Löschflugzeuge für Deutschland – ­ überflüssig oder unverzichtbar?

Dr. Horst Schöttler

Sergio Echeverria Garcia, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license

Peter Billing vom Directorate A/2, Emergency Management der Europäischen Union, hält eine Lösung gegen Waldbrände bis 2024 für unverzichtbar: Bis dahin sollen die Nationalstaaten Löschmittel mit finanzieller Hilfe der EU kaufen, um der zunehmenden Bedrohung von Flächenbränden Herr zu werden. Von derzeit europaweit geschätzten 15 - 20 Lösch­flugzeugen seien nur 5 - 6 einsatzbereit. Diese ernüchternde Bilanz einer fragwürdigen Katastrophenprävention zog Billing auf dem 2. CP-Kongress des Beta Verlags am 17. Januar 2019 in Berlin.

Und verwies dabei die verheerenden Waldbrände in Schweden im vergangenen Sommer als größte Flächenbrände (bis zu 30.000 ha) in dessen neuerer Geschichte. Am 26. Juli 2018 brannte es an 20 Stellen, teils nördlich des Polarkreises. In einigen Landkreisen um Gävleborg konnte man sich löschtechnisch nur auf die räumliche Kontrolle beschränken, da die Feuerwände und -walzen unlöschbar waren.

Brandenburg kommt es immer wieder zu großen Waldbränden.
Brandenburg kommt es immer wieder zu großen Waldbränden.
Quelle: Bild: Thilo, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license

Zahlreiche Nachbarstaaten folgten dem Hilfeersuchen. Deutschland half mit niedersächsischen Kräften: über 50 Feuerwehrleute mit 11 Fahrzeugen. Und Frankreich, Italien, Norwegen schickten Löschflugzeuge. Auch kommerzielle Flugunternehmen, so die HTM Helitravel aus Taufkirchen bei München war mit einem Helikopter vor Ort.

Wenige Wochen später brannten die Wälder um Potsdam: Aus den Orten Frohnsdorf, Klausdorf und Tiefenbrunnen wurden etwa 500 Menschen evakuiert – sie verbrachten das Wochenende um den 26. August in Sammelunterkünften, bei Freunden und Familienangehörigen. Im war Einsatz ein Räumpanzer der Bundeswehr, der Schneisen als Sicherheitsstreifen pflügte und Hubschrauber von Bundeswehr und Polizei, da in den ehemaligen Übungsplätzen der NVA Munitionsreste hochgefährend für die Helfer waren.  Facetten am Rande: Die Hilfsbereitschaft für die rund 400 Einsatzkräfte, überwiegend freiwillige Feuerwehrleute, war riesengroß, so der Landkreis Potsdam-Mittelmark. Die kriminaltechnischen Ermittlungen auf Brandstiftung brachten keine Erkenntnisse. 

Anfang September folgte der Moorbrand von Meppen. Es dauerte  fast vier Wochen, bis die nahezu pro Tag 2.000 eingesetzen Helfer von Bundeswehr – Soldaten und Feuerwehren –, freiwilligen Feuerwehren und THW sowie der Polizei und der Hilfsorganisationen das Großfeuer löschen konnten.

Der außergewöhnlich heiße und trockene Sommer hat die Entstehung des Brandes begünstigt: Genährt wurde das Großfeuer durch ausgetrocknete Torfschichten, wobei sich die Flammen teils unterirdisch durch die ausgedehnten Flächen des Hochmoors bis zu 60 cm Tiefe fraßen. Angefacht durch die vorherrschenden Westwinde zog der Rauch weithin über das Land; Brandgeruch erstreckte sich bis Hamburg.

Waldbrände in Europa

 Die Ausstattung mit welchen und wie vielen Löschmitteln ist eine Frage der Zahl und Art der Schadensfälle. Betrachtet man die Statistik der Waldbrände 2017 (Quelle: BMEL), so liegt der Schwerpunkt auf Südeuropa, gefolgt von Skandinavien und Polen. 

Hierzu einige Zahlen: Portugal = 21002; Spanien = 13792; Italien = 7855; Schweden = 5276; Frankreich = 4403; Polen = 3592. 

Griechenland folgt zwei Stufen später. Doch 2018 war die hellenische Halbinsel ein grausames Beispiel für ein tödliches Inferno: Im Juli brannten die Wälder an der Ägäis und die Ferienorte Marathon, Mati und Rafina bis auf die Grundmauern nieder. 92 Menschen verloren ihr Leben, tausende Hab und Gut und viele Griechen das Vertrauen in den Staat.

Denn neben der unkontrol­lierten Bauplanung scheiterte die Brandbekämpfung von Anfang an.  Defekte Warnsysteme, falsche und unkoordinierte Alarme, unbenutzbare Hydranten und überforderte Polizisten und Feuer­wehrleute (deren Wachstationen teilweise mitsamt der Ausrüstung selbst niederbrannten) ließen die politische Hilflosigkeit und administrative Leichtfertigkeit erkennen.

Bei den Brandursachen kam alles zusammen. Hitze, Trockenheit, starker Wind – Folgen des Klimawandels? Dazu eine hemmungslose Urbanisierung. Der Forstwissenschaftler Alexandros ­Dimitrakopoulos von der Universität Thessaloniki hat errechnet, dass die Feuerwalze durch Mati mit 100 Meter pro Minute lief und 1200 Grad Celsius erreichte. Er spricht von der „Rache der Natur“.

In Deutschland wurden 424 Waldbrände (2017) registriert; am meisten betroffen war Brandenburg mit 141 Feuern.

Bei Waldbränden wird eines klar: Sie erfassen große, oft forstlich unbewirtschaftete Flächen. Menschliche Eingriffe sorgen für „Zündstoff“ durch Monokulturen; die Folge sind Industriewälder mit leicht brennbaren harzigen Fichten und Kiefern, die durch gleiche Baumhöhen das Überspringen der Flammen von Krone zu Krone erleichtern.

Wälder – nicht als Grundlage der Ökologie, sondern als Element der Ökonomie. (Man beachte die „Eukalyptisierung“ der portugiesischen Wälder, die Brandhäufigkeit, das Verkohlen der Dörfer und das Verbrennen von hunderten von Menschen.....)

Feuerwehrexperten haben schon frühzeitig auf die Brandbekämpfungsmöglichkeiten im Wald hingewiesen; bereits 1953 haben sie wegen des unwegsamen Geländes empfohlen, Löschluftfahrzeuge einzusetzen. Das können Starrflügelflugzeuge mit Wassertanks, Flugboote und Amphibienflugzeuge und Hubschrauber mit Außenbehältern sein. Prinzipiell müssen für den Einsatz Binnengewässer wie Seen und Flüsse nahe sein, um Wasser aufzunehmen und einen kurzen Pendelverkehr zu sichern. Denn das Aufnehmen des Wassers benötigt nur Minuten, das Abwerfen der Wasserlast dauert sogar nur wenige Sekunden. 

Das Fliegen von Löscheinsätzen ist grundsätzlich gefährlicher als normale Flüge. Gründe hierfür sind die durch die hohen Temperaturen entstehenden Windböen und Scherwinde. 

Zum Einsatz kommen daher auch Agrarflugzeuge, die zwar nur kleine Wassermengen mitführen, aber durch ihre Konstruktion auf kurzen und unbefestigten Pisten landen und starten können und sich durch hervorragende Langsamflugeigenschaften auszeichnen.

In Deutschland verfügen die Bundeswehr und die Bundespolizei über Hubschrauber, die entweder fest installierte Wassertanks oder Außenlastbehälter am Lasthaken einsetzen (bei der CH 53 bis zu 5000 Liter).

Erstversuche mit Löschdrohnen sowie Beobachtungsdrohnen wurden 2015 und 2016 in den USA durchgeführt. Auch in Finnland und Lettland gab es 2017 erste Tests.

Braucht Deutschland Löschflugzeuge – hier eine Canadair CL-415 – oder...
Braucht Deutschland Löschflugzeuge – hier eine Canadair CL-415 – oder nicht?
Quelle: Sergio Echeverria Garcia, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license

Löschflugzeuge in Deutschland

Die Rettungs- und Löschorganisationen verfügen über keine staatlich finanzierten Einheiten. Vielmehr ist die „Deutsche Löschflug Rettungsstaffel (DLFR)“, ein Privatunternehmen mit Sitz in Schwandorf (Oberpfalz), auf solche Einsätze spezialisiert. Gegründet 2007 kann die Firma mit 19 Mitarbeitern zwei Löschflugzeuge anbieten, die sie vertraglich von Löschflugzeugbetreiberfirmen chartert: Eine PZL M 18 Dromader (2200 Liter Löschwasser) und eine PZL 106 Kruk (1000 Liter Löschwasser). Zur Waldbrandbeobachtung steht eine Cessna 172 bereit.

DLFR agiert bundesweit und erreicht jeden Ort spätestens fünf Stunden nach Alarmierung. Die Finanzierung erfolgt auf der Grundlage der geltenden Gesetze von Bund und Ländern.

In Bayern ist die DLFR eine Einheit des Katastrophenschutzes. Die Zusammenarbeit mit den Feuerwehren ist auch deshalb eng, weil die Löschwasserbefüllung durch diese erfolgt.

Im Alpinbereich treten besondere und besonders schwer zu bekämpfende Waldfeuer auf. Beispiel: Schwarzenberg in Oberbayern nahe Rosenheim. Dort geriet am 20. August in einem extrem steilen und schwer zugänglichen Waldstück Krüppelwald in Brand. Brennende Wurzelstöcke und Glutnester, dazu ad hoc-Windböen erfordern mit dem Hubschrauber eine fliegerische Meisterleistung in engster Abstimmung mit anderen Helikoptern und den Bodenkräften der freiwilligen Feuerwehren. 

Auf der 500 x 300 Meter kleinen Brandfläche waren sieben Hubschrauber im Einsatz, die pro Maschine tagsüber bis zu 30 Löschflüge bewältigten. Die Koordinierung der Löscharbeiten für einen «punktweisen» Einsatz war eine besondere Herausforderung an die Einsatzleitung. Zudem gilt es, das Feuer im Frühstadium zu bekämpfen, die Alarmierungskette zu nutzen und Mann und Gerät so schnell wie möglich einzusetzen. Löscharbeiten vom Heli aus kommen dieser Forderung sehr nahe.

Brauchen deutsche Feuerwehren ­Löschflugzeuge?

Der Klimawandel ist in vollem Gange. Erhöhte Durchschnittstemperaturen, unregelmäßige Niederschläge, heftige Winde und Stürme, Dürren – alles Parameter für zunehmende Waldbrände. Der Waldbrandgefahrenindex (WBI) des Deutschen Wetterdienstes (DWD) wurde häufig auf Stufe 4 festgesetzt; den höchsten Wert 5 erreichte er im Juli 2018.

Bis August 2018 stiegen die Waldbrände von 424 (2017) auf 560 Brände an.

Die Auffassungen sind dennoch gegensätzlich!

JA! Der Direktor des GMFC, Prof. Dr. Johann Georg Goldammer, fordert kleinere Löschflugzeuge. Seine Arbeitsgruppe „Feuerökologie“ ist an der Forstwissenschaftlichen Fakultät der Universität Freiburg angesiedelt und ist ein assoziiertes Institut der United Nations University. Die Arbeitsgruppe ist darüber hinaus Träger des Global Monitoring Fire Center (GFMC), das unter dem Schirm der Vereinten Nationen sowohl Staaten als auch internationale Organisationen und die Einrichtungen der Vereinten Nationen in der Entwicklung von nationaler und internationaler Politik unterstützt, um Waldbrandkatastrophen zu reduzieren.

NEIN! Einer der Vizepräsidenten des Deutschen Feuerwehr Verbandes (DFV), Karl-Heinz Knorr, im Beruf als Ltd. Branddirektor Chef der Bremer Feuerwehr, hält Löschflugzeuge für nicht dringend erforderlich. Mit 1,1 Millionen «Feuerwehrlern» an 32000 Standorten sei die Löschinfrastruktur optimal. Stattdessen benötige man Tanklöschfahrzeuge mit hoher Geländegängigkeit, eine bessere Schutzkleidung und eine gefahrenorientierte Schulung der Einsatz- und Führungskräfte gegen Vegetationsfeuer.

So absolut ist sein Nein aber doch nicht, plädiert er doch für die Brandbekämpfung aus der Luft durch Bundeswehr-Hubschrauber. Am besten CH 53 mit 5000 Liter Außentanks und hier ständig drei einsatzbereite Crews.

Dahinter stehen sicher zwei Betrachtungen: einmal subjektiv die Tatsache, dass es weder in den Stadtstaaten Bremen und Hamburg noch in Schleswig-Holstein Waldbrände gab und objektiv, dass die Finanzierung von Luftfahrzeugen mit Löschfunktion dann geregelt wäre: im Etat der Bundeswehr. Angesichts der Verantwortung aller 16 Bundesländer für friedenszeitliche Großschadenslagen gäbe es keine Diskussion um Beschaffungs- und Wartungskosten, um die Stationierung... Zugleich ist das für den Krisenfall zuständige BMI außen vor.

Und was sagt ein unter dem Anonymus Robin am 1. August 2018 im Internet schreibender Feuerwehrmann?  «Deutschland ist am Boden gut aufgestellt, vernachlässigt aber die Brandbekämpfung aus der Luft mutmaßlich aus Kostengründen. Das ist unverantwortlich! Wer Brandbekämpfung aus der Luft stiefmütterlich behandelt, spielt mit dem Leben von Menschen.»  


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