Mit Smørrebrød gegen die Flammen

Barbara Schaefer

Patrick Ohligschläger

Für Kjell-Ove Christophersen gehört Brandprävention zu einer herausragenden Aufgabe: "Deshalb haben wir uns kürzlich mal etwas anderes einfallen lassen", erzählt der Stationschef der Hauptbrandwache in Bergen. Die Hovedbrannstasjon ist ein modernes Gebäude, das viel Licht hereinlässt - wenn die Sonne denn mal scheint, in der als Regenloch verschrienen zweitgrößten Stadt Norwegens. Im Herbst füllt sie sich.

Aber nicht mit Passagieren der Hurtigruten, sondern mit Studierenden, kurz vor Semesterbeginn. "Da wird viel gefeiert", sagt Christophersen. "Wir ziehen dann mit durch die Clubs und Bars und verteilen Sandwiches." Die Gabe der Smørrebrød verbinden die Feuerwehrleute mit einem gut gemeinten Rat: "Fangt später zu Hause bloß nicht an zu kochen!" Das sei nun mal der Klassiker: alkoholisiert und hungrig etwas auf den Herd zu stellen, um dann einzuschlafen. "Die sind total abgefahren auf die Aktion, haben sie zigfach auf verschiedenen Social-Media-Kanälen geteilt."

Mit Smørrebrød gegen die Flammen
Quelle: Patrick Ohligschläger

Brände in einer größeren Stadt können schnell zum Desaster werden - in Bergen sind sie gefürchtet: 1916 zerstörte ein Feuer die halbe Altstadt. Was von der historischen Bebauung blieb, steht hier dicht an dicht; wie in Bryggen, dem ältesten Stadtteil und ehemaligen Landungskai der Hanse. Wenn die hiesige Feuerwehr ihren nagelneuen, 42 Meter hohen Bronto Skylift ausfährt, zeigt sich von oben deutlich, wie heikel die Situation ist.

Eine Dachlandschaft wie von einer Modelleisenbahn, ein Zickzack von Giebeln. Es scheinen nicht einmal Gassen hindurchzuführen. Die Kontorhäuser sind vollständig aus Holz gebaut, auf den Dächern verlaufen schmale Rohre - was aussieht wie Blitzableiter, sind moderne Sprinkleranlagen. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie schnell sich hier ein Feuer ausbreiten könnte. "Früher wurde eigentlich überall dicht an dicht gebaut", sagt Kjell-Ove Christophersen. 

Die hiesige Berufsfeuerwehr ist mehr als 150 Jahre alt, "wie in ganz Europa löschte man mit vielen Händen, hat Eimer durchgereicht und Handpumpen bedient". Heute baue man wieder mit Holz, aber meist handle es sich nur um Fassaden vor Steinmauern. Doch auch diese Architektur hat es brandtechnisch in sich: Hinterlüftete Wände führen zum Kamineffekt, Brände können sich so erst recht schnell ausbreiten. Angepasst an die engen Straßen gehören deshalb auch schmalere Fahrzeuge zum Fuhrpark. Die sind nicht die üblichen 2,40 Meter breit, sondern nur 2,00 bis 2,35 Meter.

Innenansicht des Bronto Skylift
Bronto Skylift Steuerung
Quelle: Patrick Ohligschläger

Zurück auf der Wache zeigt Christophersen auf ein anderes Spezialfahrzeug: Dessen zweiter Rädersatz - ohne Reifen und mit schmalem Radstand - kann auf Trambahngleise gesetzt werden. In Bergen, einer Stadt mit rund 280.000 Einwohnern, sind von den 187 Feuerwehrleuten 37 immer im Dienst, verteilt auf vier Schichten und sechs Stationen. In Städten ab 20.000 Einwohnern ist in Norwegen eine Berufsfeuerwehr vorgeschrieben, mit mindestens vier Mann und einem Leiter je Schicht. Ab 8.000 Einwohnern wacht tagsüber eine Berufsfeuerwehr, nachts rückt die Freiwillige Feuerwehr aus. 

Auf der Bergener Hauptbrandwache wird in 24-Stunden-Schichten gearbeitet, danach hat man 48 Stunden frei. "In vier Wochen arbeiten wir zehn Tage", sagt einer der Feuerwehrmänner und grinst. Für die Ölplattformen, die nur 15 Helikopterminuten entfernt in der rauen Nordsee stehen, sind Bergens Brandschützer, hier Røykdykker oder Rauchtaucher genannt, nicht zuständig. Doch jede Wache betreut ein Spezialgebiet.

Die in Laksevåg, rund sechs Kilometer von Bergen entfernt, ist für CBRNE-Unfälle ausgestattet. Aber auch in Bergen ist man gut gerüstet für Unfälle etwa mit chemischen oder explosionsgefährdeten Stoffen. Deshalb hängen in der Hauptwache die blauen CPS 7900-Chemikalienschutzanzüge von Dräger. Sie bieten den Røykdykkern mitsamt Atemschutzgerät wirksamen Schutz bei Einsätzen mit Gefahrgütern. Nach ihrer Rückkehr befreien Kollegen sie daraus. Allein lassen sich die gasdichten Verschlüsse nur schwer bewältigen. Die Rettungstaucher befinden sich in Sandviken; sie rücken etwa 100-mal im Jahr aus, auch nach Schiffskollisionen oder Segelunfällen. 

Christophersen gehörte 18 Jahre lang dazu. "Die Polizei ruft sie immer dann, wenn Menschen vermisst werden und es Anhaltspunkte gibt, dass sie im Meer oder in einem See verschwunden sein könnten." Hinzu kämen Selbstmordversuche. "Wenn jemand auf einer Brücke steht, fahren wir mit dem Boot raus und haben dann auch Taucher an Bord." Etwa zur Askøybrücke über dem Byfjord, einer Hängebrücke im Stil der Golden Gate Bridge, 1992 erbaut und mit 62 Metern so hoch, dass selbst Kreuzfahrtschiffe durchpassen.

In Bergen gibt es selten Probleme mit Schnee.
Schnee, Chemie und Regen: Mit Schnee hat Bergen selten zu kämpfen.
Quelle: Patrick Ohligschläger

Brand auf norwegischer Passagierfähre

Ganz genau erinnert sich Kjell-Ove Christophersen an einen Einsatz im Jahre 2004: "Ein Lastschiff, das Steine aus der Nordsee geladen hatte, rammte einen Felsen und kippte innerhalb von zwei Minuten um. Die Mannschaft war eingeschlossen. Wir konnten sie nur noch bergen." Leider hat Rettungstauchen meist mit Bergung zu tun. Dennoch sehen sich die Taucher, wie alle Feuerwehrleute, als Lebensretter. "Selbst wenn nur noch geborgen werden kann, ist das für die Angehörigen wichtig - für einen Abschied, für ein Begräbnis", sagt Christophersen. 

Bei einem Einsatz im Jahre 2011, im rund 400 Kilometer nördlich gelegenen Ålesund, wurde auch die Bergener Feuerwehr zu Hilfe gerufen. Es gab einen Brand auf einem Hurtigruten-Schiff. Auf der legendären Postschiff-Route reisen heute mehr Touristen als Einheimische. Die Schiffe fahren täglich von Bergen bis nach Kirkenes, ganz im Norden, an die Grenze zu Russland. Die "Nordlys", 1993 in Stralsund vom Stapel gelaufen, nahm gerade Kurs auf Ålesund, als sich im Maschinenraum eine Explosion ereignete.

Nils Harald Ekerhovd
Wächter über das Material: Den tadellosen Zustand der Ausrüstung immer im Blick hat Nils Harald Ekerhovd
Quelle: Patrick Ohligschläger

Ein Großteil der Passagiere rettete sich auf andere Schiffe, zwei Besatzungsmitglieder starben. Die Rauchentwicklung war so gewaltig, dass die Innenstadt von Ålesund evakuiert, Katastrophenalarm ausgerufen und weitere Einsatzkräfte von Städten entlang der Küste angefordert werden mussten. Die Berge um Bergen sind von Tunneln durchlöchert; ein Brand dort zählt zu den brenzligeren Einsätzen. "Dafür haben wir acht Kreislauf-Atemschutzgeräte (Typ: Dräger PSS BG4 plus)", sagt Nils Harald Ekerhovd, als Service-Koordinator zuständig für das Material. Die Geräte liefern im Einsatz bis zu vier Stunden Atemluft. 

Im Straßenverkehr geht das Ölförderland Norwegen grüne Wege. Bereits jedes dritte neu zugelassene Auto ist ein Elektroauto. Das stellt die Feuerwehr vor neue Herausforderungen. Bei einem Brand sei zunächst zu klären, ob das Auto spannungsfrei ist, erst dann könne gelöscht werden. Wie Kjell-Ove Christophersen erklärt, fehlten bislang Erfahrungswerte. Erst zweimal brannte in Bergen ein Elektrofahrzeug. "Es braucht immens viel Wasser, um eine brennende Batterie zu löschen." 

Bei einem Einsatz seien 17.000 Liter Wasser geflossen. "Unter Wasserknappheit leiden wir hier ja glücklicherweise nicht", fügt er hinzu. Der Stationschef wollte schon als Jugendlicher Feuerwehrmann werden. Mitten in Bergen aufgewachsen, hat er als Kind einige Brände mitbekommen. Bergen habe da keine spezielle Rolle gespielt, das sei überall gleich gewesen: "Um 23 Uhr waren alle im Bett, kaum jemand hatte ein Telefon - es gab weder Feuerlöscher noch Rauchmelder. Wenn jemand ein Feuer bemerkte, musste er Alarm auslösen und auf die Feuerwehr warten." Es habe damals zwar nicht öfter gebrannt, "aber die Brände waren größer".

Bis heute stellen Hausbrände das größte Problem dar. Deshalb seien Rauchmelder und Feuerlöscher in jeder Wohnung Pflicht. "Die Bevölkerung ist auf einen möglichen Brand vorbereitet, weil ein solches Szenario an jeder Arbeitsstelle, egal ob Shoppingcenter oder Krankenhaus, einmal im Jahr trainiert wird." In ganz Norwegen geht die Feuerwehr im Dezember von Haus zu Haus. "Wir prüfen Notausgänge, Rauchmelder und Feuerlöscher."

Es gehe nicht nur um praktische Dinge, sondern auch darum, die Wachsamkeit aufrechtzuerhalten.

Übung macht den Meister Es brennt in einem präparierten Schiffscontainer:...
Übung macht den Meister Es brennt in einem präparierten Schiffscontainer: Für die Røykdykker („Rauchtaucher“) nur eine Übung – verbunden mit der Hoffnung, dass die Holzhäuser in der historischen Altstadt nie Feuer fangen
Quelle: Patrick Ohligschläger

"In Norwegen werden pro Kopf mehr Kerzen angezündet als sonst wo auf der Welt", weiß der Feuerwehrchef. Das liege am koselig, was in etwa "gemütlich" bedeutet und das Bedürfnis meint, dem dunklen Winter nicht allzu viel Raum zu geben. Überall stehen Lampen auf den Fensterbänken - und eben Kerzen. Hinzu kämen die Kaminöfen. "Wenn die vorher ein halbes Jahr nicht in Betrieb waren, geht beim Anfeuern schon mal etwas schief."

Drohnen mit Infrarotkameras

Glücklicherweise sei die norwegische Feuerwehr gut ausgestattet, personell wie finanziell. "Wir versuchen immer, die neuesten Technologien einzusetzen." Nils Harald Ekerhovd demonstriert, wie Infrarotkameras funktionieren. Er legt seine Hand kurz auf einen Metalltisch und richtet dann die Wärmebildkamera da rauf. Der Abdruck der Hand ist einwandfrei zu erkennen. "So lassen sich in verrauchten Räumen, wo es mitunter pechschwarz ist, Wärmequellen ausfindig machen - ob Glutnester oder am Boden liegende Personen." Eine der Drohnen ist ebenfalls damit bestückt. Die Drohnen kämen bei Waldbränden zum Einsatz, oder um Vermisste zu finden. Solchen technischen Hilfsmitteln gehöre die Zukunft, sagt Ekerhovd.

Nach jedem Einsatz prüfen Ekerhovd und sein Team die gesamte Ausrüstung. Die Chemikalienschutzanzüge etwa werden gereinigt. "Wenn der Typ mir sympathisch ist, darf er die Klamotten vorher ausziehen, sonst spritze ich den ganzen Mann ab", scherzt Ekerhovd. "Wenn mit Meerwasser gelöscht wurde, ist die Reinigung des Materials besonders aufwendig." Das Team muss sich darauf verlassen können, dass anschließend alles wieder einwandfrei funktioniert.

Die Feuerwehr ist auch für die Bekämpfung von chemischen Stoffen zuständig.
Die Bekämpfung chemischer Stoffe zählt zum Einsatzgebiet der Feuerwehr in der regenreichsten Stadt Norwegens
Quelle: Patrick Ohligschläger

Bereitet ihm die Verantwortung mitunter Sorgen? Ekerhovd wägt ab. "Wenn mir ein Kollege nach einem Einsatz sagt, dass etwas nicht in Ordnung war, komme ich schon ins Grübeln. Wir säubern und testen hier alles ganz genau, aber eine hundertprozentige Sicherheit gibt es einfach nicht." Sein Kollege Leif Erik Gjesdal fügt an, dass aber noch nie etwas Schlimmes passiert sei.

Kürzlich rückte ein Löschzug aus, zu einer Hytte - sie ist unabdingbarer Bestandteil eines norwegischen Lebens. Die Hütte, am See oder in den Bergen, wird weitervererbt. Man verbringt Wochen hier, im Sommer wie Winter. Ein Autofahrer hatte einen Brand gemeldet. Von einem Nachbarn bekamen sie die Handynummer. "Da keiner abnahm, befürchteten wir, dass noch jemand in der Hütte liegt", sagt Stationschef Christophersen. Das Team ging in voller Montur rein, aber die Hütte war leer. 

"Wir haben nicht herausbekommen, was die Brandursache war. Für derartige Untersuchungen ist die Polizei zuständig. Wir löschen nur." Zum Löschzug gehört eine fahrende Kommandozentrale, die auch über WLAN verfügt. Dort können Stadtpläne der Einsatzorte eingesehen und ausgedruckt werden, samt aller Hy dranten und Notausgänge. "Die Ausdrucke laminieren wir direkt im Wagen", sagt Christophersen. "Es regnet nun einmal viel." 

Wenn man so lange bei der Feuerwehr arbeitet, ändert sich dann auch das private Verhalten? "Ja, ganz automatisch", bekräftigt der Feuerwehrchef. "In fremden Gebäuden bin ich immer wachsam und zähle die Schritte bis zum Notausgang." Es sich nur optisch einzuprägen reiche nicht. Im Alarmfall schließen die Feuerschutztüren, und dann sähe plötzlich alles ganz anders aus. Das mache er auch auf Schiffen und Fähren so. "Im Notfall kann man sich nur auf sich verlassen.

Die Überlebenschancen sind in den ersten Minuten am größten.

Das gilt für alle Notfälle." Auch bei einem Feuer, oder wie Christophersen präzisiert: "Flammen, die außer Kontrolle geraten sind", könne man in den ersten Momenten leicht selbst löschen. "Alles, was danach kommt, ist schwierig bis gefährlich." Einmal hat er das in den eigenen vier Wänden erlebt. "An Weihnachten. Ich sah aus dem Augenwinkel, dass eine Kerze komisch flackerte - kurz darauf brannte es drum herum." Er konnte den Brand rasch mit einer Decke löschen. "Aber meine Familie hat große Augen gemacht, wie schnell aus Flammen Feuer wird."

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