14.11.2019 •

LÜKEX 18: Gasmangellage in Süddeutschland – eine kritische Betrachtung

Herbert Saurugg

Membeth, Wiki Commons

Angenommen, auf einen Rekordsommer folgte ein Rekordwinter – und die Pipelines aus Russland, Norwegen oder den Niederlanden blieben leer. Katastrophenschützer übten bei LÜKEX 2018, was dann zu tun wäre. Frei erfunden ist der Engpass nicht, und nicht von ungefähr probten Behörden in Bayern und Baden-Württemberg besonders intensiv mit. Eine Gasknappheit hatte sich dort schon einmal angebahnt, 2012. 

Im Szenario wird eine besonders kalte Winterperiode angenommen. Durch eine polare Kaltfront sinken die Temperaturen auf bis zu -25 °C. Aufgrund dieser langanhaltend extremen Wetterbedingungen sinken die Füllstände der Gasspeicher. In der fiktiven komplexen Lage kommen viele technische, wirtschaftliche und wetterbedingte Faktoren hinzu, die zusammen zu einem Gasengpass führen.

LÜKEX, die „Länderübergreifende Krisenmanagementübung“, soll klären, wer was tun muss, um das Schlimmste zu verhindern.

„Manche behaupten ja, für so einen Engpass müssten viel zu viele Faktoren zusammenkommen“, sagt Christoph Unger, Chef des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). „Da kann ich nur sagen: Für Fukushima musste auch eine Menge zusammenkommen.“ Besser, man mache sich vorher auf alles gefasst.

Im Schnitt alle zwei Jahre prüfen Bund und Länder so ihre Krisentauglichkeit. Monatelang bereiten sie sich vor, prüfen Zuständigkeiten und Kommunikationskanäle.

„Erst einmal geht es darum, überhaupt die Konsequenzen zu verstehen“, sagt Unger. „Und dadurch wird auch klar, wer mit wem sprechen muss.“ 

Verglichen mit Blackout, Terror oder Naturgewalten wirkt ein Engpass in der Gasversorgung harmlos. Ist er aber nicht.

Krankenhäuser etwa lassen sich nicht mehr beheizen, müssen also evakuiert werden. Das gleiche gilt vom Seniorenheim bis zum Knast. Büros bleiben leer, weil sie nicht mehr beheizt werden können: Die Arbeitsschutzregeln verlangen eine Raumtemperatur von 18 Grad Celsius. Menschen erkranken an Erkältungen, darunter aber dummerweise auch Ärzte und Apotheker. Leitungen frieren ein, obwohl sie frostfrei tief in der Erde verlaufen: Der Frost kommt über das Innere der Gebäude, wo die Leitungen ungeschützt liegen. Ställe, etwa Hühnerfarmen, lassen sich nicht mehr beheizen; Tiere verenden. Industriebetriebe stehen still und verlieren Millionen.

 „Das Ganze kann eine Eigendynamik annehmen, die ungeheure Ausmaße hat“, sagt Tina Linti, Expertin für Krisenmanagement bei der Bundesbehörde. „Und das versuchen wir zu simulieren."

In so einem Fall teilt man die Verbraucher ein in die schützenswerten und die weniger schützenswerten. Geschützt etwa sind in der ersten Phase die privaten Haushalte, sie müssen auf Heizgas nicht verzichten. Unternehmen aber müssen ihren Verbrauch drosseln.

Kommentar zum Hintergrund

Der Autor war als einziger nichtbehördlicher österreichischer Beobachter zum Begleitprogramm der LÜKEX eingeladen und konnte wieder einige sehr ernüchternde Erkenntnisse gewinnen. Auch wenn ein solches Szenario unwahrscheinlich erscheinen mag, hat etwa die Explosion am Gasknoten Baumgarten/Österreich 2017 gezeigt, wie schnell Dinge eskalieren können, obwohl hier durch viel Glück das Schlimmste abgewendet werden konnte. Tatsache ist aber, dass wir weit häufiger an kritischen Situationen vorbeischrammen, als der breiten Öffentlichkeit bekannt ist.

Auch wenn nur Teile des obigen Szenarios eintreten würden, würde auch das allemal ausreichen, um unsere Gesellschaft an den Rand der Belastbarkeit zu bringen. Denn wie bei der Stromversorgung handelt es sich auch bei der Gasversorgung um eine sehr wichtige Lebensader, die kaum als solche wahrgenommen wird, ganz besonders im Winter. Und dabei geht es längst nicht nur um das Heizen. Denn wie im Begleitprogramm auch dargestellt wurde, gibt es viele unterschätzte Wechselwirkungen und ein enormes Schadenspotenzial durch schwer abschätzbare bzw. oftmals nicht bekannte oder berücksichtige Dominoeffekte oder Kettenreaktionen. Das hat sich auch 2012 gezeigt, als man den Gaskraftwerken die Gaszufuhr als Großverbraucher reduziert hat, was zusätzlich die kritische Situation im Stromnetz verschärfte. Dieser Zusammenhang, obwohl eigentlich banal, wurde erst im Nachgang bewusst und kritisch hinterfragt. 

Wenn man einem Krankenhaus das Gas abdreht, kollabiert der Betrieb. Eine Evakuierung wohin? Aber ein Krankenhaus ist ein Großverbraucher und würde noch deutlich vor den Haushalten von der Gasversorgung gekappt. Die Haushalte sind gemäß den aktuellen Krisenplänen als „geschützte Kunden“ erst ganz zum Schluss dran. Klingt gut, ist es aber nicht. Denn das würde nicht nur bedeuten, dass zuvor schon die Gesundheitsversorgung kollabiert ist, sondern noch deutlich früher die gesamte Wirtschaft und damit auch die Versorgung mit lebenswichtigen Gütern! Denn mehr als die Hälfte der Lebensmittelproduktion ist von der Gasversorgung abhängig. Und auch da geht es nicht nur um die reine Lebensmittelbranche. Denn wenn zuvor schon Chemieparks von der Gasversorgung abgeschnitten werden müssen, bricht die ganze Verpackungsindustrie zusammen. 

So wurde etwa auch deutlich, dass eine Gasversorgungsunterbrechung in Chemieparks zum Totalstillstand der Produktion und zu Milliardenschäden führen würde. Und das sind nur ganz wenige Beispiele, die verdeutlichen, wie verwundbar unser modernes Leben mittlerweile ist und wie fatal sich weitreichende Infrastrukturausfälle auswirken würden. Eigentlich haben wir hier schon eine selbstmörderische Effizienz geschaffen. Bleibt nur zu hoffen, dass schon alles nicht so schlimm kommen wird, wie es möglich wäre. Ob das eine gute Taktik ist, oder ob wir damit zu „stummen Zeugen“ der Evolution werden, wird die Zukunft zeigen.

Zur Übung selbst

Die rund 150 Beobachter aus ganz verschiedenen Bereichen waren nur sehr am Rande in das tatsächliche Übungsgeschehen eingebunden. Es ging vielmehr um den Überblick über das gesamte Thema. Die Übung war natürlich ein Erfolg, weil jedes Üben ein Erfolg ist, unabhängig von den daraus zu ziehenden Schlüssen. Das soll auch so kommuniziert werden. Das Problem ist aber, dass man sich gern wie auch in Österreich (siehe die „Combined Success“ Übung „Blackout“ in Kärnten) gegenseitig auf die Schulter klopft und der Öffentlichkeit kommuniziert, „Wir haben geübt und nun alles im Griff“. 

Aber gerade bei weitreichenden Infrastrukturausfällen kann man gar nichts im Griff haben, wenn die Bevölkerung sich nicht vorbereitet hat! Und die wird das nicht tun, wenn die Krisenstäbe suggerieren, alles im Griff zu haben, auch wenn man im Nebensatz die notwendige Vorsorge erwähnt. Hier wäre es vielmehr notwendig, aufzuzeigen, wo wir heute stehen und wie verwundbar wir sind, und dass nur gemeinsame Anstrengungen dazu führen können, dass wir auch solch mögliche Krisen bewältigen können. Dazu gehört auch, dass wir endlich aufhören sollten, von „äußerst unwahrscheinlichen“ Szenarien zu sprechen. Denn warum sollte sich dann irgendjemand darauf vorbereiten? Wir wissen nicht, was genau kommt, aber es gibt mittlerweile viele Möglichkeiten, die zu weitreichenden Versorgungsengpässen führen können, auch wenn wir uns das heute in Anbetracht der überfüllten Regale kaum vorstellen können. Das kann sich aber schlagartig ändern. Leider ist es dann bereits zu spät. Krisenübungen sind wichtig, um die Kommunikationsprozesse zwischen den involvierten Akteuren zu verbessern. Sie tragen aber nur indirekt zur besseren Krisenbewältigung bei. 

Wie die Übungsentwicklung auch gezeigt hat, ist davon auszugehen, dass staatliche Stellen dazu neigen, tatsächliche Probleme möglichst lange nicht anzusprechen. Damit werden fundamentale Entscheidungen aufgrund „von noch fehlenden Informationen“ nicht rechtzeitig oder gar nicht getroffen, was letztendlich dazu führt, dass kaum mehr ein Handlungsspielraum – vor allem für die Bevölkerung – bleibt und damit die Katastrophe noch schlimmer ausfällt als eigentlich notwendig. All jene, die noch immer glauben, dass dann schon jemand für sie sorgen wird, werden dann besonders unsanft erwachen. Gerade bei solch weitreichenden Szenarien wie Infrastrukturausfällen können die Probleme nur möglichst an der Basis, also dort, wo sie auftreten, gelöst werden. Alles andere ist eine unverantwortbare Illusion. Und das müssen alle Beteiligten den Menschen endlich ernsthaft klar machen!

Als Conclusio nimmt der Autor wieder einmal mit, dass wir noch deutlich verwundbarer sind, als das bisher bewusst wahrgenommen wurde und dass ein Blackout in Mitteleuropa mit Sicherheit zur größten Katastrophe nach dem Zweiten Weltkrieg führen wird! Nicht, weil es möglich ist, denn solche Ereignisse treten immer wieder auch in anderen Weltregionen auf, sondern weil wir derart ignorant, blauäugig oder auch überheblich sind, um uns ernsthaft damit auseinanderzusetzen.

Nochmals: Die LÜKEX 18 und jede weitere solcher Übungen sind ein Erfolg, da wir dabei Wichtiges dazulernen können! Kritisch zu sehen ist nur, was dazu begleitend von Verantwortungsträgern in die Öffentlichkeit kommuniziert wird. Die Schwierigkeit besteht darin, dass über Jahrzehnte nicht Klartext gesprochen und eine „Vollkasko-Gesellschaft“-Illusion geschaffen wurde. Zukunft passiert nicht einfach, wir gestalten sie. Je länger wir warten, desto mehr werden wir an Handlungsspielraum verlieren. Beginnen wir daher endlich mit einer offenen und ehrlichen Kommunikation über die tatsächlichen Gegebenheiten. Das soll kein Aufruf zur Panikmache sein! Wir müssen endlich auch zu uns selbst ehrlich sein und nicht auf Versprechungen bauen, die oft wie ein Einlullen wirken, die wir aber gern glauben, weil es unsere Hoffnung nährt.  


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