Bevölkerungsschutz im gesellschaftlichen Wandel

Prof. Alexander Fekete

Der Bevölkerungsschutz ist auf Ebene der Kommunen, der Länder und des Bundes in einem tiefgreifenden Strukturwandel, der als solcher zu wenig öffentlich bekannt oder wissenschaftlich untersucht wird.

Neben dem Anstieg des Lebensdurchschnittsalters und dem Geburtenrückgang ist unter gesellschaftlichem Wandel auch eine steigende Heterogenität der Gesellschaft durch Migration zu verstehen. Die veränderte Gesellschaftsstruktur stellt die operative Gefahrenabwehr vor neue Aufgaben, da der heutige Bevölkerungsschutz in großen Teilen durch ehrenamtliche Kräfte der Hilfsorganisationen, wie etwa freiwilligen Feuerwehren und THW, gewährleistet wird. 

Dieses Engagement unterliegt jedoch durch den strukturellen, gesellschaftlichen Wandel einer abnehmenden Tendenz und lässt die Notwendigkeit konzeptioneller und technologischer Lösungen steigen.

Herausforderungen:

  • Herausforderung für den Bevölkerungsschutz durch gesellschaftlichen Wandel
  • Flexible Arbeitszeiten führen zu abnehmendem Engagement im Ehrenamt (Stichwort Tagesalarmsicherheit Freiwillige Feuerwehr)
  • Neue Bevölkerungsgruppen durch Migration
  • Dadurch kulturelle und sprachliche Barrieren

Forschungsschwerpunkt

Der 2016 neu gegründete Forschungsschwerpunkt BigWa – Bevölkerungsschutz im gesellschaftlichen Wandel – untersucht an der Technischen Hochschule Köln neue interdisziplinäre Ansätze und Instrumente für Einsatzkräfte und Bevölkerung. Es ist ein Programm, das zunächst über vier Jahre vom Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung des Landes NRW und mit Eigenmitteln der TH Köln gefördert wird. Es besteht aus vier verschiedenen Fakultäten innerhalb der Hochschule, was den interdisziplinären Anspruch ausdrückt.

Generelles Ziel von BigWa ist es die gesellschaftlichen Herausforderungen anzugehen im Bereich 

  • Sicherheit, Teilhabe und sozialer Zusammenhalt im gesellschaftlichen Wandel 
  • Gesundheit und Wohlergehen im demographischen Wandel

Spezielle Ziele von BigWa:

  • Sicherstellung Schutzniveau
  • Sammlung guter Praxis
  • Beteiligung von Schlüsselpersonen
  • Neue IT Lösungen
  • Evaluation Schutzbedarf für sensible Daten
  • Aufbau Datenbankstruktur, inkl. Anforderungs- und Akzeptierungsprotokoll
  • Fallstudien
  • Handbücher
  • Lehr- und Qualifizierungsformate
  • Publikationen und Fachtagungen

Zusammenwirken verschiedener Disziplinen

Innovative IT-Systeme, wie etwa ein vernetztes Alarmierungssystem, können dazu beitragen die Kommunikation und Bündelung von Einsatzkräften im Großschadensfall zu sichern. Um dem Mitgliederschwund in den Organisationen entgegenzuwirken, ist die Gewinnung und Ausbildung von Nachwuchskräften eine wichtige Aufgabe. Hier soll das Potential der heterogenen Gesellschaft genutzt werden, indem sprachliche und (inter-)kulturelle Integration und Inklusion gefördert wird. 

Durch das Zusammenwirken der vier Disziplinen Angewandte Sozialwissenschaften, Rettungsingenieurwesen, Kommunikationswissenschaften und Informatik/Kommunikationstechnik wird es möglich, den Zusammenhang von gesellschaftlichem Wandel und Bevölkerungsschutz in seiner Komplexität differenziert zu erfassen. 

Durch den interdisziplinären Forschungsansatz wird ein innovativer Perspektivenwechsel ermöglicht, der von drei erweiterten Herangehensweisen geprägt ist:

  • Der Blickwinkel wird nicht auf die beruflichen Einsatzkräfte im Bevölkerungsschutz beschränkt, sondern wird systemisch auf das Akteursfelder der verschiedenen Altersgruppen der Bevölkerung, auf die lokalen Stakeholder (z. B. Stadtverwaltungen, Wirtschaft) und die Freiwilligendienste ausgeweitet.
  • Der Handlungskontext wird nicht auf die Intervention im akuten Schutzfall beschränkt, sondern es wird eine umfassende (integrative) Prozessperspektive eingenommen, die sich auf das Kontinuum von Prävention und Intervention bezieht.
  • Es wird ein räumlich differenzierender Blickwinkel eingenommen, um relevante Differenzen zwischen ländlichen, peripheren Regionen und Stadtregionen als Kontextmerkmale angemessen berücksichtigen zu können.
  • Hierzu entwickelt der beantragte Forschungsschwerpunkt „Bevölkerungsschutz im gesellschaftlichen Wandel“ Produkte in den Handlungsfeldern „Gesellschaftsstruktur und Governance“ Einsatzkräfte und Schutzziele im Bevölkerungsschutz“ und „Innovative IT-Entwicklungen“.

Im Rahmen der Untersuchungen werden demnach sowohl die betroffenen Zielgruppen und Nutzer als auch Regionen und deren spezifische Rahmenbedingungen identifiziert, die negative Auswirkungen begünstigen (z. B. Bevölkerungsdichte, Siedlungsstruktur etc.). Es werden hierbei auch noch wenig bearbeitete Fragestellungen spezieller Zielgruppen und neuartiger Raumbeziehungen untersucht, zum Beispiel:

Um Verbesserungspotentiale aufzuzeigen, überprüft dieser Forschungsschwerpunkt dabei auch das Potential der Einbindung von „ortsfremden“ Einsatzkräften (ausgebildete Kräfte von Freiwilligen Feuerwehren und Hilfsorganisationen, die außerhalb des Einsatzbereiches ihrer zugehörigen Feuerwehr/Hilfsorganisation verfügbar sind).

Das Ziel des Bevölkerungsschutzes, den Menschen in der Stadt, im Kreis oder im Dorf ein sicheres und sozial lebenswertes Umfeld zu liefern, erfordert eine leistungsfähige und einsatzbereite Schutzinfrastruktur. Die Bevölkerung, Verwaltungen und Einsatzkräfte müssen daher befähigt werden, das Gefährdungspotenzial innerhalb der Kommune zu erkennen und wirkungsvolle Schritte einzuleiten. 

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