Evakuierung - eine neue Herausforderung

Melanie Prüser

© Bildagentur PantherMedia / welcomia

In einem Forum der Münchner Sicherheitsexpo hielt Wolfgang Wipper, Ehrenvorstand beim BVSW, einen Vortrag zum Thema Evakuierung. Es ging um geeignete Maßnahmen zur Alarmierung, um das Praxisproblem Safety versus Security und die sogenannte "Invacuation".

Zwischen Evakuierung und Räumung gibt es einen essenziellen Unterschied - eine Evakuierung ist geplant!

Roter Knopf wird zur Alarmierung gedrückt
Alarmierung in einem Gebäude
Quelle: © Bildagentur PantherMedia / zaschnaus

Grundsatzanforderungen

Grundsätzlich ist der Arbeitgeber für angemessene Maßnahmen verantwortlich. Dazu gehört die Einhaltung des Baurechts (MBO, LBO, IndBauRL), Beachtung bei Sonderbauten, der staatlicher Arbeitsschutz und die Unfallverhütungsvorschriften.

Geeignete Maßnahmen zur Alarmierung

  • Brandmeldeanlagen mit Sprachalarmanlagen (SAA) oder akustische Signalgeber (z. B. Hupen, Sirenen)
  • Hausalarmanlagen
  • Elektroakustische Notfallwarnsysteme (ENS)
  • Optische Alarmierungsmittel
  • Telefonanlagen
  • Megafone
  • Handsirenen
  • Zuruf durch Personen
  • Personenbezogene Warneinrichtungen

Problemquellen bei der Evakuierung

Leider ist vor allem bei großen Konzernen, die international tätig sind, häufig die Akzeptanz für die Durchführung der Maßnahmen nicht ausreichend. Aus Zeitmangel werden die Evakuierungsübungen nicht vollständig und ernsthaft durchgeführt.

Bei der Alarmierung gibt es zudem einige Stolpersteine, welche die Durchführung einer Evakuierung behindern können. Zum Beispiel ist es beim Sprachalarm wichtig, dass die verschiedenen Anforderungen erfüllt werden. Es müssen für die im Unternehmen gesprochenen Sprachen auch die entsprechenden Sprachkonserven vorhanden sein. Außerdem sollte die Durchsage mindestens 3 Mal durchgeführt werden.

Der Informationsgehalt ist wichtig, je nach Lage sollten die Formulierungen aber um Panik zu vermeiden, nicht unbedingt die Wahrheit sagen, sondern eine alternative Antwort liefern. Es könnte sonst zu einer Massenpanik kommen. Bei der Bildschirmalarmierung ist der Effekt umgekehrt. Sie sind vor allem als stiller Alarm in Bedrohungslagen geeignet, wie zum Beispiel bei einem Amoklauf.

Praxisproblem: Safety vs Security

Bei den Sicherheitsvorkehrungen gibt es immer zwei Seiten, die so gut wie möglich miteinander vereinbart werden müssen.

  • Anforderungen an die Sicherheit
  • Anforderungen zum Schutz gegen Angriffe
    • Türüberwachung

Nicht immer ist es möglich beides gleichwertig zu gewährleisten, daher ist es häufig notwendig, einen Aspekt zu priorisieren. Kommt es dann zu einer Ausnahmesituation, ist vor allem die Führungskraft gefragt. Es kann durchaus notwendig werden, dass eine schwierige Entscheidung getroffen werden muss. Dann stellt sich erneut die Frage: Was wird priorisiert?

Computersimulationen

Evakuierungssimulationen bilden zwar eine gute Ausgangslage, es gibt allerdings immer noch Faktoren, die in der Realität hinzukommen. Dazu gehören zum Beispiel: Alarmierungszeit, Reaktionszeit, Fluchtverhalten, Emotionen oder die Angriffszeit der Blaulichtorganisationen.

Menschliches Verhalten ist nicht kalkulierbar.

Notausgang aus einem Gebäude mit entsprechendem Schild
Die Notausgänge müssen klar erkennbar sein.
Quelle: © Bildagentur PantherMedia / perseomedusa

Die Diskrepanz zwischen Realität und Simulation muss daher auch stets beachtet werden. Ziel sollte es immer sein Schaden zu minimieren und Sicherheit zu optimieren, aber es kann nie alles gemacht und gelöst werden.

Fehlverhalten in Risiko- und Bedrohungssituationen

Eine "Invacuation" wird typischerweise eingesetzt, wenn ein Wechsel nach draußen das Risiko für das Personal erhöhen würde, zum Beispiel bei einer Amoklage in der Nähe, giftige Dämpfe in der Luft oder Ähnliches.

Generell ist es immer hilfreich, schon beim betreten eines Gebäudes sich einen Überblick zu verschaffen. Rettungswege überprüfen und sich umschauen, wo die Nebenausgänge und Notausgänge sind. Dies kann in einer Bedrohungssituation Fehlverhalten reduzieren. Eigeninitiative zu zeigen und sich selbst mental auf Gefahrenlagen vorzubereiten, oder sich einfach mal überlegen, wie man handeln sollte ist sehr hilfreich, um das richtige Verhalten in Notlagen ein wenig mehr zu verinnerlichen.

Multi-modale Routine und Notfallkommunikation

Eine klare Kommunikation ist immer wichtig egal ob es sich um eine Routine-Nachricht über das Melden eines vollen Parkplatzes, oder um eine stressige Notsituation in der Menschen aus einem Gefahrenbereich geleitet werden müssen handelt.

Fazit

Bei Amok-Lagen müssen die betroffenen Personen für sich persönlich eine Entscheidung treffen können.

Grundsätze

  • Schnellstmögliche Verständigung der Polizei über Notruf (110) oder mittels Notruftaste (Überfallmeldeanlage)
  • Alarmierung des anwesenden Firmenpersonals über die verfügbare und bevorzugte Kommunikationsmöglichkeit wie z. B. Telefon, Handy, Raumsprechanlage bzw. EDV-gesteuertes Meldesystem
  • Auf eigene Sicherheit achten – keine unüberlegten „Heldentaten“

Be Prepared

Alle Menschen müssen sich zunächst auf die allgemeinen Gefahren des öffentlichen Lebens einstellen. Sie sollten über Strategien zu Reaktionen in besonderen Gefahrensituationen wenigstens einmal nachgedacht haben.

"Wenn man sich mit dem Thema vorher beschäftigt hat, können die Instinkte im Ernstfall ein bisschen mehr in die richtige Richtung zeigen" (Dr. Everhard von Groote, Psychologe und ehemaliger polizeilicher Verhandlungsführer)

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