10.11.2022 •

Extremwetterlagen erfordern Spezialfahrzeuge im Katastrophenschutz

In der UNIversellen Katastrophenschutz-Einsatzeinheit UNIKE
der Johanniter NRW gehen Spezialfahrzeuge in den Einsatz

Tobias Eilers

Unimog-RTW der Johanniter bei einer Geländeübung
Lichtbildbude

Extreme Einsatzlagen erfordern spezielle Ausrüstung und Fahrzeuge – was banal klingt, sorgt in den zunehmenden Fällen von Extremwetterlagen für besondere Herausforderungen.

Die Johanniter NRW haben deshalb bereits 2017 ihre – in der Fachwelt viel beachtete – UNIverselle Katastrophenschutz-Einsatzeinheit UNIKE gegründet und mit einer großen Übung bei Köln erfolgreich erprobt. Seitdem haben sich die KatastrophenschützerInnen und ihre Fahrzeuge im Einsatz bewährt, um gemeinsam mit den BOS-Partnern verschiedenste Lagen zu erkunden, Menschenleben zu retten und Gesundheit zu erhalten.

Einer der größten, schwersten und tragischsten Einsätze ist die Hochwasser-Katastrophe im Juli 2021 mit 186 Toten, hunderten Verletzten und Schäden in zweistelliger Milliardenhöhe alleine in Deutschland. Bei verheerenden Unwettern mit Stark- und Dauerregen in NRW und Rheinland-Pfalz mit historischen Höchststände rissen die Wassermassen Menschen in den Tod und zerstörten Häuser und Infrastruktur. Schwerpunkte in NRW waren unter anderem Euskirchen, Rheinbach, Swisttal, Stolberg und Erftstadt.

Spezialfahrzeuge der Johanniter aus der UNIKE

Mit im Einsatz waren auch zahlreiche Komponenten der UNIversellen Katastrophenschutz-Einheit (UNIKE) der Johanniter NRW, die sich in den überfluteten Gebieten mit ihren Spezialfahrzeugen besonders bewährt haben.

1. UNIMOG-RTW

Die Johanniter aus dem Regionalverband Ruhr-Lippe haben sich für die Extrem-Einsätze der UNIKE einen Unimog-Rettungswagen angeschafft und ausgebaut. Der U 1300 L aus der 435er Baureihe fährt mit seinem direkteinspritzenden 5,7-Liter-Sechszylinder-Reihendiesel und 96 kW (130 PS) bei 2.800 U/min zwar maximal 80 km/h – ist aber ein Alleskönner in schwerem Gelände. Dafür sorgen acht Gänge, die zuschaltbare Vorderachse, 44 Zentimeter Bodenfreiheit und ein Meter Wattiefe, 100 Prozent Steigfähigkeit, bis zu 51 Grad Böschungswinkel und ein komplett neuer Aufbau als DIN-genormter Rettungswagen (RTW) inklusive Martinshorn und Blaulicht. Zu Bundeswehrzeiten war der Krankenkraftwagen (KrKW) noch mit vier Tragen ausgestattet. Heute dagegen ist Platz für drei Einsatzkräfte und einen Patienten auf einer speziell angefertigten Trage mit Aufzug (von „Strobel“) für die stark erhöhte Ladefläche.

Einige Daten:

Unimog U 1300L, 6-Zylinder-R, vierfach gelagerte Nockenwelle im Kurbelgehäuse, 8-Gang manuell, sperrbare Achsen, Verbrauch Diesel 20-22 L/100 km

Leistung: 96 kW (130 PS) bei 2.800/min

Hubraum: 5.636 cm3, Abmessungen L/B/H 5.735/2.345/3.010 mm

Radstand: 3.250 mm

zulässiges Gesamtgewicht: 7.500 kg

2. ATV

Das ATV (All Terrain Vehicle) aus dem RV Bergisches Land besticht mit robusten Fahrzeugeigenschaften und starker Geländegängigkeit. Die ATV werden vor allem zur Geländerkundung im schwierigen Terrain sowie für den initialen Transport der ErsthelferInnen zu den Verletzten eingesetzt. Die Fahrzeuge sind auch die heimlichen „Stars“ in einem unterhaltsamen Imagefilm des NRW-­Innenministeriums hier: „Clari im Ernst“ bei den Johannitern:
So geht ehrenamtlicher Katastrophenschutz — YouTube: www.youtube.com/watch?v=fJMNfaMfuGQ 

Einige Daten:

Motor: 1 Zylinder, 4-Takt, SOHC, flüssigkeitsgekühlt

Hubraum: 567 cm³

Max. Leistung: 33,8 kW

Max. Drehmoment: 48,8 Nm bei 5.700 U/min

Getriebe: Automatik PVT P/R/N/L/H

Antrieb: zuschaltbarer Allradantrieb, Turf Modus

Abmessungen: L/B/H 2730/1270/1752 mm

Radstand: 1.960 mm

Bodenfreiheit: 311 mm

Eigengewicht: 452 kg

Ausstattung: Dual A-Arm mit Anti-Sway Bar

Einzelradaufhängung, Parkbremse, Ladefläche hinten mit 136kg Zuladung, Anhängerkupplung, Seilwinde mit Fernbedienung, Zusatz­scheinwerfer, Sondersignalanlage

3. Unimog-ELW

Der Unimog-Einsatzleitwagen 1 der Johanniter aus dem RV Ostwestfalen besitzt die Standarddaten eines Unimog, zeigt aber im speziellen Ausbau seine ganze Stärke durch vielfältige Einsatzmöglichkeiten:

  • 2 Funk- / PC-Arbeitsplätze, 3 Plätze für Führungspersonal
  • Ausstattung mit Digitalfunk und als Redundanz noch 2m/4m-Analogfunk, auch mit der Möglichkeit eines Relaisstellenbetriebes; Telefon, Fax, Internet per Ethernet- bzw. LTE-Datenanbindung, WLAN- Versorgung
  • Um im Einsatz in der ersten Zeit völlig unabhängig zu sein: Verpflegung für 12 h an Bord, einschließlich Kühlung und Erwärmung, falls das Kfz z. B. an exponierter Stelle steht und mit normalen Fahrzeugen nicht erreicht werden kann.
  • 230V AC-Stromerzeugung über 5 kVA-Vorbaustromaggregat, Klimaanlage und Standheizung
  • Auf dem zugehörigen, hoch geländegängigen Anhänger sind verlastet:
  • Quick-Airshelterzelt zur „Vergrößerung“ der Besprechungsmöglichkeit
  • Propanheizung für das Zelt inkl. Tische und Stühle
  • Feldtelefone mit Leitungsmaterial, auch als Redundanz bei Ausfall der normalen Kommunikation
  • Erweitertes Material zur Lagedarstellung, z.B. Flipcharts, Beamer usw.

UNIverselle Katastrophenschutz-Einheit

Die drei hier exemplarisch vorgestellten Fahrzeuge sind Teil der UNIversellen Katastrophenschutz-Einheit UNIKE. Die UNIKE ist eine landesweite, organisationseigene, dezentrale Katastrophenschutzeinheit mit neuartigem modularem Aufbau in NRW. Sie besteht je nach Einsatzlage aus bis zu 200 Helfenden und insgesamt rund 50 Johanniter-eigenen Fahrzeugen und Gerätschaften aus nahezu allen Regionalverbänden in NRW. Die UNIKE ergänzt bestehende Strukturen im Rettungsdienst und Katastrophenschutz bei extremen Wetterereignissen und bei Einsätzen in besonders schwer zugänglichen Gebieten. Einsatzszenarien sind Flächenlagen nach Unwettereinflüssen, Rettungsdiensteinsätze in schwer zugänglichen Gebieten sowie Unterstützung in Großeinsatzlagen von Ordnungsbehörden. Die Einheit ist schnell, flexibel und agil in Nordrhein-Westfalen und auf Anforderung über die Landesgrenzen hinaus einsetzbar. Sie zeichnet hierbei besonders aus, dass sie ab Alarmierung vollkommen autark operieren und sich versorgen kann – auch über eine mehrtägige Einsatzdauer hinweg. Hierdurch werden Leitungsstrukturen vor Ort entlastet und erhalten Einheiten und Kapazitäten hinzu, ohne die notwendige Sekundärversorgung berücksichtigen zu müssen.

Die Katastrophenschutz-Innovation UNIKE ist sehr interessant für HelferInnen, weil sie sich speziell aus- und weiterbilden, zum Beispiel beim Fahren in schwierigem Gelände, und überörtliche, mehrtägige Groß-Einsätze leisten können.

Neukonzeption der UNIKE nach ­Hoch­wasser-Katastrophe

Die NRW-Johanniter haben nach der Hochwasser-Katastrophe ihren gesamten Einsatz evaluiert, ihre Veränderungsbedarfe analysiert und Optimierungen zeitnah umgesetzt. In die Neukonzeption sind auch die Vorschläge aus ihrer Mitarbeit im „Kompetenzteam Katastrophenschutz“ des Landes NRW unter Leitung von NRW-Innenminister Herbert Reul eingeflossen (siehe Digitalisierung, Übungen und Krisenreaktionszentrum: Kompetenzteam Katastrophenschutz legt Abschlussbericht vor | IM, vgl. u. a. Punkt 8 der Empfehlungen).

Bei der Evaluation wurden mehrere Optimierungsbedarfe erkannt: Für die Akutphase der Erstversorgung von Betroffenen (field care) bei zerstörter Infrastruktur an Einsatzorten können erhebliche Verzögerungen bei der Lageerkundung sowie der Versorgung von Betroffenen und Verletzten durch den gezielten Einsatz von mehr geländegängigen Fahrzeugen spürbar verringert werden. Gleiches gilt für den Transport von Verletzten und die Betreuung von weiteren Betroffenen. Ferner ist die Versorgung der eingesetzten Kräfte essentiell für die Durchhaltefähigkeit und Einsatzbereitschaft von Personal, Fahrzeugen und Material. Jede Investition in autarke (Kommunikations-)Systeme verbessert die Koordination der Einsatzkräfte beispielsweise beim Netzausfall.

Mit ihrer Neukonzeption wurde die UNIKE in vier Modulen aufgestellt. Somit können präzise die von den BOS vor Ort benötigten Komponenten in den Einsatz gebracht werden und dort autark agieren. Zum modularen UNIKE-Verbund gehören vier Komponenten: M1 Führung, M2 Erkundung und Lotsen, M3 Sanitäts- und Rettungsdienst, M4 Logistik und Eigenversorgung.

Modul 1: Führung

Das Modul „Führung“ koordiniert – je nach Anforderung – die einzelnen Module oder den UNIKE-Gesamtverbund. Es stellt den SPOC (Single Point of Contact) für die alarmierende Stelle dar und besteht aus:

  • einem Kommandowagen (KdoW) als Vorauskommando in geländegängigem Fahrzeug (beispielsweise Pickup) mit zwei Einsatzkräften
  • einem geländegängigen Einsatzleitwagen 1 (Unimog) mit drei Einsatzkräften

Das Vorauskommando prüft die Einsatzlage für weitere nach­rückende Kräfte. Bei Bedarf kann ein Einsatzleitwagen 2 hinzugezogen werden.

Modul 2: Lageerkundung und Lotsendienste

Dieses Modul stellt „Lageerkundung und Lotsendienste“ sowohl bodengebunden durch geländegängige Kleinfahrzeuge als auch Luftfernerkundung via Drohnen bereit. Dabei kommen geländegängige Krafträder, ATV und Quads sowie UAV (Unmanned aerial vehicle) zum Einsatz. Durch die Kombination dieser verschiedenen Einsatzmittel können selbst anspruchsvollstes Terrain oder von zerstörter Infrastruktur betroffene Gebiete schnell und zuverlässig erkundet werden. Im Rahmen der Erkundung können weiterhin für die Flächen- und Trümmersuche von Personen Rettungshunde-Staffeln hinzugezogen werden.

Modul 3: Sanitäts- und Rettungsdienst

Das Modul „Sanitäts- und Rettungsdienst“ besteht aus zwei Komponenten: fünf hoch geländegängige RTW und KTW auf Basis von Mercedes-Unimog sowie ein extrem geländefähiger GW-San – jeweils nach DIN-Ausstattung und Besetzung mit Personal nach RettG NRW. Alle Fahrzeuge verfügen über eine hohe Wattiefe und viel Bodenfreiheit, sodass sie sich auch in teilüberschwemmten Gebieten zuverlässig einsetzen lassen.

Damit können Verletzte aus schwierigstem Gelände gerettet und zu einer Sammelstelle oder in ein Krankenhaus transportiert werden. Zusätzlich können 25 Patienten mit einem Behandlungsplatz 25 durch einen Gerätewagen (GW-San 25) versorgt werden, davon bis zu sechs Intensiv-Plätze.

Modul 4: Logistik und Eigenversorgung

Alleinstellungsmerkmal aller Module der UNIKE ist die autarke Versorgung der eigenen Einsatzkräfte unabhängig von der Einsatzdauer. So können sich Gesamteinsatzleitung und Stab voll und ganz auf den Einsatzwert der alarmierten Module verlassen und müssen sich nicht zusätzlich um deren Versorgung und zeitnahe Auslösung kümmern. Hierzu wird je nach Bedarf durch die eingesetzten Zugführer das Modul „Logistik und Eigenversorgung“ angefordert: Für Bereitstellung von Kraft-, Betriebs-, und Schmierstoffen, die Verpflegung, Unterkunft, Beleuchtung, die Bereitstellung von Strom und Wärme aller eingesetzten ­UNIKE-Module.

Im Hintergrund: Das Zentrallager

Über das NRW-Landeslager der Johanniter in Remscheid können zeitnah weitere Ausrüstungsgegenstände und Güter zur Bewältigung von Großschadenslagen und besonderen Ereignissen in großer Stückzahl herangeführt werden, so beispielsweise 1.000 Schlafplätze in Betten samt benötigtem Zubehör. Darüber hinaus verfügt der Standort über logistische Kapazitäten (bspw. Transportmöglichkeiten und Kommissionierung), die sowohl für den eigenen Bedarf als auch auf Abruf extern bereitgestellt werden können, darunter ein Betreuungsplatz (BtP) 200.

Alarmierung

Die UNIKE ist 24/7 über das Johanniter-Lagezentrum NRW für die Landesregierung, die Bezirksregierungen und die Kommunalverwaltungen erreichbar unter:
Tel. 0800 2699700, lagezentrum.nrw@johanniter.de
Weitere Informationen unter www.johanniter.de/unike


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