18.07.2022 •

Ein Jahr nach Starkregen „Bernd“: Größter Einsatz in THW-Geschichte

Bonn. Das Ausmaß der Zerstörungen und das Leid für viele Menschen, die Starkregen „Bernd“ vor fast einem Jahr in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen verursachte, sind nur schwer fassbar. Das Unwetter, das am 14. und 15. Juli 2021 über verschiedene Regionen Deutschlands und die Nachbarländer zog, führte auch zum größten Einsatz in der Geschichte des Technischen Hilfswerks (THW). Rund 17.000 Einsatzkräfte aus allen 668 THW-Ortsverbänden kämpften in Bayern, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Sachsen gegen die Folgen der starken Regenfälle. Die Ehrenamtlichen retteten Menschen, pumpten Wasser ab, sicherten die Versorgung mit Trinkwasser sowie Strom, betrieben große Bereitstellungsräume und bauten die Infrastruktur wieder auf.

„Während des Großeinsatzes haben alle THW-Einsatzkräfte Unglaubliches geleistet. Auf diese außergewöhnliche Leistung aller Ortsverbände bin ich sehr stolz“, zieht THW-Präsident Gerd Friedsam Bilanz.

Seit dem Starkregen Mitte Juli 2021 leisteten rund 17.000 Helferinnen und Helfer aus allen THW-Ortsverbänden rund 2,6 Millionen Einsatzstunden – schwerpunktmäßig in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. 

„Erstmals waren alle 25 verschiedenen Typen von Teileinheiten des THW parallel im Einsatz: vom Retten und Bergen über das Räumen von Trümmern und Logistik bis hin zum Betrieb des Mobilen Hochwasserpegels und Deichverteidigung oder Baufachberatung und Einsatzstellen-Sicherungssystem. Auch jetzt sind die Kompetenzen des THW weiterhin gefragt, denn der Einsatz ist noch nicht beendet“, berichtet Gerd Friedsam. „Mein besonderer Dank gilt den Familien und Freundeskreisen, die unseren Helferinnen und Helfern den Rücken freigehalten haben. Aber auch den Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern unserer ehrenamtlichen Einsatzkräfte, die diesen lang dauernden Einsatz erst ermöglicht haben“, hebt Präsident Friedsam hervor. 

4.000 THW-Einsatzkräfte am Tag

Zu Spitzenzeiten waren täglich rund 4.000 THW-Einsatzkräfte aus Ehren- und Hauptamt im Einsatz. THW-Präsident Friedsam betont: 

„Dieser Einsatz hat gezeigt, wie wichtig eine enge Vernetzung im Zivil- und Katastrophenschutz ist. Mit unseren ehrenamtlichen Fachberaterinnen und Fachberatern haben wir die Krisenstäbe der Städte und Gemeinden beraten und die jeweils passenden spezialisierten Fachgruppen in den größten Einsatz der mehr als siebzigjährigen THW-Geschichte geschickt.“

In der ersten Einsatzphase stand im Mittelpunkt, Menschen zu retten und wichtige Infrastruktur wie zum Beispiel die Steinbachtalsperre bei Euskirchen zu sichern. Vielerorts setzte das THW dazu Hochleistungspumpen ein, die pro Minute bis zu 25.000 Liter – das entspricht etwa 150 Badewannenfüllungen – aus überfluteten Gebieten abpumpten. In den folgenden Tagen und Wochen prägten Räumarbeiten mit den schweren Baumaschinen des THW, die Überprüfung instabiler Gebäude und Brücken durch Baufachberaterinnen und Baufachberater sowie die Notversorgung mit Strom, Wasser und Licht das Einsatzgeschehen.

Mit vier Trinkwasseraufbereitungsanlagen an drei Einsatzstellen im Ahrtal versorgte die ehrenamtlichen Spezialistinnen und Spezialisten des THW viele tausend Menschen mit sauberem Wasser. Rund fünf Millionen Liter Brauch- und Trinkwasser stellten sie an zahlreichen Ausgabestellen entlang der Ahr bereit. Parallel sorgten THW-Einsatzkräfte dafür, dass stark verschmutztes Wasser gereinigt wurde. Mit Separationsanlagen bereiteten sie rund 3.750 Kubikmeter Öl-Wasser-Gemisch auf und trennten Wasser von Öl und Schlamm. Auch bei der provisorischen Wiederherstellung der Infrastruktur waren THW-Einheiten im Einsatz. Sie verlegten Rohre sowie Stromleitungen und machten Wege und Straßen wieder befahrbar.

Provisorischer Aufbau der Infrastruktur

„Für die Menschen in der Region war es ein wichtiges Zeichen, dass wir innerhalb kurzer Zeit wichtige Teile der Infrastruktur provisorisch wiederhergerichtet haben. Schon zwei Wochen nach der Katastrophe hatte das THW zum Beispiel die erste große Brücke über die Ahr fertiggestellt und somit eine wichtige Verkehrsverbindung wiederhergestellt“

erinnert sich Präsident Friedsam. Als einzige zivile Organisation, die provisorische Brücken bauen kann, hat das THW in den überfluteten Regionen bereits 24 Behelfsbrücken errichtet. Die Bauwerke des THW aus vorgefertigten Bauteilen haben inzwischen eine Gesamtlänge von mehr als 700 Metern erreicht. Vom Typ Bailey bauten THW-Einsatzkräfte mehrere Brücken, darunter auch zwei Bauwerke mit knapp 52 Metern Länge. Sie sind damit die längsten sowie größten Brücken, die das THW bisher errichtet hat. 

Nicht nur das THW zog für den Einsatz bundesweit seine Spezialistinnen und Spezialisten zusammen, die in der Nähe ihrer Einsatzstellen untergebracht werden mussten. Auch die Einsatzkräfte von Feuerwehren, Hilfsorganisationen, Polizei und Bundeswehr benötigten Unterkünfte. Dazu richtete das THW mehrere so genannte Bereitstellungsräume (BR) ein, in denen sich die Einsatzkräfte verschiedener Organisationen ausruhen konnten und verpflegt wurden. Am Nürburgring waren in einer Zeltstadt in Spitzenzeiten knapp 5.000 Einsatzkräfte untergebracht. Das Betriebsteam des BR ermöglichte mehr als 52.000 Übernachtungen, stellte mehr als 140.000 Mahlzeiten zur Verfügung und führte 800 Reparaturen an Einsatzfahrzeugen und Gerät durch.

Ehrenamtliche THW-Einsatzkräfte selbst betroffen

Aufgrund der großflächigen Zerstörungen durch den Starkregen waren auch THW-Standorte und THW-Einsatzkräfte direkt durch das Unwetter betroffen. Mehrere Unterkünfte von THW-Ortsverbänden wurden durch das Wasser beschädigt und Einsatzfahrzeuge sowie Ausstattung zerstört. Die Einsatzfähigkeit der betroffenen Ortsverbände ist inzwischen aber wieder vollständig hergestellt. 

Immer wieder erlebten die ehrenamtlichen THW-Helferinnen und -Helfer während des Einsatzes belastende Situationen. Um die eigenen Kräfte zu betreuen, hatte das THW mehrere Einsatznachsorge-Teams im Einsatz, die mit ihnen das Erlebte aufbereiteten und ihnen Unterstützung sowie Hilfe anboten. „Die Belastungen für unsere ehrenamtlichen Einsatzkräfte aufgrund der großflächigen Überflutungen und Verwüstungen waren enorm. Trotzdem setzten sie sich teilweise großen Risiken aus, um Menschen aus Lebensgefahr zu retten. Diese Leistung und der Einsatz in den darauffolgenden Monaten verdienen größten Respekt“, lobt der THW-Präsident ein Jahr danach das außerordentliche Engagement.


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