Notfall im extremen Gelände

Bundeswehr/Lena Plostica

Die Rettungsleitstelle hat einen Hilferuf aus dem Gebirge erhalten. Für die Rettung leitet die Stelle eine GPS-Koordinate per Funkgerät an die Heeresflieger weiter. Ihr Auftrag lautet: Ein Verwunderter muss geborgen werden. Die Piloten müssen schnellstmöglich das unbekannte Gebiet, hoch oben in den Bergen, erreichen. 

Dieses Szenario erwartet die beiden NH-90-Piloten des Transporthubschrauberregiments 10 „Lüneburger Heide“ aus dem niedersächsischen Faßberg, die aktuell im Gebirgsflug ausgebildet werden. Zusammen mit ihrer Crew üben sie auf dem Hubschrauber NH-90 eine besonders komplexe Disziplin des Fliegens: das Aufnehmen von Personen und Verwundeten in extremer Umgebung. Dabei werden sie durch einen Fachmann für alpines Gelände, durch einen Heeresbergführer der VIII. Inspektion vom Ausbildungszentrum Infanterie in Mittenwald, begleitet. 

Bei der Hocherkundung des Unfallortes auf knapp 2.000 Meter Höhe gibt der...
Bei der Hocherkundung des Unfallortes auf knapp 2.000 Meter Höhe gibt der Bordmechaniker seine Erkenntnisse aus seinem Rundumblick an den Piloten weiter.
Quelle: Bundeswehr/Lena Plostica

Auf den letzten Blick

Vor Ort unternehmen die Heeresflieger als Erstes einen sogenannten Hocherkundungsflug, im Englischen High Recce oder auch High Reconnaissance genannt. Er hilft der Crew, sich einen Überblick zu verschaffen und die Situation einzuschätzen. Dabei stehen die Bordmechaniker in Höhe von 6.000 Fuß in der offenen Seitentür des Mehrzweckhubschraubers NH-90. Sie sind die erweiterten Augen der Piloten und beurteilen das Gelände, Wetter, Anflugmöglichkeiten sowie die Position der zu rettenden Person. In einer anschließenden Feinerkundung, die im Tiefflug erfolgt, werden alle eventuellen Gefahren beim Landeanflug eruiert. Die Bordmechaniker müssen in dem Probeanflug alle bisher ermittelten Parameter noch einmal genau unter die Lupe nehmen. Doch plötzlich kurz vor der Landung gibt es Probleme. Aus der Nähe wird schnell deutlich, dass der aus der Höhe erkannte Landeplatz durch Geröll und Eisplatten ein zu hohes Risiko birgt. Schnell muss eine andere Lösung gefunden werden. Die Crew entscheidet sich für den Einsatz der Seilwinde.

Am Seil zwischen Felsen, Eis und Wind

Doch bevor der Verletzte per Seilwinde an Bord gelangen kann, muss er erst einmal durch den Heeresbergführer und den Notfallsanitäter für den Transport stabilisiert und vorbereitet werden. Auch hier kommt zum Abseilen die Seilwinde zum Einsatz. „Solche Situationen führen bei der zu rettenden Person zu Unruhe.  Sie muss nun mit ihren  Verletzungen über ein Seil frei schwebend bis zum Hubschrauber gezogen werden“, weiß der erfahrene Heeresbergführer zu berichten. „Hier ist die Besonnenheit und das Empathiegefühl des Fachpersonals gefragt, um so für den Verwundeten ein Ruhepol zu sein.“

Bevor es mit dem praktischen Training beginnen kann, müssen sich die Piloten... Notfallsanitäter und Heeresbergführer bereiten die Trage vor, auf der ein...

Rettung - egal wo

Learning by doing, so heißt der Grundsatz bei dieser Ausbildung. Um das Fliegen und die Zusammenarbeit aller Beteiligten in diesem extremen Gelände zu perfektionieren, ist die praktische Ausbildung im Gebirge unerlässlich. Plötzlich auftretende Winde, Höhenunterschiede der Berge, schnell wechselndes Wetter, Wanderer im Gelände, aber auch Tiere, wie der heimische Adler, stellen hierbei die NH-90-Crew immer wieder vor Herausforderungen. In der Praxis wird deutlich: So ein Einsatz ist viel mehr als die Summe der Einzelfähigkeiten. Das Zusammenspiel zwischen Piloten, Bordmechanikern, Heeresbergführer und Sanitäter ist entscheidend. Oft haben die Rotoren beim Windeneinsatz nur Zentimeter Abstand zur Bergwand. Daher muss alles zwar zügig und dennoch ruhig, besonnen und koordiniert umgesetzt werden. Gerade dieses Zusammenspiel und die Erfahrung sind unter Realbedingungen noch einmal etwas ganz anderes als das Training in einem Simulator.

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