertet Blockchain folgendermaßen „die Technologie ist […] eine disruptive Innovation und geht mit tiefgreifenden Veränderungen einher.“[7]

Das Blockchain-Konzept wurde 2008 als Gegenbewegung zur Finanzkrise entwickelt. Seine Merkmale sind Dezentralität, Anonymität und Unveränderlichkeit. Weltweit können so Informa­tionen gleichzeitig genutzt und in ihrer Validität dadurch abgesichert werden, dass stets alle Informationen über Änderungen für alle einsehbar und kontrollierbar sind. Die Anwendungsmöglichkeiten sind vielfältig bis hin zum E-Government. In der Europäischen Kommission gibt es Aktivitäten zur Etablierung eines europäischen Blockchain-Ökosystems.

Es gibt darüber hinaus viele Möglichkeiten, Blockchain im Bevölkerungsschutz zu nutzen. Beispielsweise könnten Einsatztagebücher fälschungssicher gemacht, Hilfsgüter abgesichert oder Spontanhelfer koordiniert werden.

Anschließend berichtete Stefan Martini über Aktuelles zum Thema Virtual Operations Support Teams (VOST). Das Team des THW leistet einen wichtigen Beitrag zur Integration von Social Media und neuen Technologien in den Bevölkerungsschutz. Alle Mitglieder verfügen über Fachkenntnisse im Bevölkerungsschutz und sind seit der Gründung des VOST ehrenamtliche Einsatzkräfte im THW. Neben der Unterstützung der Einsatz- und Koordinierungsstäbe des THW wird das VOST auf Anforderung auch für andere Behörden und Einsatzorganisationen bundesweit tätig. Im Einsatzfall vernetzen sich die Einsatzkräfte des VOST über ihre IT und können daher an räumlich weit auseinander liegenden Orten unverzüglich ihre Arbeit aufnehmen. Für viele BOS ist es weder sinnvoll noch möglich, eine eigene Expertise zur Auswertung von Social Media aufzubauen. KoordinatorInnen und Technische BeraterInnen des VOST verfügen zudem über nachgewiesene BOS-Führungsqualifikationen. Es hat sich bewährt, dass ein oder zwei Technische BeraterInnen in räumlicher Nähe zum BOS-Stab platziert sind und so einen reibungslosen Informationsaustausch gewährleisten. Eine zielführende Symbiose kann auch durch die Anbindung beim – sofern vorhanden – Social Media Team des Bedarfsträgers erzielt werden.

Die Arbeit im VOST macht Spaß, vermittelt Kenntnisse, führt zu einem echten Mehrwert und ist herausfordernd. Gearbeitet wird in der Regel in drei VOST-Teams (z. B. Nutzung Scatterblogs,[8] Fake News und Aktuelles/Google maps/sonstige passende tools), die bei räumlicher Nähe auch am gemeinsamen Ort arbeiten, z. B. in einer Wohnung. Das sich ein Team um Fake News kümmert, ist die Regel, auch Scatterblogs wird regelmäßig eingesetzt. Jedes Team-Mitglied nutzt darüber hinaus seine persönlichen Kontakte und Kompetenzen.

Andreas Karsten stellte in einem zweiten Vortrag am nächsten Tag das Management von Spontanhelfern in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Spontanhelfer sollen spontan sein, ihr Management aber professionell, so seine These.

Der Aufbau eines Vertrauensverhältnisses und das Vermitteln eines gemeinsamen Ziels – nämlich die Hilfe für die Betroffenen – ist hier zentral, um die Intelligenz der Vielen optimal zu nutzen.

Nicole Bernstein stellte in ihrem Beitrag aus der Sicht der Polizei die Option dar, dass das VOST im Wege der Amtshilfe (Amtshilfeersuchen an das THW) auch für die Polizei tätig wird. Dazu muss das VOST jedoch noch bekannter werden, damit die Polizeien auch wissen, dass es eine solche Möglichkeit gibt und welche Leistungsfähigkeit das VOST hat.

Im Mittelpunkt des zweiten Tags stand ein Brainstorming für die safety days vom 22.-24. März 2019 in Paderborn[9], wo DGSMTech einer der Mitveranstalter ist. Robin Marterer und Torben Sauerland stellten das Konzept des hilfreichen Hackings für den Bevölkerungsschutz vor. Die Idee dahinter: IT-Spezialisten stellen ihr Wissen in den Dienst der guten Sache und entwickeln, begleitet von Expertinnen des Bevölkerungsschutzes, innovative Lösungen für aktuelle Probleme und Herausforderungen.

Was ist alles möglich? Vorstellen können sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops schon einmal jede Menge. Es fallen Stichworte wie Serious Gaming, Drohnen, 3D-Druck, Virtual Reality und Robotik, und wir merken ein weiteres Mal an diesem Wochenende, wie spannend es ist, wenn Menschen mit unterschiedlichen fachlichen und persönlichen Hintergründen zusammenkommen, sich austauschen und gemeinsam Ideen entwickeln.


Maximilian Kiehl, Robin Marterer und Torben Sauerland sind Mitarbeiter am Lehrstuhl von Prof Koch Uni Paderborn. Sie verantworten u. a. die Forschungsprojekte TEAMWORK und IRiS, die anderen sind Mitglieder DGSMTech. Andreas Karsten arbeitet als Berater in Abu Dhabi. Stefan Voßschmidt ist Dozent an der AKNZ des BBK. Stefan Martini und Ramian Fathi sind wissenschaftliche Mitarbeiter am Lehrstuhl Prof, Fiedrich Uni Wuppertal. Julia Zisgen arbeitet im Sicherheitsbereich einer großen Bank. Nicole Bernstein ist hauptamtlich Lehrende an der Hochschule des Bundes Fachbereich Bundespolizei in Lübeck. Celia Norf arbeitet am Lehrstuhl von Prof. Fekete in Köln. Der Aufsatz gibt die persönliche Meinung der Autoren und Autorinnen wieder.

2 https://www.th-koeln.de/.../forschungsschwerpunkt-bevoelkerungsschutz-im-gesellsch... Projekte · Publikationen. Forschungsschwerpunkt

3 https://www.th-koeln.de/hochschule/kirmin-projekt_34595.php

4 https://www.th-koeln.de/hochschule/computer-intelligenz-fuer-trinkwassernetze_34209.php

5 https://www.th-koeln.de/hochschule/fount-workshop-an-der-th-­koeln_41401.php

6 https://www.th-koeln.de/anlagen-energie-und-maschinensysteme/rehstrain_32673.php Für Einzelheiten zu den jeweiligen Projekten sei aus Platzgründen auf das Internet verwiesen.

7 Dorothee Bär, Chancen der Blockchain-Technologie, in: Wohlstand für Alle, 70 Jahre Währungsreform, Sonderveröffentlichung der Ludwig Erhard Stiftung, 2018, S. 14

8 ScatterBlogs, Social Media Intelligence für Lagezentren und Newsrooms. Geobasiert. Ereignisgetrieben. Echtzeitfähig. https://www.scatterblogs.com/

9 www.safetydays.de

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