Erfahrungen aus einer organisationsübergreifenden Einsatzübung

Alexander Zippel

M. Gonzalez Dehnhardt

Mehrere Zugunglücke wie im bayrischen Bad Aibling (Deutschland), bei Bari (Italien) oder auch die Terroranschläge auf die Metro von Brüssel (Belgien) in jüngster Zeit zeigen die Komplexität der Einsatzszenarien im Bereich der Bahn. Eine bereits im letzten Jahr bei Nacht durchgeführte Einsatzübung in der Nähe von Fulda, stellte die dort eingesetzten Rettungskräfte vor genau diese realitäts­nahen Herausforderungen.

Planung und Vorbereitung

Auf Initiative einer Gemeindefeuerwehr aus der Region und deren Weiterbildungsplanung entstand die Idee zu dieser Einsatzübung „MANV-Bahn“. Von der Idee bis zur eigentlichen Durchführung ging der Einsatzübung letztendlich eine mehrmonatige und nicht zu unterschätzende Planungsphase seitens des Übungsstabs voraus, bis alle nötigen Genehmigungen eingeholt und die Beteiligung der Deutschen Bahn, Bundespolizei, Nahverkehrsbahn, Reservistenkameradschaft, Kreisfeuerwehren, der Realistischen Notfalldarstellung und Schnelleinsatzgruppe (SEG) zugesagt war. 

Besonderheit der Übung war, dass nicht nur die Lage im Schadensgebiet mit zwanzig schwerverletzen Reisenden beprobt wurde, sondern im Rahmen der MANV-Lage zur Erstversorgung eine Patientenablage sowie zur Weiterversorgung und bis zum Abtransport der Verletzten ein Behandlungsplatz durch die Hilfsorganisationen eingerichtet wurde. 

Gerade die organisationsübergreifende Detailplanung der Lage, der einzusetzenden Rettungsmittel, der zeitlichen Abfolge sowie der erforderlichen medizinischen und organisatorischen Anforderungen musste sich sinnvoll verzahnen, um einen höchstmöglichen Realitätsgrad zu erreichen.

Einsatzübungen im Bereich der Bahn sind gerade aufgrund der Sicherheitsbestimmungen immer eine herausfordernde Situation für die Übungsstäbe, -beobachter und Rettungskräfte. Dazu wurden ausnahmslos alle Teilnehmer inklusive Pressevertretern und Gästen akkreditiert. Voraussetzung für die Teilnahme am Einsatztraining „Bahn“ bildete auch die vorgeschriebene Sicherheitsunterweisung aller Beteiligten durch die DB Netz AG. 

Als zusätzlichen Sicherheitsfaktor gab es Teilgleissperrungen, und  der Einsatzbereich wurde großräumig durch Einsatzkräfte einer lokalen Reservistenkameradschaft, der Feuerwehr und Bundespolizei abgesperrt. Bevor die nächtliche Einsatzübung um 23:45 Uhr startete, wurde der bereitgestellte Zug  im Inneren entsprechend des Szenarios mit zahlreichen Requisiten und den Verletztendarstellern bis ins Detail ausgestattet. Zur Steigerung der Sicherheit und zur Dokumentation für die spätere Auswertung gab es in allen Einsatzbereichen Übungsbeobachter.

geprobter Einsatz in einer Krisensituation
MANV-Bahn Einsatzsimulation
Quelle: M. Gonzalez Dehnhardt

Durchführung

Doch bevor die ersteintreffenden Rettungskräfte vom Einsatzleiter nach deren Alarmierung ins Gleis gesendet werden konnten, musste auf die Rückmeldung des Notfallmanagers und der Notfallleitstelle der DB Netz AG mit der Bestätigung der Freigabe der Gleise (Eigensicherung) gewartet werden. Parallel galt es, möglichst schnell das technische Gerät, Beleuchtung und weitere Einsatzmittel in das schwer zugängliche Gelände zu bringen und Einsatzabschnitte zu bilden. Nach der Lageerkundung mussten zuerst Zugänge in den Zug geschaffen werden, da die Zugtüren blockiert waren. In dieser Erstphase der Übung wurde bewusst ein Mangel an Rettungskräften des Rettungsdienstes simuliert, damit die Einsatzkräfte der Feuerwehr ihre Erste-­Hilfe-Kenntnisse unter Einsatzbedingungen anwenden mussten. 

Zu Beginn der zweiten Phase verzahnte sich dann der Einsatz der Rettungskräfte von Feuerwehr, Rettungsdienst und SEG. Die Verletzten wurden mittels Schienenrollwagen und Schleifkorbtragen aus dem Gleisbereich evakuiert. Die Übergabe, Versorgung und Registrierung der Verletzten erfolgte in der nahe­gelegenen Patientenablage. Von dort wurden die Verletztendarsteller unter Berücksichtigung der Sichtungskategorien an den Behandlungsplatz und dann in die vorab definierte Klinik (Gemeindezentrum) abtransportiert. Ende der Einsatzübung war um 02:00 Uhr, entsprechend dem vorgegebenen Zeitfenster durch die DB Netz AG. Die Einsatzkräfte kamen danach zur ­Abschlussbesprechung und der Verkündung des offiziellen Übungsendes in das nahegelegene Gemeindezentrum.

Zusammenspiel der Einsatzkräfte wird erprobt bei der MANV Bahn...
Rettungsdienst simuliert Verletzten Transport und Behandlung bei MANV Bahn Übung.
Quelle: M. Gonzalez Dehnhardt

Nachbereitung

Eine solche Einsatzübung dient nicht nur dazu, die bestehende Einsatztaktik und -konzepte zu vertiefen, sondern auch Verbesserungspotential zu identifizieren. Deshalb ist einer der wichtigsten Bestandteile einer solch groß angelegten Übung der gemeinsame, systematische und nachgelagerte Auswertungsprozess mit Reflexion der Arbeitsabläufe und Prozesse. Dazu wurden sowohl organisationsspezifische als auch interdisziplinäre Übungsnachbesprechungen angesetzt. 

Der strukturierte Erfahrungsaustausch und die gewonnen Erkenntnisse fließen bereits in neue Aktionspläne, Einsatzstrategien, Übungsschwerpunkte sowie einsatzspezifische Aus- und Weiterbildungen ein.

Fazit

Die realitätsnahe Einsatzsituation in neuem Einsatzumfeld bei Nacht stellte die 240 Einsatzkräfte der beteiligten Organisationen vor neue Herausforderungen. Diese waren u.a. das schwer zugängliche und auszuleuchtende Einsatzgebiet, das Gruppen- und Führungsverhalten in solchen Großübungen sowie die bahnspezifischen Rahmenbedingungen (bspw. beengte Platzverhältnisse oder Abtransport- und Evakuierungswege). Die Probleme wurden aber durch die kooperative Zusammenarbeit aller, sowie unter Zuhilfenahme von bahnspezifischen Einsatzmitteln gut gelöst. 

Deutlich wurde dabei auch der intensive Personal- und Materialaufwand bei einer solchen Schadenslage. 

Bei allen Organisationen wurde die Übung als gewinnbringend angesehen, um die Handlungssicherheit im Bereich des Bahn­umfelds sowie die interdisziplinäre Einsatzkommunikation und die Entscheidungsprozesse im Ernstfall zu verbessern.

Zusätzlich brachte es den Rettungskräften ein besseres Verständnis von den Arbeitsweisen der anderen Organisationen. Somit sind alle Einsatzkräfte um eine wertvolle Erfahrung reicher, von der sie zukünftig profitieren.

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