An schwer zugänglichen Stellen der Minneburg soll ein Kran das Arbeiten...
Mit einem Kran sollen Arbeiten an teilweise schwer zugänglichen Stellen der Minneburg erleichtert werden.
Quelle: THW
30.04.2019 •

Fachkräfte im Minnedienst

THW

Rund 40 THW-Helferinnen und -Helfer befinden sich seit dem frühen Freitagmorgen auf der Minneburg in Neunkirchen (Baden-Württemberg) im Einsatz. Gemeinsam sollen sie die einsturzgefährdete Mauer der mittelalterlichen Ruine abstützen und aussteifen.

Das Technische Hilfswerk (THW) wurde durch das Land Banden-Württemberg zur Sicherung der unter Denkmalschutz stehenden Minneburg gerufen. Teile der Burgmauer drohten einzustürzen und das historische Gebäude zu beschädigen. Nach einer ersten Erkundung des Einsatzortes durch das THW wurden mögliche Einsatztaktiken diskutiert und der Aufwand an Fachkräften besprochen. 

THW-typisch abstützen

Seit Freitag sieben Uhr befinden sich rund 40 THW-Helferinnen und -Helfer aus den fünf THW-Ortsverbänden Neunkirchen, Ladenburg, Widdern, Haßmersheim und Pfedelbach im Einsatz, um die alte und brüchige Mauer abzustützen und auszusteifen. Für die aufwendigen Abstützmaßnahmen werden verschiedene THW-typische Systeme eingesetzt und von einer Baufachberaterin bzw. einem Baufachberater koordiniert. 

Lasergestützt abgesichert

Während die Fachkräfte mit dem Abstützsystem Holz (ASH) beschädigte und von Einstürzen bedrohte Teile der Mauer absichern, kommt gleichzeitig auch das Einsatzstellen-Sicherungssystem (ESS) zum Einsatz. Mit dem lasergestützten System lassen sich über mehrere Messpunkte Bewegungen der Burgmauer überwachen, womit auch die Sicherheit der Einsatzkräfte erhöht wird. Um große Höhen und schwer zugängliche Bereiche zu erreichen und um Schwerarbeiten zu erleichtern, wird zudem ein Kran sowie das Einsatzgerüstsystem (EGS) eingesetzt. 

Die Sicherungsarbeiten an der Minneburg sollen noch bis zum Samstag fortgeführt werden. 


ASH = Abstützsystem Holz

Ein Dreieck für marode Decken

Mit dem Abstützsystem Holz (ASH) können beispielsweise marode Decken und instabile Wände abgestützt werden.

Nach Gasexplosionen oder Bränden drohen oftmals Gebäude einzustürzen. Um Einsatzkräfte und Anwohner zu schützen, setzt das Technische Hilfswerk unter anderem das Abstützsystem Holz ein. Mit dem ASH können die Einsatzkräfte marode Decken und instabile Wände abstützen und so ein Einsturz des Gebäudes verhindern.

Der Umfang des ASH ist beachtlich. Neben Holzbalken in verschiedenen Größen führt das THW bei einem Einsatz Kreissägen und Bohrmaschinen mit. Damit lässt sich das Holz vor Ort je nach Verwendungszweck leicht bearbeiten. Messgeräte sowie Stützen und Erdnägel sind ebenfalls Bestandteil des Inventars. Erdnägel ähneln einem übergroßen Zelt-Hering und dienen zur Fixierung des ASH im Boden. Die komplette Ausrüstung befindet sich auf einem Anhänger und ist somit jederzeit einsatzbereit. 

Beim Aufbau des ASH unterscheidet das THW zwischen zwei Stützmethoden. Die erste ist der sogenannte Stützbock, der bis zu 15 Meter in die Höhe reichen kann. Er besteht aus Bohlentreibladen, also Balken, die auf dem Boden liegen. Auf ihnen werden senkrecht stehende Streichbalken befestigt, es entsteht ein rechter Winkel. Um die Konstruktion zu stabilisieren, befestigen die Helferinnen und Helfer diagonal, zwischen Bohlentreibladen und Streichbalken, sogenannte Strebstützen, was dem Ganzen das Aussehen eines Dreiecks verleiht.

THW nutzt ein Abstützsystem aus Holz.
Einsatz der Abstützbalken aus Holz
Quelle: THW/Simon Tiffert

Die zweite Methode ist das Sprengwerk. Es wird verwendet, um zwei Wände gegeneinander abzustützen. Mit vorgefertigten Holzbalken lassen sich so individuelle Sprengwerke mit einer Spreizweite von bis zu zehn Metern herstellen. 

Einmal aufgebaut, bleibt das ASH meist bis zum Ende des Einsatzes stehen, das heißt in der Regel bis zum Wiederaufbau oder Abriss des Gebäudes. Das Holz wird danach in aller Regel nicht wieder für ein ASH verwendet, da es unter anderem durch Witterungseinflüsse nicht mehr hundertprozentig belastbar ist.

Nils Daun/Hochschule Bonn-Rhein-Sieg


ESS = Einsatzstellen-Sicherungssystem

Ein Tachymeter für die Sicherheit

Mit dem Einsatzstellen-Sicherungssystem (ESS) werden Einsatzstellen überwacht und die Rettungskräfte frühzeitig vor weiteren Gefahren gewarnt.

Beim Einsturz einer Eissporthalle im Januar 2006 in Bad Reichenhall kam erstmals das ESS zum Einsatz. Schneemassen brachten das Dach des Gebäudes zum Einsturz, wodurch mehrere Menschen verschüttet wurden. Weitere einsturzgefährdete Gebäudeteile erschwerten die Rettungsarbeiten. Nach vielen kleineren und größeren Einsätzen spielte das ESS nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs im März 2009 ebenfalls eine große Rolle. Einige Bereiche des Archivs waren nur teilweise eingestürzt, so dass es jederzeit zu weiteren Einstürzen kommen konnte. In bisher allen Fällen konnten die Einsatzkräfte durch den Einsatz des ESS gezielt eingesetzt und geschützt werden.

Das Einsatzstellen-Sicherungssystem ist in vielen Gefahrensituationen einsetzbar und sehr hilfreich. Nicht nur bei der Überwachung von einsturzgefährdeten Gebäuden und Trümmerstrukturen, sondern auch bei Deichen, Hanglagen und in Hochwassersituationen. 

Im Wesentlichen besteht das ESS aus Tachymeter, Stativ und einem Rechnersystem mit Datenübertragung über Funk oder Kabel. Das ESS erkennt frühzeitig kleinste Veränderungen durch Messung der Bewegungen. Diese sind häufig so minimal, dass das bloße Auge sie gar nicht wahrnehmen kann.

Nachdem Einsturz des Kölner Stadtarchivs wurde das ESS eingesetzt.
Einsatz des ESS nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs.
Quelle: THW/Michael Kretz

Wenn Gebäudeteile einzustürzen drohen, werden die statischen Schwachstellen farblich gekennzeichnet und nummeriert. Die markierten Schwachstellen dienen über Spiegelprismen dem ESS als Messpunkte. Die einzelnen Messpunkte werden in den Computer eingegeben und gespeichert. So kann das ESS mithilfe eines Lasers die gefährdeten Bereiche permanent und automatisch überwachen. Das Einsatzstellen-Sicherungssystem misst dreidimensional und millimetergenau. Veränderungen beispielsweise in einer Wandstruktur erkennt es sofort. Sobald die Daten abweichen und außerhalb eines vorgegebenen Toleranzbereiches liegen, ertönt ein Alarmsignal. Dieses warnt die Rettungskräfte, so dass sie die Einsatzstelle verlassen können, um nicht selber verletzt oder verschüttet zu werden.

Ein weiteres Einsatzgebiet für das ESS ist die Erkundung von hochwassergefährdeten Bereichen. Schnell können Straßenzüge oder auch ganze Ortschaften auf ihr Höhenprofil untersucht werden. So erkennen die Einsatzkräfte, wo das Hochwasser zuerst ankommen wird, und können ihre Arbeiten entsprechend planen.

Verena Hemmerling/Hochschule-Bonn-Rhein-Sieg


EGS = Einsatz-Gerüstsystem

Gut gerüstet

Unabhängig davon, ob es sich um einen Erdbebeneinsatz oder einen Hauseinsturz handelt: Rettungskräfte können erst dann aktiv werden, wenn ihre eigene Sicherheit gewährleistet ist. Als besonders flexibel und schnell zur Sicherung von Gebäuden oder Mauern hat sich das Einsatz-Gerüstsystem (EGS) des THW durchgesetzt.

Das EGS ist in vier Bausätze gegliedert. Diese sind in unterschiedliche Größen unterteilt und damit für verschiedene Aufgabengebiete konzipiert. So ist der erste Bausatz zur leichten Bergung gedacht, ermöglicht es aber auch, Geräte hochzuziehen oder abzulassen.

Sind alle vier Bausätze im Ortsverband vorhanden, können die THW-Helferinnen und -Helfer meterlange Stege bauen, Türme errichten und sogar Häuser abstützen. Ermöglicht wird dies durch ein umfangreiches Sortiment an Stahlrohren und Verbindungsstücken, mit denen sich in kurzer Zeit ein stabiles Gerüst errichten lässt. Diverse Hölzer, Stützen und Verankerungsmaterial ermöglichen dabei die Verbindung zwischen dem zu stützenden Gebäude und dem eigentlichen Gerüst. Gitterboxen mit Kleinmaterial komplettieren die Ausrüstung.

THW benutzt das Einsatz-Gerüstsystem
EGS wird vom THW eingesetzt.
Quelle: THW/Marc Rau

Zuständig für den Aufbau des EGS sind die Bergungsgruppen. In der Regel besitzen Ortsverbände nur den ersten Bausatz, können aber jederzeit weitere Bausätze anfordern. Bei größeren Abstütz- und Sicherungsmaßnahmen ergänzen sich mehrere EGS dank der normierten Teile. Somit stellen auch schwierige Einsätze mit hohem Materialaufwand kein Hindernis dar. Die Aufbauzeit für ein EGS beträgt zwischen wenigen Minuten für leichte Gerüste und mehreren Stunden für Laufstege, Türme und Abstützungen. Die vielseitigen Anwendungen machen es zu einem unverzichtbaren Helfer beim Stützen und Sichern.

Steffen Lindner/Hochschule Bonn-Rhein-Sieg

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