Einsatzkräfte-Alarmierung per Mobilfunk setzt sich durch

Frank Bärmann

Andreas Wiese

Den digitalen Mobilfunk gibt es bereits seit den 90ern. Doch erst jetzt wird dieser genutzt, um Einsatzkräfte in Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben zu alarmieren. Sicherheitsprobleme, fehlende Netzabdeckung und sonstige technische Gegenargumente waren der Grund, dass die Mobilfunktechnologie in diesem sensiblen und lebenswichtigen Bereich nicht genutzt wurde. Stattdessen entwickelte man eigene Alarmierungssysteme, die teils überhaupt nicht mehr der modernen Technik entsprechen. Je nach Landkreis findet die Primäralarmierung der Einsatzkräfte immer noch mittels Sirenen, analoger Funkmeldeempfänger mit Fünftonfolge oder mithilfe des POCSAG-Protokolls auf einem analogen Funkkanal statt. Nur das neue TETRA-System arbeitet digital, benötigt aber den zeit- und kostenintensiven Aufbau eines eigenen Funknetzes.

Erst die Entwicklung eines kleinen Multi-SIM-Pagers der Firma Unitronic, der über Roaming jedes verfügbare Mobilfunk-Netz nutzen kann und über eine virtuelle Standleitung auf Basis einer gesicherten IP-Verbindung kommuniziert, brachte den Stein zum Rollen. Eine Kooperation mit cubos Internet, die die webbasierte Alarmierungslösung GroupAlarm entwickelt haben, machte sämtliche Argumente gegen die Nutzung der vorhandenen öffentlichen Mobilfunknetze obsolet.

Für die BOS bedeutet der neue Ansatz eine massive Zeiteinsparung und eine Kosteneinsparung in Millionenhöhe, weil keine eigenen Funknetze auf- und ausgebaut oder gepflegt werden müssen. Dagegen liegt die GSM-Netzabdeckung in Deutschland bei allen Providern bei fast 100 Prozent. Das mobile Internet hat vor allem im Osten und im ländlichen Raum noch vereinzelt Lücken. Erste Nutzer und Vorreiter bei der Digitalisierung sind der Landkreis Emsland, die Flughafenfeuerwehr Düsseldorf und die Landesmesse Stuttgart.

Pilotprojekt: Landkreis Emsland

Der Landkreis Emsland in Niedersachsen gehört mit seinen 2.882 km² Fläche zu den größten Landkreisen der Bundesrepublik Deutschland. Es ist für den Landkreis eine besondere Herausforderung, eine flächendeckende und maximal zuverlässige Alarmierung von Rettungskräften zu gewährleisten.

Nachdem die viele Jahre eingesetzte Alarmtechnik über das analoge Gleichwellennetz des Landkreises Emsland „in die Jahre“ gekommen war, entschieden sich die Verantwortlichen 2013, neue technische Möglichkeiten zur Alarmierung der Feuerwehren und des Rettungsdienstes zu suchen, die nicht zwingend den Aufbau einer zusätzlichen Infrastruktur neben den vielen anderen Netzstrukturen voraussetzen. Denn der Aufbau eines komplett neuen digitalen „POCSAG-Alarmierungssystems“ war für den Landkreis wirtschaftlich kaum realisierbar.

GSM-Pager-Technologie zur Alarmierung.
GSM-Pager-Technologie zur Alarmierung.
Quelle: cubos Internet GmbH

Mobilfunktechnologie als Alternative zu POCSAG

Nach einem dreijährigen Feldtest entschied sich der Landkreis im Herbst 2017 komplett für die neue Alarmierungstechnologie. „Die eingesetzte GSM-Pager-Technologie hat sich als überdurchschnittlich praxistauglich bewährt und alle Erwartungen hinsichtlich einer sicheren und schnellen Erreichbarkeit erfüllt“, berichtet Landrat Marc-André Burgdorf. „Für uns war es wichtig, die Helfer schnell und sicher zu erreichen und zudem eine sofortige Rückmeldung an die alarmierende Leitstelle zu haben, also eine bidirektionale Kommunikation. Insofern brachte die Nutzung der GSM-Pager-Technologie deutliche Vorteile gegenüber den ­POCSAG-Technologien“, so Burgdorf.

Der Landkreis Emsland war die erste große Behörde in Deutschland, die sich komplett gegen die digitale Alarmierung mit z. B. POCSAG und für die Nutzung der vorhandenen öffentlichen Mobilfunknetze zur Alarmierung entschieden hat.

Flughafenfeuerwehr Düsseldorf: Primär- und Sekundäralarmierung

Wie an jedem Flughafen kommt auch der Düsseldorfer Flughafenfeuerwehr eine zentrale Rolle zu. Vom Flugzeug- und Gebäudebrandschutz über technische Hilfeleistungen, Unterstützung bei Gefahrgutunfällen bis hin zum Rettungsdienst sind zwei Feuerwachen rund um die Uhr im Dienst. Die dort Beschäftigten sorgen dafür, dass jeder Punkt des Bahnsystems innerhalb von höchstens drei Minuten erreicht wird. Um diese Reaktionszeiten dauerhaft zu gewährleisten, muss die Alarmierung der Einsatzkräfte perfekt funktionieren. Hier zählt jede Sekunde. Insbesondere technische Fehler bei der Alarmzustellung müssen nahezu bei null sein. Und genau in dem Punkt sahen die dortigen Verantwortlichen Verbesserungspotenzial im Vergleich zum bisher verwendeten Alarmierungssystem.

Lösung für die aktuellen Probleme

Markus Feier, Brandoberingenieur Technik und Beschaffung und stellvertretender Leiter der Flughafenfeuerwehr berichtet: „Diese Alarmierungslösung mit den GSM-Pagern ist die Lösung für unsere aktuellen Probleme. Aufgrund der hohen Auslösegeschwindigkeit der Pager konnten wir die Auslösequote weiter steigern und die Zahl der nicht zugestellten Alarme verringern.“

Der Düsseldorfer Airport setzt das neue System seit Dezember 2019 zur Primär- und Sekundäralarmierung ein. Eingehende Notrufe werden über die Sicherheitszentrale per gesicherter Schnittstelle an die Alarmierungssoftware übergeben, die alle im Dienst befindlichen Einsatzkräfte über den GSM-Pager alarmiert. Reichen die Einsatzkräfte nicht aus, können weitere, die nicht im Dienst sind, über ihre eigenen Smartphones zur Unterstützung benachrichtigt werden.

Landesmesse Stuttgart: Höhere Erreichbarkeit geschafft

Nur 355 Schritte vom Flughafen Stuttgart entfernt, erstreckt sich die Landesmesse Stuttgart auf einer Ausstellungsfläche von über 120.000 m². Jährlich finden hier rund 60 Messen und über 100 Kongresse mit mehr als einer Million Besuchern statt. Sicherheit hat hier oberste Priorität. Ein spezielles Sicherheitskonzept, das in Zusammenarbeit mit Behörden des Landes und des Bundes entwickelt wurde, garantiert diese. Dazu gehört u. a. auch ein reibungsloser Ablauf bei der Alarmierung der Werkfeuerwehr und der Sicherheitsabteilung, wofür die Leitstelle der Messe sorgt. Je schneller die Kollegen reagieren können, desto besser. Doch das war nicht immer so einfach wie heute.

Ziel: flächendeckende Netzabdeckung

Als immer deutlicher wurde, dass die vorhandene 5-Ton-Alarmierung über das 4m-Band des BOS-Netzes flächendeckend nicht zuverlässig funktioniert, suchte man nach einer Alternative. Sowohl der Ausbau der bestehenden Funknetzabdeckung als auch die In­­stallation eines 2m-POCSAG-Systems war für die Landesmesse nicht finanzierbar. Als dritte Alternative prüfte man deshalb die Alarmierungslösung GroupAlarm in Kombination mit den ERIC®-Pagern von Unitronic, die auf Basis der öffentlichen Mobilfunknetze arbeiten.

Leitstelle der Landesmesse Stuttgart.
Leitstelle der Landesmesse Stuttgart.
Quelle: Landesmesse Stuttgart

Intensive Testphase, klare Entscheidung

Es folgte eine intensive Testphase mit zwei ERIC®-Pagern, die parallel zur bestehenden 5-Ton-Alarmierung betrieben wurden. Aufgrund der sehr schnellen Alarmierung, der hervorragenden Netzabdeckung sowie der Ausfallsicherheit entschied sich die Messe Stuttgart letztendlich für die Kombination aus GroupAlarm und 50 Digitalpagern auf GSM-Basis.

Alle erreichbar. Mit und ohne Pager.

Betriebsstart des neuen Systems war bereits im Januar 2019 zur CMT, der weltweit größten Messe für Tourismus und Freizeit. Heute wird das System bei der täglichen Leitstellenarbeit zur Alarmierung der Werkfeuerwehr, der Sicherheitsabteilung, der Gebäudeleittechnik und des Winterdienstes genutzt. Auch Verantwortliche, die keinen Pager besitzen, werden zu Organisatorischem über Anruf oder SMS zuverlässig informiert.

Fazit

Für Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben, für Kommunen gleichwie für Unternehmen eröffnen sich mit der Nutzung der öffentlichen Mobilfunknetze für die Primäralarmierung ganz neue Möglichkeiten, einerseits kostengünstig und trotzdem schnell und sicher Einsatzkräfte zu alarmieren. Der erfolgreiche Einsatz beim Landkreis Emsland, der Flughafenfeuerwehr Düsseldorf und der Landesmesse Stuttgart zeigt, dass die Alarmierungstechnologie über die Mobilfunknetze für den breiten Masseneinsatz taugt.


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